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Bildungsfern

Ich weiß, man kann ohne Ende auf die "politische Korrektheit" schimpfen. Aber man wird nicht ohne sie auskommen.

Foto Burkhard Spinnen

Burkhard Spinnen

Es ist zwar allenfalls der zweitbeste Versuch, falsches und schädliches Verhalten durch die Ächtung eines bestimmten Vokabulars unterbinden zu wollen – entschieden der beste wäre es, radikale Aufklärung in den Köpfen zu leisten. Doch da das nicht immer gleich gelingt, kann es gelegentlich sinnvoll sein, diskriminierende Ausdrücke und Wendungen auf eine Art Index zu setzen.

Ein TÜV für die Korrektheit

Doch das enthebt uns keinesfalls der Pflicht, die politisch korrekten Worte und Wendungen einer immer neuen Prüfung zu unterziehen. Dabei lautet die erste Frage: Warum ausgerechnet dieses Wort? Warum Migrant statt Ein- oder Auswanderer, Afro-Amerikaner statt Schwarzer und so weiter? Was hat die Sprachgemeinschaft oder den Sprachzeitgeist dazu gebracht, genau dieses und kein anderes "korrektes" Wort zu wählen? Und die zweite Frage lautet: Wird es wirklich besser, wenn ich X statt Y sage? Ich prüfe das jetzt einmal anhand des Beispiels: bildungsfern.

Das Wort hat sich durchgesetzt, wenn es darum geht, Einzelpersonen oder ganze Schichten zu charakterisieren, deren Bildungsgrad nicht den Anforderungen des Berufslebens entspricht, so dass die Betroffenen dauerhaft soziale Einbußen und Ausgrenzungen erleben müssen.

Perfekter Passiv

Früher hätte man gesagt: Die Leute sind ungebildet. Aber ungebildet ist ein Verb im Perfekt Passiv, und beides möchte man nur ungern hören. Das Perfekte, also Abgeschlossene nicht, denn das hieße ja, die Leute hätten keine Chance mehr. Und das Passive auch nicht, denn wenn einer nicht aktiv, sondern passiv gewesen ist, seien es die Leute selbst oder das System, das sie nicht gebildet hat, dann wäre ein Verschulden im Spiel. Und Politische Korrektheit heißt ja auch immer wieder: niemandem schnell den Schwarzen Peter zuzustecken.

einsame Insel, Symbolbild für 'fern der Bildung'

...fern der Berge, fern der Bildung

So ist es dann zu bildungsfern gekommen. Im Gegensatz zu ungebildet wird hier nicht die perfekte Passivität der Beteiligten an- und ausgesprochen, sondern eine ihrer Eigenschaften, die quasi naturgegeben zu sein scheint. Die Bildungsfernen leben fern der Bildung, etwa so wie die Bayern fern vom Meer und die Ostfriesen fern der Berge leben. Bildungsferne klingt eher nach Geografie als nach Charakter oder Schicksal oder Schuld.

Und deshalb plädiere ich hier mit aller Deutlichkeit gegen eine weitere Verwendung von bildungsfern. Bildungsfern ist ein schädlicher Euphemismus, der die wahren Verhältnisse verschleiert. Es muss im Bewusstsein der Allgemeinheit bleiben, dass es hier um Vorgänge geht, um Aktivitäten, die ausbleiben, und Passivitäten, die nicht überwunden werden. Wenn wir hingegen weiter von Bildungsferne reden, dann verwandeln wir das Resultat einer Fehlentwicklung in ein Naturphänomen. Und das darf auf keinen Fall geschehen!

Burkhard Spinnen, geboren 1956, schreibt Romane, Kurzgeschichten, Glossen und Jugendbücher. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Spinnen ist Vorsitzender der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Zuletzt ist sein Kinderbuch "Müller hoch Drei" erschienen (Schöffling).

Redaktion: Gabriela Schaaf

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