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Deutschlehrer-Info

Bildungschancen – nicht für jeden

Über 50 Prozent aller Schüler in Deutschland machen Abitur, so viele wie noch nie. Doch die Chancen sind ungleich verteilt. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt: Gerechtigkeit fehlt im Schulsystem.

Seit dem Schock, der nach den ernüchternden Ergebnissen der ersten PISA-Studie vom Jahr 2000 durch Deutschland ging, hat sich viel bewegt: Schüler haben mehr Spaß am Lesen und ihre Leistungen sind insgesamt besser geworden. Es gibt sogar einen erfreulichen aktuellen Rekord: Mehr Jugendliche als jemals zuvor, 51,1 Prozent, haben im Jahr 2011 die Hochschulreife erreicht. Zugleich ist die Zahl der Schulabbrecher gesunken: Nur noch 6,2 Prozent verlassen die Schule ohne Abschluss.

Doch die gute Nachricht ist getrübt, zeigt der aktuelle "Chancenspiegel 2013" der Bertelsmann Stiftung: Noch immer ist in Deutschland der Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft erschreckend hoch. Schon die erste internatioanale Schulleistungs-Studie (PISA) hatte gezeigt, dass in keinem anderen OECD-Land Bildung so stark sozial definiert war wie in Deutschland. Zwar gibt es positive Tendenzen, aber "mit der Chancengerechtigkeit geht es in Deutschland leider nur im Schneckentempo voran", sagt Jörg Dräger von der Bertelsmann Stiftung.

Sozial schwach, schulisch schwach

Konkret heißt das: Wer in einer Familie aufwächst, die von staatlichen Zuwendungen leben muss, wer Eltern hat, die selbst keinen Schulabschluss haben, der hat es deutlich schwerer, das Abitur zu erwerben. Und die Schere zwischen hohen und geringen Chancen öffnet sich früh: Der "Chancenspiegel 2013" hat die Leistungen von zehnjährigen Kindern in der 4. Klasse untersucht – mit alarmierendem Ergebnis: "Da ist über ein Jahr Unterschied zwischen Kindern aus sozial starken und sozial schwachen Elternhäusern", sagt Jörg Dräger. "Der Unterschied wird immer größer, je älter die Kinder werden." Um gegenzusteuern, müsste man möglichst früh beginnen: "Krippenausbau, Kita-Ausbau, verlässliche Ganztagsschule – das sind wichtige Schritte, die Chancengerechtigkeit schaffen".

Klassenraum der Sophienschule Frankfurt (Foto: dpa)

Migrationshintergrund spielt eine geringere Rolle für schwächere Leistungen als häufig angenommen

Für viele überraschend: Der ethnische Hintergrund spielt eine geringere Rolle als häufig angenommen. Zwar zeigt die Studie, dass Kinder aus Migrantenfamilien schwächere Leistungen bringen als andere. "Aber wenn man genauer nachschaut, ist das ein Unterschied zwischen gesellschaftlichen Schichten", erläutert Prof. Wilfried Bos, Direktor des Instituts für Schulentwicklungsforschung, das an der Studie beteiligt ist. "Bei uns sind die Migranten überproportional Angehörige der unteren Schichten. Wir haben in Deutschland kein Ausländerproblem, sondern ein Schichtenproblem. Dadurch, dass wir Analphabeten beispielsweise aus Anatolien hierher geholt haben, ist ein Problem entstanden, von dem man meint, es hätte etwas mit Ethnien zu tun. Dem ist aber nicht so."

Föderalismus macht Schulchaos

Auch ein weiteres Problem ist hausgemacht: Die 16 deutschen Bundesländer haben jeweils die Hoheit über ihre eigene Schulpolitik. Dazu kommen rund 100 verschiedene Schulformen - ein unüberblickbares Chaos. "Kollegen im Ausland haben mir schon geraten, Deutschland in Absurdistan umzubenennen", sagt Wilfried Bos.

Kein Wunder, dass auch die Bildungschancen je nach Bundesland verschieden sind. Doch es gibt keine klaren Sieger, keine klaren Verlierer. Die besten Chancen auf ein Abitur etwa haben Schüler in Baden-Württemberg, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und im Saarland. Die Leistungen der Viertklässler dagegen sind am höchsten in Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Warum das so ist und was man vom jeweils anderen Bundesland lernen könnte, ist selbst für Experten schwer einzuschätzen, beklagt Bos: "Wenn man eine hohe Transparenz hätte, könnte man schauen, wie unterschiedliche Systeme arbeiten und sie in einen Wettbewerb stellen. Aber ich sehe weder Wettbewerb noch Transparenz. Dann machen 16 Bundesländer auch keinen Sinn, was Bildungssysteme angeht!"

Kinder der 2.Klasse in der Ganztagsschule Helsinkistraße in München (Foto: dpa)

Ganztagsschulen könnten die Lösung sein - mit Hausaufgaben, Ruhepausen und Unterricht am Nachmittag

Erfolgsmodell Ganztagsschule

Eines allerdings zeichnet sich deutlich ab: das erfolgreichste Schulmodell ist die so genannte "gebundene Ganztagsschule", die ein verbindliches Nachmittagsprogramm anbietet – mit Hausaufgaben, Ruhephasen und Unterricht. "Die Kinder bleiben seltener sitzen, es gibt weniger Probleme bei Hausaufgaben, und die Motivation ist höher", erläutert Jörg Dräger. Aber nur 13 Prozent aller Schüler profitieren bisher davon. Auch Ganztagsschulen insgesamt sind mit gut 28 Prozent noch eher die Ausnahme – obwohl die überwältigende Mehrheit der Eltern sie sich für ihre Kinder wünscht.

Immerhin, allmählich werden es mehr, doch aus Expertensicht zu langsam: "Wenn sich der Ausbau in diesem Tempo fortsetzt, dauert es noch mehr als 50 Jahre, bis für alle Kinder genug Plätze vorhanden sind", kritisiert Dräger. "Egal, ob ich in Schweden, in Kanada, den USA oder Australien bin, ganz wenige Länder in der Welt wie Österreich und Deutschland haben noch keine Ganztagsschule, da haben wir ganz klaren Aufholbedarf." Doch eines ist für ihn klar: Egal, welche Schulform, egal, welches Bundesland: "Gute Schule ist guter Unterricht, und der wird durch gute Lehrer gemacht, da ist die Schulform egal!"

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