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Filme

Bildgewaltig und verstörend: der tschechische Film "Marketa Lazarová"

Nach 49 Jahren feiert "der beste tschechische Film aller Zeiten" seinen Kinostart. Gleichzeitig erscheint er auf DVD. Das Mittelalterepos von František Vláčil ist eine der wichtigsten Wiederentdeckungen des Kino-Jahres.

Alle paar Jahre tauchen plötzlich Meisterwerke der Filmgeschichte wieder auf, die jahrelang nicht zugänglich waren. 1984 beglückten die Alfred-Hitchcock Filme "Vertigo" (1958) und "Fenster zum Hof" (1954) die Cineasten. Wegen ungeklärter Rechtelage waren die Filme jahrelang in Archiven verschwunden. 1990 wurden ehemals verbotene DDR-Filme wie "Spur der Steine" (1966) oder "Das Kaninchen bin ich" (1965), die Jahre in Giftschränken der Zensurbehörden weggeschlossen waren, wieder aufgeführt. Zwei Jahre zuvor sorgte der russische Film "Die Kommissarin" (1967), von den sowjetischen Behörden verboten, bei der Berlinale weltweit für Aufsehen.

Deutsche Premiere nach 49 Jahren

Drei Beispiele für Filmwerke, die bei ihrer zweiten Premiere auch Jahre nach ihrer Fertigstellung für Schlagzeilen gesorgt haben. Das deutsche Kino-Comeback von "Marketa Lazarová" (1967) nach fast einem halben Jahrhundert kann man durchaus mit diesen spektakulären Wiederaufführungen vergleichen.

Filmszene aus dem tschechischen Film Marketa Lazarová von Regisseur Frantisek Vlácil, (1967 Studio Filmowe Barrandov)

Magda Vášáryová in der Titelrolle

Der Film von Regisseur František Vláčil war bei einer Umfrage unter tschechischen Kritikern 1998 zum "besten Film" der nationalen Kinogeschichte gekürt worden. Und das will was heißen, galt das Kino der Tschechoslowakei in den 1960er Jahren doch trotz (oder gerade aufgrund) staatlicher Repressionen als eines der innovativsten in Europa. Regisseure wie Miloš Forman, Věra Chytilová und Jiří Menzel sorgten für internationales Ansehen und brachten dem kleinen Land am Rande des eisernen Vorhangs sogar Oscar-Ehren ein: 1966 und 1968 wurden Filme aus der Tschechoslowakei ausgezeichnet. 

Mittelalterepos mit verwirrenden Familien-Konflikten

František Vláčil mag im Westen weniger bekannt sein, umso größer dürfte nun die Freude über sein Kino-Comeback ausfallen. "Marketa Lazarová" startete am 1. Dezember zwar nur mit wenigen Kopien in den deutschen Kinos, erscheint aber gleichzeitig auch auf DVD.

Regisseur Frantisek Vlácil des tschechischen Films Marketa Lazarová (1967 Studio Filmowe Barrandov)

Regisseur Frantisek Vlácil (1924 - 1999)

Worum geht es in Vláčils fast dreistündigem Epos? Die Handlung ist im 13. Jahrhundert angesiedelt, einer kaum erforschten Ära des Mittelalters. Der Regisseur erzählt von den Brüdern Miklas und Adam, die im Auftrag ihres tyrannischen Vaters Kozlík Reisende ausrauben. Dabei nehmen sie auch einen jungen deutschen Grafen als Geisel. Infolge des Überfalls geraten die drei in Konflikt mit dem König und einem weiteren Familienclan. Miklas entführt auch die junge Marketa Lazarová, was zu weiteren kriegerischen Verwicklungen und familiären Konflikten führt. Das alles spielt sich vor dem aufkommenden Christentum ab, das im Konflikt mit heidnischen Strömungen steht. Ein nur schwer durchschaubares Geschehen treibt die Filmhandlung voran.

František Vláčil: "Film ist eine visuelle Angelegenheit."

Doch um eine in allen Verästelungen nachvollziehbare Filmhandlung ging es dem Regisseur nicht. František Vláčil, der Kunstgeschichte und Ästhetik studiert hatte, suchte Mitte der 1960er Jahre einen neuen filmästhetischen Ansatz. "Film ist in erster Linie eine visuelle Angelegenheit", so der Regisseur in einem Interview 1974 in New York: "Obwohl Malerei und Grafik natürlich etwas anderes sind, geht es auch dabei um Komposition, um die Anordnung von Bildern. Filme müssen viele derselben Prinzipien anwenden."

Filmszene aus dem tschechischen Film Marketa Lazarová von Regisseur Frantisek Vlácil, (1967 Studio Filmowe Barrandov)

Eigenwilliger, aber wohl realistischer Blick auf die Menschen im Mittelalter

Filme hätten, im Gegensatz zu einem Bild, das man sich an die Wand hängt, auch einen kinetischen Aspekt, so der Regisseur. "Ein Bild hat einen enormen Vorteil im Vergleich zur Literatur: Es ist international verständlich. Man muss es weder übersetzen noch  übertragen. Der Idealfall wäre es also, einen Film so zu drehen, dass man ihn weder synchronisieren noch untertiteln müsste."

Ungewöhnlicher Blick aufs Mittelalter

"Marketa Lazarová" setzt voll und ganz auf die Kraft von Kinobildern, in Schwarz-Weiß und Breitwand, ein atemberaubend opulentes, visuelles Kunstwerk ist so entstanden, ein Historienfilm, wie es ihn zuvor nicht gegeben hat. "Mich interessiert, wie Leute zu einem gewissen Zeitpunkt der Geschichte gelebt, gedacht, wie sie sich verhalten, was sie gefühlt haben - im Gegensatz zu Kostümfilmen, wo ich immer den Eindruck habe, dass das meiste Geld für die Kleidung ausgegeben wurde und manchmal sogar für Kleidung, die noch nicht mal zur jeweiligen Epoche passt", sagt der Regisseur. Äußerlichkeiten seien so immer wichtiger als die Geschichte gewesen. Er habe hingegen versucht "die Zeit so darzustellen, dass der Zuschauer sich wirklich all diese Jahrhunderte (...) zurückfallen lassen kann."

Filmszene aus dem tschechischen Film Marketa Lazarová von Regisseur Frantisek Vlácil, (1967 Studio Filmowe Barrandov)

Leben in den Sümpfen - Szene aus "Marketa Lazarová"

Begeisterung in den USA

Das ist dem tschechischen Regisseur gelungen. Die Bilder erreichen eine faszinierende Strahlkraft, der man sich als Zuschauer nicht entziehen kann. Vor drei Jahren kam "Marketa Lazarová" in den USA wieder in die Kinos, Tom Gunning, Film-Professor in Chicago, meinte damals: "Nur wenige Filme bringen ein so üppiges Bild davon, wie diese Welt aussah und sich anfühlte, mit einem so freien Spiel mit Filmsprache zusammen. Vláčil manipuliert den Raum mit einer extremen Bandbreite von Objektiven, lässt die Dinge im einen Moment flach erscheinen, nur um sie im nächsten Moment ins Endlose auszudehnen, stellt die Tiefe eines Orson Welles den flachen und engen Bildeinstellungen eines Robert Bresson gegenüber."

Große Vorbilder, aber ganz eigener Stil
Welles und Bresson, dazu noch Ingmar Bergman, Luis Buñuel, Andrei Tarkowski und Alejandro Jodorowsky sind Referenzpunkte des tschechischen Regisseurs. Und doch ist sein Film "Marketa Lazarová" einzigartig in seiner künstlerischen Ausprägung und Gestaltung.

Filmszene aus dem tschechischen Film Marketa Lazarová von Regisseur Frantisek Vlácil, (1967 Studio Filmowe Barrandov)

Phantastische Bildmotive beherrschen den Film "Marketa Lazarová"

František Vláčil: "Marketa Lazarová", Tschechoslowakei 1967, Länge: 165 Min. Auf DVD erscheint der Film beim Anbieter "Drop-Out-Cinema", der Verleih "Bildstörung" zeigt "Marketa Lazarová" seit dem 1. Dezember bundesweit in einigen ausgewählten Kinos.

 

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