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Geschichte

Bildergeschichten: Gut gelogen ist halb gewonnen

Wir stellen jede Woche ein Bild vor und erzählen seine Geschichte. Diesmal gehen wir zurück in das Jahr 1914: Wilhelm II. verbreitet die Legende der Kriegsunschuld.

Dieses Bild ist in Öl gemalte Propaganda: Kaiser Wilhelm II. steht auf dem Balkon seines Schlosses in Berlin und erklärt den Menschen mit großer Geste, dass nun Krieg herrsche. Der Maler Fritz Genutat hat die Szene nachträglich festgehalten, die sich am 1. August

1914

abspielt. Der Kaiser hat zuvor die Mobilmachungsorder unterzeichnet und verkündet seinem Volk nun, dass er fortan "keine Parteien mehr" kenne, sondern "nur noch Deutsche". Damit gibt er der Politik des sogenannten "Burgfriedens" eine Formel, nach der die Deutschen nun alle Differenzen der Vergangenheit vergessen und gemeinsam kämpfen sollen.

Das war selbstverständlich gelogen: Der Kaiser verachtete die Sozialdemokraten jetzt noch genau so wie in den Jahrzehnten zuvor, von seinen Ressentiments etwa gegen die Juden ganz zu schweigen. Aber dieses Bekenntnis macht erfolgreich die Runde, ebenso wie jene Einschätzung, die der Kaiser am Tag zuvor ebenfalls vom Balkon des Stadtschlosses abgegeben hat. An diesem 31. Juli erklärt er, dass das Deutsche Reich das Opfer aggressiver Nachbarn geworden sei: "Neider überall zwingen uns zur gerechten Verteidigung", ruft er von oben herab (was mangels Mikrophon übrigens höchstens die ersten Reihen verstehen), und: "Man drückt uns das Schwert in die Hand."

Jegliche Mitschuld der deutschen Führung an dem Ausbruch des Krieges wird verneint. Dabei hat das Reich wie kein anderes Land in den Tagen und Wochen zuvor so konsequent auf eine Eskalation der Krise gesetzt wie Deutschland. Die Militärs phantasieren von einer Vorherrschaft in Europa, und der Kaiser besitzt weder Kraft noch Willen, dem Geschehen gegenzusteuern. So werden die Deutschen über die wahren Gründe belogen, und viele werden noch Jahrzehnte lang dieser Legende von der deutschen Kriegsunschuld Glauben schenken. Wie notiert ein führender Militär nach Wilhelms Balkonrede zufrieden? "Die Regierung hat eine glückliche Hand gehabt, uns als die Angegriffenen hinzustellen."

Nach Wilhelm Rede am 1. August berichten die Zeitungen von einem Jubel, "wie er wohl noch niemals in Berlin erklungen ist". Doch der erklingt keineswegs überall. Ein Berliner notiert anschließend in seinem Tagebuch: "Viele Frauen mit verweinten Gesichtern", und: "Ernst und Bedrücktheit. Kein Jubel, keine Begeisterung." Und der Schriftsteller Gerhart Hauptmann bekennt nach einem Gang durch die Stadt, dass es ihn zuweilen Mühe kostet, "nicht laut aufzuschluchzen angesichts des ungeheuren, nahenden Völkermordes". Welch weise Worte.

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