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Geschichte

Bildergeschichten: Da lass‘ dich ruhig nieder?

Wir stellen jede Woche ein Bild vor und erzählen seine Geschichte. Diesmal gehen wir zurück in das Jahr 1933: Auch Nazis versuchen sich am Männergesang.

Es gibt Sprichwörter, die sich hartnäckig halten, obwohl sie sich doch längst als falsch erwiesen haben. Zu ihnen zählt "Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder." Dieses Foto aus dem Juli 1933 dokumentiert eindrucksvoll das Gegenteil: Mitglieder eines SA-Chores erheben bei einem so titulierten internen "Deutschen Künstlerfest" im Marmorsaal des Zoologischen Gartens in Berlin die Stimme. Was sie singen, ist nicht überliefert. Aber da sie ein Blatt in der Hand halten, wird es sich wohl nicht um ihr berüchtigtes Horst-Wessel-Lied handeln – das dürften auch sonst prügelnd durch die Straßen ziehende Parteisoldaten eigentlich auswendig gelernt haben …

Indem diese SA-Männer gemeinsam vorsingen, stellen sie sich in eine deutsche Tradition – wenngleich diese schon längst viel von ihren ursprünglichen Motiven verloren hat. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird der Männergesangverein zu einem Forum früher patriotischer und liberal motivierter nationaler Begeisterung für die deutsche Nation. In fröhlicher Runde, aber zunehmend straffer organisiert, besingen vor allem bürgerliche Männer in kunstvoll mehrstimmiger Form das "deutsche Vaterland" – und setzen sich bewusst über bisherige regionale, dynastische oder konfessionelle Identitäten hinweg. Die Einigkeit ist für sie in nationaler Hinsicht das wichtigste Gut. Dementsprechend geben sie ihren Vereinen auch Namen wie "Concordia" oder "Harmonia".

Doch der deutsche Nationalismus wird im 19. Jahrhundert aggressiver, auch innerhalb der deutschen Sängerschaft. Radikaler als je zuvor ertönt schließlich auch im Chorgesang der Ruf nach einem nationalen "Heiland", besungen wird weniger Deutschlands Einheit, sondern vielmehr seine Macht und Stärke. Der "Deutsche Sängerbund" gehört nach 1918 zu den Verächtern der Weimarer Republik, und seine Mitgliedsvereine können es 1933 mehrheitlich kaum erwarten, sich freiwillig in den NS-Staat einzugliedern. Von ihren liberalen bürgerlichen Wurzeln längst weit entfernt, stehen sie mit ihrer ambitionierten Männergesangsliteratur jetzt neben SA-Männer mit deren schlichten Kampf- und Propagandaliedern (die niemand vermutlich mehrstimmig setzen wollte).

Nach 1945 ist es angesichts solcher Verbrüderungen auch mit der deutschen Sängerherrlichkeit vorbei. Einige Vereine versuchten erfolglos, ihr vaterländisches Weltbild in die neue Zeit hinüberzuretten. Was bleibt, ist allerdings in aller Regel nur eine Art sentimentale Heimatpflege – und die Erkenntnis, dass eben auch böse Menschen Lieder haben.

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