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Kultur

"Bilder unserer Zeit"

Die Folterbilder aus dem Irak sind zutiefst verstörend. Wie soll man damit umgehen - abseits von politischen Aspekten? Die Feuilletons der Zeitungen betrachten die grausamen Fotos aus unterschiedlichen Perspektiven.

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Lange Tradition der Kriegsbilder: Goyas "Desastres de la Guerra"

Hätte die Welt hingehört; sie hätte es schon viel früher wissen können: Bereits vor einem Jahr hat das Internationale Komitee vom Roten Kreuz auf Misshandlungen von irakischen Gefangenen hingewiesen. Aber erst mit den Fotos, die seit dem 30.4.2004 den Weg in die internationale Presse finden, "ist das ganze Zivilisationsprogramm der USA im Irak auf einen Schlag in eine Legitimationskrise geraten", wie die "taz" schreibt. Angesichts der Bilder von Abu Gharib verurteilen Menschen auf der ganzen Welt die Misshandlungen. Man könne von einer "Globalisierung der Empathie" sprechen, so die "taz".

Bildsprache

Während die "taz" die emotionale Macht der Bilder betont, die die Träume von einem "aseptischen, körperlosen" Krieg beendet hätten, betrachtet Ulrich Raulff in der "Süddeutschen Zeitung" die Fotos losgelöst vom Kontext unter kunsthistorischen Gesichtspunkten. Er reiht sie als

Misshandlung von Gefangene in Irak mit Galeriebild

Folter in Abu Ghoreib

Fortführung einer langen Tradition von Kriegsbildern ein - beginnend bei Goyas Bilderzyklus "Desastres de la Guerra" von 1810 und 1811. Der Krieg sei schon immer die größte Bildmaschine gewesen, die die Menschheit begleitet habe. "Die Bilder, die der Krieg und seine Agenten heute produzieren, sind nicht schlimmer und nicht widerlicher als die Bilder früherer Kriege. Es sind nur die Bilder unserer Zeit", schreibt Raulff.

In einem Interview mit dem US-amerikanischen Islamwissenschaftler Bernard Haykel versucht die "Süddeutsche Zeitung" die westliche Perspektive zu verlassen und die Folter-Bilder in das kulturelle Umfeld der Opfer einzubetten. Schlimmer als der Tod seien die Fotos, auf denen irakische Gefangene nackt zu sehen sind. Nacktheit stellt in der arabischen Welt ein enormes Tabu dar und selbst Männer zeigen sich anderen Männern niemals nackt. "Das Schlimmste ist das Bild, auf dem sich eine Frau über den Penis eines nackten Gefangenen lustig macht. Wenn man jemand zwingt, sich auf diese Weise anderen nackt zu zeigen, bricht man seine Menschenwürde," sagt Bernard Haykel. Das sei für Moslems, als zerschlage man das Selbstverständnis eines Menschen.

Willige Amerikaner

Eine Frage beschäftigt wohl jeden, der die schrecklichen Bilder gesehen hat: Wie ist es möglich, dass normale Menschen andere Menschen so quälen? Eine Frage, die spätestens seit dem Holocaust überall auf der Welt immer wieder gestellt wird. Also eine Frage der Nationalität? Die "Washington Post" sucht unter dem Titel "Willige Folterer" ("Willing Torturers") nach einer Antwort und findet sie - anders als Goldhagen, der Autor von "Hitlers willige Vollstrecker" - nicht in der Nationalität. "Wir haben jetzt den Beweis, dass keine Kultur unfähig ist, ihre Feinde als Untermenschen zu behandeln." Es sei einfach, eine Situation herzustellen, in der normale Soldaten sich zur Folter von Kriegsgefangenen berechtigt fühlen. "Alles was dafür nötig ist, ist eine Atmosphäre der Gesetzlosigkeit." Die US-Regierung setze sich mit der Behandlung der Guantanamo-Häftlinge über die Genfer Konventionen hinweg und erzeuge damit auch unter den amerikanischen Soldaten das Gefühl, sich nicht an Regeln halten zu müssen.

Folter-Frage

Die "FAZ" und die "Süddeutsche Zeitung" stellen sich schließlich die Frage, ob Folter unter bestimmten Bedingungen hinnehmbar ist. Was, wenn eine Person den Ort kennt, an dem eine Bombe explodieren und Millionen Menschen töten wird? Wäre Folter dann ein legitimes Mittel, um die Katastrophe zu verhindern, fragt der Schriftsteller Ariel Dorfman in der "Süddeutschen Zeitung". "Das ist die eigentliche Frage, die es für die Menschen zu beantworten gilt, seit die Fotos von diesen leidenden Körpern in kahlen Räumen im Irak aufgetaucht sind," schreibt Dorfman weiter.

Auch die "FAZ" malt das "Bomben-Szenario". Doch während Dorfman Folter grundsätzlich ablehnt, fordert Heinrich Wefing die Diskussion der Folter-Frage mit "kühlem Kopf" statt in der "Hysterie nach einem Blutbad". Denn, so Wefing: "Wer wollte ernstlich bestreiten, dass die terroristische Drohung mit Anschlägen katastrophischen Ausmaßes die liberale Gesellschaft vor neue Dilemmata stellt, die manch bewährtes Prinzip zu erschüttern drohen?"

Man könnte Dorfmans Schlusssätze als Gegenfragen an Wefing lesen: "Haben wir wirklich solche Angst? Haben wir solche Angst, dass wir bewusst wegsehen, wenn andere in unserem Namen Akte des Terrors verüben, die unser Moralempfinden aushöhlen?"

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