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Amerika

Bilanz nach Katastrophe in Chile

Die chilenische Regierung hat eine Bilanz des Erdbebens gezogen. Alleine der Wiederaufbau von öffentlichen Gebäuden werde 1,5 Milliarden US-Dollar kosten.

Ein Fischkutter wurde vom Tsunami ins Zentrum von Dichato gespült (Foto: Thomas Nachtigall)

500 Tote und 200 Vermisste seien nach dem verheerenden Erdbeben vom 27. Februar zu beklagen, sagte Innenminister Rodrigo Hinzpeter in Santiago. Die Sachschäden bezifferte der Minister auf 30 Milliarden Dollar. Davon seien von Versicherungen lediglich fünf bis acht Milliarden gedeckt. Zwei Millionen Häuser und Wohnungen wurden beschädigt, 500.000 sind unbewohnbar.

Allein in der Hauptstadt Santiago, 500 Kilometer nördlich des Epizentrums, wurden durch den Erdstoß der Stärke 8,8 laut offiziellen Angaben mehr als 30.000 Häuser beschädigt. Jede fünfte Schule sei nicht mehr nutzbar. In den besonders schwer getroffenen Regionen läuft der reguläre Unterricht derzeit nur an drei Prozent der Schulen. Von den kirchlichen Gebäuden sind nach Informationen der chilenischen Bischofskonferenz bis zu 90 Prozent zerstört. Als provisorische Gotteshäuser stellte das katholische Hilfswerk "Kirche in Not" Kapellenzelte im Wert von 200.000 Euro auf.

Karte von Chile (Grafik: DW)

Das Epizentrum des Bebens lag vor Concepción im Pazifik

In den vom Erdbeben zerstörten Städten stehen die Behörden jetzt vor dem Problem, Millionen Kubikmeter Schutt entsorgen zu müssen. In der besonders stark zerstören Stadt Talca sind 40.000 Tonnen Schutt angefallen, deren Beseitigung aus dem Stadtzentrum noch Wochen dauern werde, so die Behörden. In dem beliebten Seebad Dichato an der Pazifikküste werde es noch mindestens einen Monat dauern, bis die Trümmer beseitigt seien. Das gesamte Zentrum der Stadt war durch den Tsunami zerstört worden.

Steuererhöhungen zur Finanzierung des Wiederaufbaus

Die Regierung unter dem seit vergangenem Donnerstag (11.03.2010)amtierenden Präsidenten Sebastián Piñera sowie das Parlament prüfen unterdessen erste Schritte für die Finanzierung des Wiederaufbaus. "Es ist möglich, dass Bergbau-Unternehmen zusätzliche Steuern zahlen müssen", sagte Innenminister Hinzpeter. Andere Politiker fordern höhere Abgaben auf Alkohol und Zigaretten.

Die chilenische Wirtschaft könnte im März ein Negativ-Wachstum im Vergleich zum Vorjahresmonat aufweisen. Das geht aus einer Prognose hervor, die die Zentralbank am Mittwoch (17.03.2010) veröffentlicht hat. Nach einem Wachstum von noch 4,3% im Februar drohe für den laufenden Monat ein Einbruch der Wirtschaft. Die Zentralbank warnte auch vor steigenden Inflationsraten als Folge der wirtschaftlichen Schäden durch das Erdbeben. Mittelfristig sei mit Preissteigerungen auf Grund von eingeschränkten Produktionskapazitäten zu rechnen. Auch mit einem vorübergehenden Rückgang des Konsums sei in den kommenden Monaten zu rechnen.

Juristisches Nachbeben

Der Fischerort Dichato wurde vom Tsunami vollkommen zerstört. (Foto: AP)

Der Fischerort Dichato wurde vom Tsunami vollkommen zerstört.

Der nationale Gerichtshof hat unterdessen eine Untersuchung gegen die Marine eingeleitet. Sie habe kurz nach dem Erdbeben keine angemessene Tsunami-Warnung ausgegeben. Angehörige von Opfern der Flutwelle haben am Mittwoch (17.03.2010) eine erste Klage gegen den chilenischen Staat eingereicht wegen der nicht erfolgten Warnung. Die Kläger, ein Witwer und sein Sohn, die sich aus den Fluten retten konnten, berichteten in Santiago, sie hätten im Radio gehört, dass Präsidentin Michelle Bachelet die Menschen in der Erdbebenregion zur Ruhe aufrief und dass es keine Tsunami-Gefahr gebe. "Wir sind also wieder in unser Haus zurückgekehrt", berichtete Hugo Fuentealba aus dem besonders stark zerstörten Küstenort Dichato. "Und wenige Minuten später sah ich das Meer auf uns zukommen und alles mit sich reißen. Meine Frau ist im Auto ertrunken."

Rekorderdbeben

Das Epizentrum des Bebens der Stärke 8,8 auf der Richterskala lag im Meeresgrund des Pazifischen Ozeans in einer Tiefe von rund 35 Kilometern, rund 90 Kilometer entfernt von der Stadt Concepción. Der durch das Beben ausgelöste Tsunami zerstörte etwa 500.000 Häuser, zahlreiche Krankenhäuser sowie Straßen und Brücken. Es handelte sich um eines der fünf stärksten Beben, die weltweit je gemessen wurden. Seither kam es zu über 200 Nachbeben unterschiedlicher Stärken, zuletzt am 11. März, dem Tag der Amtsübergabe an den neuen Präsidenten Sebastián Piñera.

Das Beben, das Wissenschaftlern zufolge 50 Mal stärker war als das von Haiti am 12. Januar, hat die Erdachse um drei Zentimeter verschoben. Concepción, die zweitgrößte Stadt Chiles, sei durch die Erschütterungen um ganze drei Meter nach Westen verschoben worden, befand eine Untersuchung von chilenischen und US-Wissenschaftlern von der Universität von Ohio. Auch die Hauptstadt Santiago hat sich leicht nach Westen verschoben, nämlich um knapp 28 Zentimeter.

Die Erde bebt weiter

Die Chilenen müssen nach dem Mega-Erdbeben Ende Februar noch mindestens ein Jahr oder länger mit kräftigen Nachbeben rechnen. In den kommenden Monaten werde es 25 bis 45 Erdstöße mit einer Stärke von 5,0 und höher geben, sagte der amerikanische Erdbebenexperte Walter Mooney von der U.S. Geological Survey am Donnerstag (18.03.2010) in Santiago. Es bestehe eine Wahrscheinlichkeit von eins zu drei, dass darunter sogar ein Beben der Stärke 7,0 sein wird.

Autorin: Mirjam Gehrke (dpa/rtr/KNA)
Redaktion: Oliver Pieper