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Politik

Bikinis statt Buddha

Thailand fiebert dermaβen um den Miss Universe-Titel, dass es darüber beinahe einen der wichtigsten Feiertage im Buddhismus vergisst. Überhaupt droht der Buddhismus im Land in die Verwestlichung zu versinken.

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Seit zwei Wochen belagern Schönheiten Bangkok, und es ist unmöglich ihnen zu entfliehen. Thailands Zeitungen sind voll mit Bildern halbnackter Frauen; einige Fernsehsender übertragen nicht viel mehr als den Endkampf um den Miss Universe-Titel.

Bangkok im erneuten Beauty-Wahn - der globale Schönheitswettkampf erreicht das Land zur rechten Zeit. Keine Seele will scheinbar dem elenden Bestechungsskandal am neuen Flughafen mehr folgen. Korrupt sind die Beamten Thailands sowieso; dann doch lieber gespannt am Bildschirm mitverfolgen, welche Art von Seide Miss Guatemala erstehen wird.

Auch die Regierung freut sich über die Miss-Wahl: Der Wettbewerb kostet Thailand offiziell nicht mehr als fünf Millionen Euro. Soviel zumindest hat die Thailändische Tourismusbehörde lockergemacht, um das Ereignis zu sponsern. Nicht inbegriffen sind die Milllionen, die andere staatliche Firmen wie Thai Airways zahlen, aber schlieβlich bringt der Wettbewerb auch Touristen-Millionen. Die Regierung hat den Thais eine schöne, wenn auch illusorisch klingende Rechnung dargeboten: Sie geht von 10.000 Touristen aus, die nur für den Wettkampf einfliegen. Diese sollen satte 6,5 Millionen Euro allein in diesem Monat im Land lassen.

Nacktes Fleisch vor Tempeln

Doch das sind Lappalien verglichen zu den strahlenden Schönheiten, die einem dieser Tage überall begegnen. Allerdings haben die diversen Misses nicht nur Fans. Als sie letzte Woche, natürlich nur in Bikinis, auf einem Luxusdampfer den Chao Phraya-Fluss hinunter glitten und den Kameras die knapp bedeckten Hüften entgegenstreckten, brach tags darauf ein Sturm der Entrüstung aus. Denn den Hintergrund für die Fotosession bildeten für Buddhisten heilige Stätten wie der Tempel des Smaragd-Buddhas im Königspalast. Ladda Tangsuchachai, Leiterin des Kulturellen Überwachungsnetzwerkes, wetterte gegen die "unnötige Provokation“ und rief fast einen Boykott des Wettkampfs aus.

Phra Thep Dilok, Leiter des Nationalen Zentrums für Förderung des Buddhismus, kritisierte gleich die gesamte Miss-Wahl, die seiner Meinung nach auf Kommerz basiere; die Wahlen würden thailändische Traditionen als auch kulturelle und moralische Werte missachten. Dem Mönch missfiel auch das Timing - der Wettbewerb kollidiert immerhin mit dem Visakha Bucha-Tag (22.05.). Nur Premierminister Thaksin Shinawatra zeigte sich nicht beunruhigt. Er führte alles auf die Unkenntnis der ausländischen Organisatoren dem Buddhismus gegenüber zurück, aber Ignoranz sei verzeihlich.

Ein Land versinkt im Kommerz

Der Visakha Bucha-Tag ist einer der vier wichtigsten Feiertage im Buddhismus. Er erinnert an den Tag der Geburt Buddhas, seiner Erleuchtung und seines Eintritts ins Nirvana. Landesweit strömen Gläubige in die Tempel, um an Prozessionen teilzunehmen. Auf Bangkoks Sanam Luang, der traditionellen Schauplatz für wichtige Zeremonien, fanden sich letztes Wochenende über 100.000 Buddhisten ein, um Reliquien des Buddha Respekt zu zollen.

Aber Thailand, das gröβte buddhistische Land der Welt, versinkt im Kommerz und in der Verwestlichung und lässt die Staatsreligion links liegen. In einem Land, in dem man automatisch (und legal) als Buddhist geboren wird, verliert die Religion an wahren Anhängern, die wissen, was es bedeutet, Buddhist zu sein. Einem Viertel aller junger Thais bedeutet der Feiertag nichts mehr. 40 Prozent stellen ihn mit Valentinstag auf eine Stufe.

Kein Vorbild: die Eliten

Doch es sind nicht nur die jungen Wilden, die ihrer Religion den Rücken kehren. Für die meisten Thais ist ein Feiertag bloβ ein Tag, an dem sie nicht arbeiten müssen. Die meisten Erwachsenen schaffen es nicht, alle fünf buddhistischen Grundsätze der Enthaltung - töten, stehlen, lügen, Ehebruch, Alkoholgenuss - zu ehren.

Kein Wunder, wenn man die Eliten des Landes betrachtet - allesamt gewiss kein Vorbild. Thailand ist ein Land, in dem Nepotismus legal ist, in dem Mönche oft als Raffhälse angesehen werden und in dem jeder Bürger Korruption als Teil des Alltags akzeptiert. Der Premier Thailands, der natürlich an jeder buddhistischen Feierlichkeit teilnimmt, wird von Kritikern als Anti-Buddhist verschrieen. So gilt für viele Thais, gewiss verständlich, wenn auch schmerzhaft: Bikinis statt Buddha.