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Kultur

Big Brother mit Trojanischem Pferd

In Kriegen ist Information eine besonders mächtige Waffe. Auf der Jagd nach einem kleinen Wissensvorsprung investieren die Geheimdienste viel Geld und Zeit. Das Ziel: Verschlüsselte Nachrichten immer besser zu knacken.

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Null und Eins reicht nicht ...

Als am 6. Juni 1944 die Sonne aufging, stand den deutschen Soldaten an der Küste der Normandie die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Sie hatten kurz zuvor noch friedlich geschlafen. Jetzt sahen sie Tausende alliierter Truppen an Land gehen - und ernsthafte Gegenwehr konnten sie ihnen nicht bieten.

Dies war kein Zufall - die Alliierten wussten genau, dass das Gros der deutschen Truppen weiter östlich stand: Schon Jahre zuvor hatte der britische Geheimdienst den Code der deutschen Chiffriermaschine ENIGMA geknackt.

Wissensvorsprung

"Die Entschlüsselung der ENIGMA hat den Zweiten Weltkrieg entschieden", glaubt Hans Dobbertin. "Wer im Krieg die Pläne des Gegners kennt, ist so überlegen, dass er fast als Sieger hervorgehen muss." Dobbertin muss es wissen – schließlich beschäftigt er sich seit langem mit der Kryptologie, der Ver- und Entschlüsselung geheimer Codes. Heute ist er Professor für Kryptologie in Bochum. Zuvor war er beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik angestellt, bis 1991 eine Unterabteilung des Bundesnachrichtendienstes.

Ziemlich privat

Damals hatten die Geheimdienste noch ein Monopol für effiziente Verschlüsselung: In den USA beispielsweise unterlagen Kryptographieprogramme noch bis 1998 dem Kriegswaffenkontrollgesetz. Heute ist alles ganz anders. "Es gibt unbrechbare Kryptographie, die jedermann zur Verfügung steht und die kein Geheimdienst der Weltknacken kann", sagt Dobbertin. Frei zugängliche Computer-Programme für jedermann wie das Verschlüsselungssystem Pretty Good Privacy des Amerikaners Phil Zimmerman machen den Lauschern das Leben schwer.

Sicherheitsrisiko Verschlüsselung?

Das hat eine Menge Vorteile für Bürger, die sich nicht länger von "Big Brother" beschnüffeln lassen wollen. Doch die Programme verursachen den Sicherheitsbehörden inzwischen erhebliches Kopfzerbrechen. So bedienen sich Terroristen ebenfalls dieser Verschlüsselungsprogramme - unter anderem, so behaupten zumindest die amerikanischen Ermittlungsbehörden, auch bei ihren Planungen für die Attentate vom 11. September 2001. Aus dieser Katastrophe, glaubt Dobbertin, hätten die amerikanischen Geheimdienste gelernt. Zwar seien die Verschlüsselungsprogramme selbst vor ihnen sicher. Doch die Computer böten nach wie vor Angriffsflächen, auf die sich die Abhörspezialisten nun konzentrierten.

Pferd aus dem Internet

"Wenn die Geheimdienste jemanden wirklich ausspionieren wollen, reicht es ihnen meistens schon aus, wenn der PC ans Internet angeschlossen ist.", sagt Dobbertin. "Dann schleusen sie ein Trojanisches Pferd in den Computer, das den Schlüssel sucht und damit zu ihnen zurückkommt." Unsichtbare Spionageprogramme, so genannte "Trojanische Pferde", werden auch in einem möglichen Krieg zwischen den USA und dem Irak eine wichtige Rolle spielen. "Möglicherweise können sie den Amerikanern sogar einen entscheidenden Vorteil bringen", glaubt Dobbertin.

Irakische Computer als Angriffsziel

Zwar benutze auch der Irak die dechiffriersichere Verschlüsselungssoftware, doch dem Land fehle das notwendige Geld für spionagesichere Computer. "Und genau diese Schwachstelle können und werden die Amerikaner angreifen", prophezeit Dobbertin. Nicht prognostizieren will der Wissenschaftler hingegen, welche Folgen eine Entschlüsselung irakischer Codes für die in den Krieg verwickelten Menschen haben könnte. "Die Dechiffrierung könne Leben retten oder auch Leben kosten", sagt Dobbertin. Dies war übrigens auch schon im Zweiten Weltkrieg so.

Aus der Geschichte lernen

Die Briten hatten die ENIGMA lange vor der Invasion in der Normandie entschlüsselt. Als sie 1940 von einem bevorstehenden deutschen Bombenangriff auf die Stadt Coventry erfuhren, trafen sie keine Gegenmaßnahmen: Premierminister Churchill befürchtete, die Deutschen könnten von der Dechiffrierung der ENIGMA ahnen. Und so lieferte er Coventry fast schutzlos den deutschen Bombern aus – was schreckliche Folgen hatte: Über 70.000 Familien verloren ihr Heim, und mehr als 550 Menschen starben.

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