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Deutschland

Biete Zeitung, suche Leser

Wann ist Pfarrfest? Was kostet das Pfund Hackfleisch? Wie macht sich der neue Minister? Die Zeitung gibt den Deutschen Tipps und Antworten. Doch das ändert sich - nicht erst durch die Pleite der "Frankfurter Rundschau".

Ein Mann sitzt in der Cafeteria des Landgerichts in München und liest in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Foto: dpa)

Deutschland Zeitungsmarkt Print

Deutschland, Zeitungsland: Austrägerinnen, die noch vor Tagesanbruch ihren vollbepackten Handwagen durch die Wohnstraßen schieben. Familien, die am Frühstückstisch schlürfen, schmatzen und mit der Zeitung rascheln.

Ein Mann und eine Frau lesen im Hauptbahnhof in München Zeitung, während sie auf die S-Bahn warten (Foto: dpa)

Zeitungsland Deutschland: Zwei Pendler am Bahnsteig

So war es jahrzehntelang. Die Zeitung als täglicher Begleiter, als Informationsquelle Nummer eins. Darin fanden sich Terminkalender und Trödelmarkt, Wetterbericht und Wissenswertes, Sporttabellen und Supermarktprospekte. Aber so ist es nicht mehr. Denn den deutschen Zeitungen geht es nicht gut: In zehn Jahren haben die Tageszeitungen fast ein Viertel ihrer Auflage verloren (siehe Grafik), Tendenz fallend. Im September 2012 wurde die "Abendzeitung" in Nürnberg eingestellt - Deutschlands älteste Boulevardzeitung, gegründet 1919.

"Frankfurter Rundschau" ist bankrott

Und nun hat die "Frankfurter Rundschau" (FR) Insolvenz angemeldet, eines der traditionsreichsten deutschen Blätter. Das bedeutet noch nicht ihr endgültiges Aus - aber allzu gut sieht es nicht aus, schließlich sprechen die Gesellschafter von "fortdauernden hohen Verlusten". Als nächstes, so mutmaßen Branchenkenner, könnte die "Financial Times Deutschland" an der Reihe sein. Raschelt es weiterhin an den Frühstückstischen und in den Pendlerzügen? Hat die Zeitung in Deutschland eine Zukunft?

Frankfurter Rundschau - Geschichte steht in Frankfurt am Main an einem Fenster des Redaktionsgebäudes der Zeitung (Foto: dpa)

Begründet im August 1945 - eingestellt zum Jahresende 2012? Die "Frankfurter Rundschau"

"Ich glaube nicht, dass die Branche stirbt", sagt Zeitungsforscher Günther Rager. "Aber sie hat erhebliche Schwierigkeiten. Ich glaube nicht, dass sie in zehn Jahren noch so aussehen wird, wie sie heute aussieht."

Rager hat als Journalistikprofessor zur deutschen Presselandschaft geforscht. Nun ist er emeritiert, hat drei Zeitungen abonniert und sagt: "Es sieht nicht so aus, als ob man in absehbarer Zeit ein Patentrezept fände, um junge Menschen in größerer Zahl wieder für die Tageszeitung so zu erwärmen, dass sie abonnieren." Die 14- bis 29-Jährigen lesen viel seltener Zeitung als ihre Eltern. Die Leser wandern ab ins Internet, und, schlimmer noch für die Zeitungen: Die werbetreibende Industrie tut es auch.

Beim Bundesverband der deutschen Zeitungsverleger will man von Zukunftsangst nichts wissen. "Aber wir sind auch nicht sicher, wie die Zukunft aussehen wird", gibt Sprecherin Anja Pasquay zu. "Was daran liegt, dass die Zeitungsbranche seit einigen Jahren in einem gewaltigen Transformationsprozess steckt."

Zeitungen für Kenner und Liebhaber

Trotz aller Unsicherheit zeigt sich der Verlegerverband aber verhalten optimistisch: "Wenn man darüber nachdenkt", sagt Pasquay, "wie die deutsche Zeitungsbranche in zehn, zwanzig, dreißig Jahren aussehen wird, dann gehen wir davon aus, dass es immer noch gedruckte Zeitungen geben wird, die verkauft und gelesen werden."

Reichhaltiges Angebot an Presseerzeugnissen an einem Zeitungskiosk am Alexanderplatz in Berlin-Mitte (Foto: picture alliance/ZB)

Für Elite und Boulevard: Kiosk am Berliner Alexanderplatz

Pasquay, die selbst zwei Zeitungen abonniert hat, zitiert ein Denkmodell zur Zukunft der Zeitung: Auf der einen Seite wenige gehaltvolle und teure Titel, in gedruckter Form und für eine kleine Elite. Auf der anderen Seite preiswerte oder gar kostenlose Massenblätter, etwa Pendlerzeitungen für die morgendliche U-Bahnfahrt zur Arbeit.

"Vielleicht wird die gedruckte Zeitung etwas für Kenner und Liebhaber", glaubt auch Zeitungsforscher Rager. "Aufgrund der Daten und Entwicklungen glaube ich, dass die Zeitung längerfristig ein erhebliches Publikum haben wird in dem Teil der Bevölkerung, der höher gebildet ist, der sich eine Zeitung leisten kann und will und der nicht nur online seine Informationen suchen möchte."

Große Politik und kleine Fahrraddiebe

Günther Rager, Zeitungsforscher und emeritierter Professor für Journalistik an der TU Dortmund (Foto: Unbekannt)

Journalistikprofessor und Zeitungsforscher: Günther Rager

Die "Frankfurter Rundschau" wird an diesen Entwicklungen vermutlich nicht mehr teilhaben - der Niedergang der Branche ist allerdings nur eine Ursache für ihre Pleite. Als gewichtigeren Grund machen Experten den anstrengenden und teuren Spagat der FR aus, die zugleich regionale und überregionale Zeitung sein wollte. So schreibt es nun auch die geschockte Belegschaft in einer Durchhalteparole: "Wir werden (weiterhin) über große Politik und kleine Fahrraddiebe schreiben."

Die bittere Ironie an der Pleite ist, dass sie eine Zeitung trifft mit langer Tradition und hohem Anspruch. Die Umstellung auf Internet und iPad gelang der FR zuletzt überzeugender als anderen. Nach Informationen des Mediendienstes Kress hat die FR prüfen lassen, ob sich ein Weitermachen als rein digitale Zeitung rechnen könnte. Antwort: Nein.

"Kein guter Tag für unsere Demokratie"

Einige Ausgaben der Blätter Der Tagesspiegel und Berliner Zeitung liegen an einem Kiosk nebeneinander (Foto: picture alliance/ZB)

Fünftgrößter Markt weltweit - täglich 21 Millionen Exemplare

Ausgerechnet die beiden großen Konkurrenten der FR äußern sich nun betroffen - und schon das zeigt, welchen Schlag die deutsche Presselandschaft mit der FR-Pleite einstecken muss. Beim Lokalrivalen "Frankfurter Allgemeine Zeitung" greift der Herausgeber persönlich zur Feder - und fürchtet eine düstere Zukunft: "Wenn die letzte anständige Zeitung verschwunden ist, bleibt nur noch das Geschwätz."

In der - wie die FR - ebenfalls linksgerichteten, ebenfalls überregional erscheinenden "tageszeitung" schreibt Chefin Ines Pohl: "Gestern war kein guter Tag für unsere Demokratie, die davon lebt, durch kritischen Journalismus geschützt zu werden. Die FR war die erste Qualitätszeitung, die in Deutschland Insolvenz angemeldet hat. Sie wird wohl nicht die letzte bleiben."

Noch, sagt Verlegersprecherin Anja Pasquay, habe Deutschland 1532 verschiedene lokale Zeitungsausgaben. "Das ist sehr, sehr viel. Das ist auch im Vergleich mit anderen Ländern unendlich viel." Noch gibt es rund 330 Zeitungsverlage in Deutschland und rund 130 Vollredaktionen. Noch ist der deutsche Zeitungsmarkt der größte in Europa, der fünftgrößte der Welt. Und dennoch: Es raschelt von Jahr zu Jahr weniger.

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