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Kultur

Biennale-Gewinner Gregor Schneider baut Räume für die "German Angst"

"Wand vor Wand" heißt eine Bonner Museumsschau mit Werken von Gregor Schneider. Wer sich traut, kann die Kunst- und Gedankenwelt des deutschen Biennale-Preisträgers von 2001 durchschreiten. Gruseln garantiert!

Schneider hat 20 Räume in die Bundeskunsthalle gebaut: ein Potpourri seiner Werke der letzten 30 Jahre. Überall ist es dunkel. Überhaupt sei Dunkelheit das durchgängige künstlerische Gestaltungsprinzip des Künstlers, sagt Kurator Ulrick Loock. Schneider widerspricht: "Für mich ist Kunst eine sich selbst verzehrende Produktion!" Recht haben wohl beide: Einerseits treten Schneiders Räume aus dem Dunkel heraus - das macht sie sichtbar. Gleichzeitig lösen sie sich in den Umgebungsräumen auf.

Wem das zu theoretisch ist, der sollte Schneiders Parcours einschlagen. Sinnlich geht es auf ihm zu: Als Entree fungiert eine wandfüllende Videoprojektion über den Bau eines Tempels im indischen Kolkata. So bunt und lärmend die Szenerie, so krass der Kontrast zu dem, was folgt: Durch eine Stahltür betritt man einen aseptisch wirkenden Flur mit Türattrappen, nachempfunden dem geheimen Hochsicherheitsgefängnis von Guantanamo.

Gregor Schneider Wand vor Wand (Gregor Schneider/VG Bild-Kunst, Bonn 2016 )

"Dark Room", eine Arbeit von Gregor Schneider

Es riecht nach Desinfektionsmittel. Dazu herrscht schreiende Stille. Eine Sterbekammer aus Wellblech schließt sich an. Darauf folgt ein Kühlraum. In einem fensterlosen Zimmer, dessen Wände mit Linoleum verkleidet sind, liegt als einziges Möbel eine mit rosa Stoff bezogene Kinderbettmatratze... Das Kinderzimmer aus Guantanamo? Das Kellerverlies des Österreichers Josef Fritzl?

Fragen nach Moral und Ethik

Schneiders Räume lösen Assoziationen aus – und Beklemmung. Wird hinter den verschlossenen Schiebetüren des Gefängnisflures gefoltert? Entsorgt der Bodenabfluss der Wellblechkammer das Blut der Opfer? Werden im Kühlraum Menschen mit eisiger Kälte traktiert oder nur Leichen gelagert? Schneiders Kunst-Parcours wirft Fragen auf – und den Besucher auf sich selbst zurück. Es sind Fragen nach Tod und Gewalt, nach Moral und Ethik.

Gregor Schneider Porträt (Ottmar von Poschinger)

Gregor Schneider

Wer den Guantanamo-Trakt verlässt, muss sich vortasten, denn es ist dunkel. Man gelangt in schäbige Wohn- und Schlafräume mit billiger Raufaser, in eine grauverputzte Garage, in einen moderig riechenden Kellerraum mit Öltank. Es sind Raum-Relikte aus Schneiders kleinbürgerlichem "Haus u r", mit denen der Kunstprofessor aus Mönchengladbach-Rheydt schon den deutschen Pavillon der Kunstbiennale 2001 bestückte – und prompt den Goldenen Löwen gewann.

Ein Raum für die "German Angst"

Seit vielen Jahren geht es in Schneiders Werk um Räume. Der heute 47-Jährige schneidet Zimmer aus Häusern heraus und baut sie woanders wieder ein. Oder er baut Kopien von Räumen in Originalräume. Vor zwei Jahren erst lud er Bauschutt aus dem Geburtshaus von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels in Warschau ab. Das Haus hatte Schneider zuvor in Rheydt gekauft und entkernt. Videos der Aktion sind in der Bonner Ausstellung zu sehen.

Geburtshaus Joseph Goebbels Künstler Bauschutt Museum Mönchengladbach (picture-alliance/Federico Gambarini)

Das Geburtshaus von Joseph Goebbels in Mönchengladbach: der Künstler hat es gekauft und entkernt.

Die Räume Schneiders sind immer geschlossen, oft schalldicht, fast nie gibt es eine Öffnung nach draußen - außer im "Matschraum" mit Lehmbecken und Loch in der Decke: In ihn kann es hineinregnen oder Schnee fallen, alles darf verrotten. "German Angst 3" nennt Schneider seinen "Matschraum" und sagt: "Die Deutschen sind Weltmeister darin, Angst zu transportieren."

Die Ausstellung "Wand vor Wand" in der Bundeskunsthalle ist noch bis 17. Februar 2017 zu sehen.

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