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Kultur

Bickel: Tal der Könige bringt neue Erkenntnisse

Im Tal der Könige wurde ein neues Grab mit Überresten von rund 50 Mumien gefunden. Die Ägyptologin Susanne Bickel spricht im DW-Gespräch über diese Entdeckung und erklärt, was nun mit dem Fund geschehen soll.

DW: Sie leiten das Forschungsprojekt der Universität Basel, deren Forscher nun im Tal der Könige bei Luxor eine Grabanlage mit rund 50 mumifizierten Personen entdeckt haben. Sie waren auch selbst vor Ort. Können Sie beschreiben, was Sie gesehen haben, als Sie die Grabstätte zum ersten Mal betreten haben?

Susanne Bickel: Wir haben uns Anfang 2011 langsam vorarbeiten müssen. Wir mussten zuerst den sechs Meter tiefen Schacht ausheben, der mit Sand und Geröll gefüllt war. Dann kommt man in einen Gang. Auch der war gefüllt mit Sand und sehr wenigen Objekten. Man sah schon in diesem Korridor, dass es gebrannt hat. Die Decke war völlig angeschwärzt. Dann haben wir uns um das Wegschaffen des Sands und Gerölls bemüht. Und dann steht man vor einem großen mittleren Raum, von dem drei recht große Seitenräume abgehen. Da war dann dieses erschütternde Chaos von Fragmenten von Mumien, von Holzsärgen, von Kartonagen und Kartonage-Masken, Textilien und sehr viel Keramik. Alles war kleingeschlagen, wild durcheinander und angebrannt.

Was ist Ihnen bei diesem Anblick durch den Kopf gegangen?

Zunächst: Erstaunen. Dann fragt man sich sofort: Wie packen wir das logistisch an? Wie geht man mit soviel Einzelfragmenten um? Was wird überhaupt noch aus diesem Schutt zu retten sein? Man sah von Anfang an, da sind sehr viele Personen bestattet worden. Wir konnten ungefähr 50 Schädel zählen. Was wir auch relativ bald sahen, ist, dass diese Grabstätte in zwei unterschiedlichen Epochen genutzt wurde, nämlich zum einen in der 18. Dynastie, also ungefähr im 14. Jahrhundert v. Chr., und zum anderen etwa 500 Jahre später, in der 22. Dynastie.

Ägyptologen identifizieren Grab der Königskinder

Einzelne Schädel und viel Schutt in der wiederentdeckten Grabstätte im Tal der Könige

Was bedeutet der aktuelle Fund im Tal der Könige für die Forschung?

Ganz besonders spannend ist er in diesem Jahr geworden als wir angefangen haben, Aufschriften auf Tonkrügen zu übersetzen. Da haben wir plötzlich festgestellt, dass es sich um eine Bestattung von Prinzen und Prinzessinnen und von Damen vom Hof handeln muss. Wir haben jetzt über 30 Namen von Personen aus der 18. Dynastie. Zwei Drittel dieser Personen sind Frauen, darunter einige Prinzessinnen, Königstöchter, ein paar wenige Prinzen und dann als dritte Gruppe Frauen, die über eine Hieroglyphe als Ausländerinnen gekennzeichnet sind. Das ist für uns eine sehr wichtige Erkenntnis.

Eine der Grundfragen unseres Projekts ist: Wer war denn nebst den Königen im Tal der Könige bestattet? Zwei Drittel der Grabanlagen im Tal der Könige wurden nicht für Pharaonen bestimmt, aber für wen dann? Und da gab es bisher nur sehr wenig Information, sehr wenige Anhaltspunkte, diese Frage zu beantworten. Wir haben durch diese 30 Leute aus dem engsten familiären Umfeld des Königs nun eine sehr schöne Antwort darauf bekommen. Wir haben neue Erkenntnisse gewonnen, hinsichtlich der Nutzung der Pharaonen-Nekropole. Dieser Fund gibt aber auch einen wunderbaren Einblick in die Zusammensetzung so einer Königsgroßfamilie und der Frauenquartiere eines Hofes.

Das Tal der Könige gilt als recht gut erforscht. Warum wurde das Grab mit den mehr als 50 Mumien erst jetzt entdeckt?

Ägyptologen identifizieren Grab der Königskinder

Abschnitt des vom Baseler Forscherteam untersuchten Tals der Könige

Gut erforscht sind die Königsgräber, die ja auch wunderschön sind mit diesen fantastischen Wanddekorationen, diesen hochspannenden Unterweltbüchern an den Wänden. Alle nicht-königlichen Gräber im Tal der Könige sind völlig schlicht. An den Wänden ist überhaupt nichts angebracht. Kein Name, kein Bild, ganz und gar nichts. Sie haben überhaupt keinen ästhetischen Wert für uns und daher wurden sie in der Forschung weitgehend vernachlässigt. Dann sind auch fast alle geplündert und in schwierigem Zustand. Daher wurden wahrscheinlich viele der nicht-königlichen Gräber von den Forschern im 19. Jahrhundert mal besucht, aber nicht für interessant befunden und zugeschüttet - bis heute. Was zurückgeblieben ist, hat keinen materiellen, aber einen großen wissenschaftlichen Wert. Wissenschaftlich ist für uns ein Stück Holz mit einer spannenden Aufschrift sehr wertvoll. Ein Stück Keramik, ein Stück gebrannter Ton mit einer kleinen kursiven Aufschrift hat uns jetzt soviel Information gebracht, wie ein Goldschälchen nie tun würde.

Was passiert jetzt mit dem Fund? Bleiben die mumifizierten Personen und die Grabbeigaben in Ägypten oder kommen sie zur Erforschung nach Europa?

Im Prinzip, und das ist ein sehr striktes Prinzip, darf nichts aus Ägypten ausgeführt werden. Insofern wird alles vor Ort verwahrt, ist schön sortiert und bereit für weitere Untersuchungen. Für uns fängt ja die Forschung eigentlich erst jetzt an. Zum einen wird es sehr viel anthropologische und paläopathologische Forschung geben und dann natürlich die Auswertung dieser hunderte von Fragmenten aus Holzsärgen. Da wird noch sehr viel Arbeit zu bewältigen sein.

Sie kommen aber weiterhin an die Objekte heran und dürfen im Rahmen des Projektes weiter forschen?

Sämtliche Objekte bleiben in Ägypten und wir müssen jedes Jahr auf Neue die Konzession, die Erlaubnis, beantragen. Aber da wir schon seit sehr vielen Jahren in dem Bereich tätig sind und eine sehr, sehr gute Zusammenarbeit mit den ägyptischen Behörden haben, gehe ich davon aus, dass wir in Zukunft, im Herbst und im nächsten Frühjahr, weiter dort arbeiten werden.

Susanne Bickel ist Ägyptologin am Departement Altertumswissenschaften der Universität Basel. Sie leitet das archäologische Forschungsprojekt "University of Basel Kings' Valley Project", das seit 2009 die Nutzung des Tals der Könige im Umkreis der Königsgräber erforscht. Im Rahmen dessen hat das international besetzte Forscherteam nun im Tal der Könige bei Luxor ein neues Grab mit rund 50 mumifizierten Personen entdeckt.

Das Interview führte Kristina Reymann.

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