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Alltagsdeutsch – Podcast

Biblische Grußformeln und Flüche

Unbewusst verwendet sie jeder: Grußformeln, Ausrufe des Entsetzens und der Enttäuschung aus der Bibel, in denen "Gott" erwähnt wird. Und der Teufel? Für ihn ist alles Negative reserviert – wie Flüche und Verwünschungen.

Sprecherin:

"Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort", heißt es in der Bibel, genauer gesagt dem Neuen Testament, zu Beginn des Johannes-Evangeliums. Es klingt so, als würden dort Wort und Gott, Gott und Sprache gleichgesetzt. Soweit wollen wir hier nicht gehen. Aber wir wollen uns auf die Suche nach Spuren von Religion in der deutschen Sprache machen. Denn Gott und Götter, Himmel und Hölle, Engel und Teufel – sie alle tauchen immer wieder auf in deutschen Redewendungen und Sprichwörtern. Und das fängt schon beim Grüßen an, sagt Pater Eberhard von Gemmingen.

O-Ton Pater von Gemmingen:

"Es verbirgt sich in einem französischen Grußwort der liebe Gott nämlich: Adieu!. Ich persönlich habe mir irgendwann angeeignet, wenn ich jemandem 'Wiedersehen' sage, Adieu! zu sagen. Ich weiß eigentlich nicht, wie ich da drauf gekommen bin. Ich hab' zwar in meiner Jugend also Französisch gelernt und es gefällt mir eigentlich, und manchmal sagen dann Leute, das ist nett, dass du Adieu! sagst. Dann sagen wir natürlich in Schwaben, auch im evangelischen Schwaben, sagen wir Grüß Gott! ausdrücklich, während im katholischen Baden sagen sie Guten Tag!, während wir sagen Grüß Gott!."

Sprecher:

Adieu ist eigentlich ein Grußwort zum Abschied. Es wurde im 17. Jahrhundert aus dem Französischen übernommen und bedeutet wörtlich übersetzt Zu Gott!, Gott befohlen! Von Adieu sind auch die Abschiedsformeln Ade! und das heute sehr oft gebrauchte Tschüss! abgeleitet. Im Deutschen entsprechen dem Adieu die Segensformeln Geh mit Gott! und Gott befohlen! im Sinn von Gott soll dich auf deinen Wegen begleiten. Vor allem in Süddeutschland reden sich die Leute zur Begrüßung mit Grüß Gott! an. In der Mitte und im Norden benutzt man stattdessen Guten Tag!. Dazu schreibt der äthiopische Prinz Asfa Yassin Asserate in seinem Buch "Manieren":

Rezitatorin:

"Dass Deutschland ein Land der Regionen ist, merkt man, wenn man das soeben Erlernte Grüß Gott! in Hamburg oder Berlin arglos von sich gibt. Das Befremden ist meist stark. Oft ist das Gegenüber sogar peinlich berührt und fragt spitz: 'Sie kommen wohl aus Bayern?'. Da regt sich das reaktionäre, abergläubische Süddeutschland gegen den politisch fortschrittlichen Norden. Tatsächlich habe ich festgestellt, dass im ganzen Land Grüß Gott! diesen sanften, unschuldigen Provokationscharakter hat. Die bewahrenden Kräfte zeigen mit Grüß Gott! gegenüber den Progressiven Flagge. Wer die wechselseitige, beinahe unmerkliche Verachtung nach dem Austausch von Grüß Gott! und darauf geantwortetem Guten Tag! gespürt hat, hat viel von Deutschland verstanden."

Sprecher:

Asserate beobachtet also, über die regionale Tradition hinaus, zeigt man mit dem jeweiligen Gruß Flagge. Man gibt seine Meinung deutlich zu erkennen. Man gibt zu erkennen, ob man sich selbst für fortschrittlich, also progressiv, oder für Werte bewahrend, für konservativ, hält. Wer Grüß Gott! bewusst sagt, der stellt sich damit auch bewusst in eine religiöse – in diesem Fall katholische – Tradition. Wer sich aber von dieser Tradition distanzieren will – und das ist sicherlich in Norddeutschland häufiger der Fall als im Süden der Republik –, der sagt bewusst nicht Grüß Gott!. Diejenigen, die sich so grüßen, hält er womöglich für altmodisch. In seinen Augen halten die Grüß Gott!-Sager an nicht mehr zeitgemäßen Vorstellungen fest. Sie sind reaktionär. Ihre Gläubigkeit wertet er als abergläubisch ab.

Sprecherin:

Jesuitenpater von Gemmingen jedenfalls ist bekennender Grüß Gott!-Sager. Sein oberster Chef ist der Papst. Und der taucht im Deutschen in einer Redewendung auf.

O-Ton Pater von Gemmingen:

"Päpstlicher als der Papst bedeutet, dass jemand ein Gebot oder ein Gesetz oder eine Vorschrift noch genauer beobachten will als selbst der Papst dieses Gebot, dieses Gesetz oder diese Vorschrift beobachten würde. Es extrem genau nehmen, hundertfünfzigprozentig. Das ist etwas päpstlicher nehmen oder päpstlicher sein als der Papst.

Sprecher:
Verwunderung, Bestürzung, Bedauern – diese Gefühle drücken wir mit Ach du lieber Gott! aus; wenn ein Missgeschick passiert ist, wenn wir etwas vergessen oder verloren haben. Oder einfach:

Pater von Gemmingen:

"Oh mein Gott, oh mein Gott! Ja, in diesem Wort drückt man aus einen Ruf an eine geheimnisvolle, höhere, unsichtbare Kraft, von der man den Eindruck hat, dass sie über einem steht. Oh mein Gott! Ja, ich glaube die meisten Leute denken gar nix dabei – und ich muss auch sagen, ich finde es sehr traurig, wenn Leute in einem Kontext, meinetwegen in einer Strip-Show oder was auch immer, dann kommt plötzlich Oh Gott, oh Gott!. Also, das finde ich ehrlich gesagt schlimm, einfach, dass der liebe Gott von Leuten, die gar nichts mit ihm zu tun haben wollen im normalen Leben, dann plötzlich gebraucht oder missbraucht wird oder dass das halt nur ein Wort ist.

Sprecherin:

Das zeigt deutlich: Obwohl die deutsche Sprache bis heute viele religiöse Elemente enthält, benutzen die meisten ihre Sprache unreflektiert, ohne sich der religiösen Wurzeln einzelner Wendungen oder Redensarten bewusst zu sein. Das gilt auch für Gott sei Dank!.

Pater Eberhard von Gemmingen:

"Man sagt: 'Gott sei Dank ist heute schönes Wetter', 'Gott sei Dank habe ich endlich mein Gehalt bekommen', 'Gott sei Dank ist mir dieser doofe Mensch nicht über die Füße gefahren mit dem Auto', 'Gott sei Dank habe ich die richtige Frau erwischt', oder 'Gott sei Dank' funktioniert diese Maschine, mit der wir das aufnehmen hier'."

Sprecherin:

Um Gottes Willen ist wiederum ein Ausdruck des Entsetzens. Gott bewahre! – als verkürzte Form von Gott bewahre uns davor! – bedeutet so viel wie Bloß nicht!. Gott vergelt's! dagegen ist eine Dankesformel, die vor allem im süddeutschen Raum vorkommt. Ebenso wie Kruzifix!, das eigentlich eine plastische Nachbildung des gekreuzigten Jesus bezeichnet, aber auch als Ausruf der Verwünschung und des Zorns verwendet wird. Eine ganze Reihe weiterer Flüche leitet sich ursprünglich aus einem religiösen Zusammenhang ab. Und hier kommt der Teufel ins Spiel. Zum Beispiel bei Pfui Teufel! als Ausdruck des Abscheus, des Ekels. Oder Zum Teufel!

Pater von Gemmingen:

"'Hau ab! Geh weg! Ich mag dich nicht, du störst mich. Scher dich zum Teufel! Vor allem glaube ich, wenn jemand immer wieder mit der gleichen Bitte oder Frage kommt, die man nicht gerne hören will, dann sagt man Scher dich zum Teufel! Das heißt: Hau ab!"

Sprecher:

Der Teufel, oder auch Satan, eignet sich als Widersacher, als böser Gegenspieler zum lieben Gott, gut für solche negativen Bezeichnungen. So steht das Adjektiv teuflisch für bösartig, grausam. Einen durchtriebenen, boshaften Menschen nennen wir Teufelsbraten oder Satansbraten. Der Ausdruck meint eigentlich, dass so jemand es verdient, vom Teufel im Höllenfeuer gebraten zu werden. Die Sprache funktioniert wie ein großes Geschichtsbuch. Die Erfahrungen, Gedanken, der Glaube vieler Jahrhunderte ganz unterschiedlicher Prägungen, haben sich in ihr niedergeschlagen. Und der Einfluss der Bibel spielt hier eine herausragende Rolle. Die deutsche Sprache, die deutsche Literatur – sie wären ohne den Einfluss der Bibel eine vollkommen andere. Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang ein Zitat des erklärten Atheisten Bertolt Brecht. Auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch sagte er: "Sie werden lachen – die Bibel."

Fragen zum Text

Mit Grüß Gott! wird man meistens begrüßt in …

1. Norddeutschland.

2. Ostdeutschland.

3. Süddeutschland.

Ist jemand sehr genau, dann ist jemand …

1. gottgläubiger als Gott.

2. satanischer als der Teufel.

3. päpstlicher als der Papst.

Eine Formel des Ärgers ist …

1. Gott bewahre!

2. Scher' dich zum Teufel!

3. Pfui Teufel!

Arbeitsauftrag

Die Grußformeln, Flüche, Ausrufe aus der Bibel werden in verschiedenen Lebenslagen angewendet. Schreiben Sie 15 Sätze, in denen Sie einige der Formeln richtig anwenden. Ersetzen Sie diese Formeln und Flüche anschließend, wo es möglich ist, durch welche, die in der heutigen Jugendsprache verwendet werden.

Autorin: Hilde Regeniter

Redaktion: Beatrice Warken

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