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Politik

Bibel für die Beschtinen

Für das Volk der Beschtinen in Dagestan, im Nordkaukasus, war das Lukas-Evangelium das erste gedruckte Buch in seiner Muttersprache. Etwa 6000 Menschen zählen noch zu dem kleinen Bergvolk im russischen Nordkaukasus.

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Stephan Hille

Die Übersetzung des Lukas-Evangeliums erhielten die Beschtinen vom Moskauer Institut für Bibelübersetzung. Seit mehr als dreißig Jahren arbeitet das Institut daran, die Heilige Schrift in die Sprache der nichtrussischen Völker zu übersetzen.

Hilfe für von Aussterben bedrohte Sprachen

Denn neben Russisch werden in der ehemaligen Sowjetunion heute noch rund 130 Sprachen gesprochen. Rund 85 Millionen Menschen bilden eine ungeheure Vielfalt an Sprachen und Religion. Das wichtigste Ziel ist es, möglichst allen Völkern, die in ihrer Muttersprache die Bibel nicht kennen, unabhängig von ihrem eigenen Glauben den Text oder Auszüge aus dem Klassiker der Weltliteratur näher zu bringen. Damit leistet das Institut, das seit 1997 von der Schweizerin Marianne Beerle-Moor geleitet wird, einen wichtigen Beitrag, um vom Aussterben bedrohte Sprachen und damit auch die Kultur von kleinen Völkern zu erhalten.

Zahlreiche Dankesschreiben habe das Institut von den Beschtinen erhalten, als die Übersetzung des Lukas-Evageliums endlich fertig war, erinnert sich Institutsleiterin Beerle-Moor. "Je kleiner das Volk, desto

größer ist die Freude."

Lukas-Evangelium besonders geeignet

In vielen Fällen muss sich das Institut darauf beschränken, nur Auszüge aus der Bibel zu übersetzen. Es ist vor allem unter den kleinen Volksgruppen schwierig, geeignete Übersetzer zu finden. An jedem Sprachprojekt arbeitet ein ganzes Übersetzungsteam, das aus Muttersprachlern, Linguisten und exegetischen Prüfern besteht. Oft dauert die Übersetzung eines Textes mehrere Jahre. An der Übersetzung des Lukas-Evangeliums für die Enzen, ein Volk im hohen Norden, zu dem sich laut der letzten Volkszählung gerade noch rund 300 Menschen zählen, arbeitet das Institut bereits seit zehn Jahren. Das Lukas-Evangelium als das bekannteste Evangelium eigene sich besonders zur Übersetzung, so Beerle-Moor, weil es unter anderem mit der Weihnachtsgeschichte den besten Überblick über die biblische Geschichte gebe.

Inzwischen koordiniert das Institut die Übersetzung von Teilen der Heiligen Schrift in 65 Sprachen, die in der ehemaligen Sowjetunion gesprochen werden. Von den 175 Mitarbeitern, arbeitet nur ein kleiner Teil in Moskau, die meisten Mitarbeiter leben verstreut in allen Teilen Russlands und den ehemaligen Sowjetrepubliken.

Bibeltexte als Schmuggelware

Angefangen hatte das Institut 1973 in Stockholm. Damals suchte der kroatische Slavist Borislav Arapovic in den westlichen Bibliotheken nach alten Übersetzungen der Bibel, die die russisch-orthodoxe Kirche noch vor der Oktoberrevolution für nichtrussische Völker gedruckt hatte. Da während der kommunistischen Zeit an eine Arbeit in Moskau nicht zu denken war, halfen Emigranten mit den ersten Bibelübersetzungen. Neuauflagen in nichtrussischer Sprache wurden dann über geheime Wege in die Sowjetunion geschmuggelt.

Erst während der Perestroika und mit der Tausendjahrfeier des Christentums in Russland (1988) wurde der Weg frei für eine offizielle Zusammenarbeit zwischen dem Bibel-Institut und der orthodoxen Kirche. Fünf Jahre nach der offiziellen Registrierung in Moskau fand das Institut 1997 Unterschlupf im Moskauer Andrejewski-Kloster. Inzwischen ist das Institut, das vor allem durch Beiträge von Partnerorganisationen

und Kirchen verschiedener Länder finanziert wird, offiziell als Mitglied der russischen Akademie der Wissenschaften anerkannt. Damit wird auch der überkonfessionelle Status des Institutes betont.

"Mit Missionärstätigkeit hat unsere Arbeit nichts zu tun", begegnet Beerle-Moor Vorwürfen, die sie hin und wieder hören muss. "Die Bibel ist als Heilige Schrift in allen Religionen anerkannt. Sie in möglichst viele Sprachen zu übersetzen ist der beste Weg, um Vorurteile abzubauen."