BIBB-Präsident Friedrich H. Esser: ″Abbruchquoten sind bad news″ | Deutschland | DW | 18.04.2018
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Duale Ausbildung

BIBB-Präsident Friedrich H. Esser: "Abbruchquoten sind bad news"

Immer weniger Betriebe bilden aus, immer mehr Lehrlinge brechen ihre Lehre ab - so steht es im neuen Berufsbildungsbericht. BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser über die Zukunft der dualen Ausbildung Made in Germany.

Deutsche Welle: In Deutschland leidet die Wirtschaft nicht nur an Fachkräftemangel, sondern zunehmend auch an Lehrlingsmangel. Immer mehr Azubis brechen ihre Ausbildung vorzeitig ab. Woran liegt das?

Friedrich Hubert Esser: Abbruchquoten sind bad news, wir als Wissenschaftler verwenden den Begriff Lösungsquote, das ist korrekter. Denn ein vorzeitig gelöster Ausbildungsvertrag muss nicht das Ende einer Karriere bedeuten. Wir schätzen den Anteil derjenigen, die unmittelbar nach einer Vertragslösung ein neues Ausbildungsverhältnis im dualen System beginnen, auf gut 50 Prozent. Das ist der Unterschied zu den Studienabbrechern, da werden nämlich nur diejenigen gezählt, die ihr Studium nicht abgeschlossen haben.

Was sind die wichtigsten Gründe für den Abbruch oder die Auflösung eines Ausbildungsvertrages?

Für die Auflösung eines Vertrages gibt es "gute" und "schlechte" Gründe, aber niemals nur einen einzigen Grund. Auf der Seite der Azubis stauen sich häufig Konflikte auf, weil sie im persönlichen Miteinander mit dem Ausbilder oder in ihrem Team nicht klar kommen. Häufig gibt es auch Enttäuschung über die Ausbildung an sich, bis hin zu der Einsicht, die falsche Berufswahl getroffen zu haben. Beim Koch zum Beispiel haben viele die Sterneköche aus dem Fernsehen vor Augen und lernen dann die harte Realität in den Küchen kennen. Umgekehrt gibt es bei den Betrieben unerfüllte Erwartungen an die Auszubildenden. Man klagt über die mangelnde Reife und Motivation. Das schaukelt sich dann hoch. 

Deutschland Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser (BIBB)

Professor Friedrich Hubert Esser ist Wirtschaftspädagoge und leitet das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Je niedriger die Schulbildung, desto höher die Abbruchquote. Setzen sich hier die Probleme, die bereits im Schulsystem stattfinden, fort? Droht bei Lehrlingen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft?

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Schulabschluss und Lösungsquote auf dem Ausbildungsmarkt, das ist klar. Wir beobachten, dass Ausbildungsverhältnisse mit jungen Leuten, die einen niedrigeren Schulabschluss mitbringen, instabiler sind. Jugendliche mit schlechteren Schulabschlüssen haben schlechtere Chancen auf dem Ausbildungsmarkt. Sie können sich weniger aussuchen und müssen häufig das nehmen, was für andere eher unattraktiv ist. Sie bekommen also eventuell einen Ausbildungsplatz in einem Beruf, der an den eigenen Interessen und Wünschen vorbei geht. Deshalb sind sie schnell frustriert und brechen ab. Als Wirtschaftspädagoge sage ich, es ist wichtig, dass man versucht, aus der Negativkarriere, die man in den Schulen erlebt hat, in der Berufsausbildung noch eine positive Karriere zu machen. Und da gibt es viele gute Beispiele.

Stichwort unattraktiv: Wäre es sinnvoll, die Ausbildung in bestimmten Berufen zu reformieren und zum Beispiel zu verkürzen?

Nein. Denn Deutschland ist ja ein Wirtschaftsstandort, der sich weltweit dadurch auszeichnet, dass "Made in Germany" produziert wird. Die hohen Qualitätsansprüche sind an entsprechende Qualifikationen geknüpft. Bisher fahren wir mit dem Modell der dualen Ausbildung sehr gut.

Für viele Lehrlinge dürfte sich aber die Frage stellen, warum sie sich drei Jahre lang für einen Beruf ausbilden lassen sollen, um hinterher schlecht zu verdienen, siehe Krankenpfleger oder Erzieherin…

Es gibt auch Berufe, die zweijährig sind. Eine Ausbildung, die kürzer als zwei Jahre ist, halte ich aber für schwierig. Die jungen Leute, die mit Defiziten aus den Schulen kommen, brauchen erst einmal ein Jahr, um richtig anzukommen, und den Systemwechsel von einer schulischen in eine betriebliche Welt für sich zu sortieren. Es braucht Zeit, um die ganzen Regeln wie Pünktlichkeit, Sauberkeit, Zuverlässigkeit, also Grundkompetenzen zu lernen, erst dann fangen wir mit der beruflichen Qualifikation an. Das zweite Jahr ist dann schnell um. 

Immer mehr Betriebe, vor allem kleinere Firmen, ziehen sich aus der beruflichen Bildung zurück.

Das ist in der Tat ein großes Problem. Wir haben Rückgänge bei Ausbildungsbetrieben, dies betrifft insbesondere Klein- und Kleinstbetriebe. Zum Beispiel der Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Da denkt jeder, der baut Sanitäranlagen aus und ein, schraubt ein paar Becken an die Wand, oder montiert dicke Heizungen. Aber der Beruf hat sich in den letzten Jahren sehr verändert, es ist ein hoch technischer Beruf geworden. Dennoch haben Abiturienten oder Azubis mit Fachhochschulreife wenig Interesse daran.

Muss die öffentliche Hand da einspringen?

Sie muss einspringen, aber nicht mit alternativen Ausbildungskapazitäten, sondern indem sie Kleinbetriebe unterstützt, damit sie wieder attraktiver für Lehrlinge werden.

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser ist Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB).

Das Gespräch führte Astrid Prange.