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Amerika

Beziehungsarbeit mit Lateinamerika

Zwischen Verunsicherung und Verbitterung: Lateinamerika erwartet vom neuen US-Präsidenten einen entscheidenden Schritt zur Verbesserung der Beziehungen. Davon können beide Seiten nur profitieren.

Es war eine gute Nachricht für Brasilianer, die in den USA leben: Präsident Barack Obama hat die Einfuhrbedingungen für cachaça gelockert. Die unverzichtbare Zutat für den brasilianischen Nationalcocktail Caipirinha wird damit deutlich billiger. Das war, abgesehen von ein paar konsularischen Regelungen und einigen locker besprochenen diplomatischen Projekten, das Ergebnis des letzten Treffens des US-Präsidenten mit seiner brasilianischen Amtskollegin Dilma Rousseff.

Diese Begegnung zwischen den Chefs der beiden größten amerikanischen Staaten ist symptomatisch für das Verhältnis zwischen vielen lateinamerikanischen Ländern und den USA: Washington ist sichtlich verunsichert vom politischen Selbstbewusstsein und der rasant wachsenden Wirtschaftskraft der Nachbarn im Süden. Die wiederum sind von den USA weniger abhängig als in den Jahrzehnten davor. Zudem hat Lateinamerika die weltweite Finanzkrise fast unbeschadet überstanden. Das Wichtigste aber ist, dass der Süden von den Vereinigten Staaten keine großen Ideen und Lösungen mehr für die anstehenden Probleme erwartet.

Ein aktueller Bericht des amerikanischen Think-Tanks "Inter-American Dialogue" über die wechselseitigen Beziehungen kommt zu einem ernüchternden Schluss: "Das Verhältnis zwischen beiden Seiten wird immer distanzierter. Qualität und Intensität der Bindungen sind zurückgegangen. Die meisten Staaten der Region sehen die USA als immer weniger relevant an, wenn es um ihre eigenen Bedürfnisse geht. Ihrer Ansicht nach schwindet die Fähigkeit der USA, Strategien zu entwickeln und durchzuführen - vor allem bei Themen, die die Lateinamerikaner am meisten betreffen."

Weit entfernte Positionen

Dabei ist es keineswegs so, dass die lateinamerikanischen Staaten kein Interesse an einer intensiveren Zusammenarbeit hätten: Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos hat den USA neulich vorgeworfen, über dem weltweiten Engagement den Blick auf das Wesentliche verloren zu haben: "Anstatt ihre strategischen Interessen am anderen Ende der Welt zu vertreten, wäre es für sie und auch für uns besser, wenn sie mehr auf ihre Nachbarn schauen würden."

Kolumbanischer Polizist inspiziert beschlagnahmtes Kokain

Viele in Lateinamerika werfen den USA Untätigkeit im Drogenkampf vor.

Ausgerechnet bei den aus lateinamerikanischer Sicht wichtigsten Themen - Immigration, Anti-Drogen-Kampf und Kuba-Politik - liegen die Positionen inzwischen weit auseinander. Der Bericht des "Inter-American Dialogue" stellt fest: "Washingtons Unfähigkeit, sein gescheitertes Einwanderungssystem zu reformieren, ist ein permanenter Anlass für Reibungen zwischen den USA und fast allen anderen amerikanischen Staaten." Dass die US-Anti-Drogen-Programme gescheitert sind, hat Außenministerin Hillary Clinton kürzlich bei einem Mexico-Besuch zugegeben. Und kein lateinamerikanischer Staatschef ist bereit, die Embargo-Politik gegenüber Kuba mitzutragen.

Keine Antworten auf die wichtigsten Fragen

Weder der amtierende Präsident noch sein Herausforderer Mitt Romney scheinen Antworten oder Alternativen parat zu haben. Im republikanischen Vorwahlkampf hatten sich die Kandidaten gegenseitig mit Verschärfungen der Einwanderungsbestimmungen überboten. Dabei geht die Migration aus Mexiko, aus dem 30 Prozent der US-Einwanderer kommen, seit Jahren zurück. Auch im Kampf gegen die Drogen bewegt sich auf US-Seite nichts: Kein Kandidat wagt es, über die Entkriminalisierung von Drogen auch nur nachzudenken. Das genau aber tun immer mehr latenamerikanische Politiker: Kolumbiens Präsident Santos sagte vor dem letzten Amerika-Gipfel im April: "Ich würde über die Legalisierung von Marihuana reden, ich würde auch die Legalisierung von Kokain in Betracht ziehen, wenn das Konsens fände."

Demonstranten verlangen mehr Einwanderungsrechte immigrants (ddp images/AP Photo/Steven Senne)

Die Diskussion über die Einwanderungspolitik stockt.

Dabei würden beide Seiten von einer besseren Zusammenarbeit profitieren: Für die USA ist Lateinamerika ein riesiger Markt mit Investitionsmöglichkeiten und großen Vorräten an Energie und Rohstoffen. Und Lateinamerika braucht trotz allen Wachstums Kapital, Know-How und Technologie aus den USA. Dafür bräuchte es aber ein bisschen mehr, als die Einfuhrbedingungen für Zuckerrohrschnaps zu erleichtern.

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