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Europa

Bezahlbare Haushaltshilfen aus Osteuropa

Rund 150.000 Haushaltshilfen aus Osteuropa kümmern sich um alte Menschen in Deutschland. Sie stehen rund um die Uhr zur Verfügung. Für diese Arbeit finden sich keine bezahlbaren deutschen Pflegekräfte.

Ein junger Mann füttert eine Seniorin (Foto: dpa)

Professionelle Pflegekräfte sind vielen zu teuer

Am Küchentisch sitzt ein altes Ehepaar. Marta schöpft Broccolisuppe in ihre Teller, reicht beiden Brot und etwas zu trinken. Freundlich fragt sie die Alten ob sie noch etwas brauchen. Marta ist Mitte 40 und kommt aus Ungarn. Sie kocht, wäscht, putzt, kauft ein und bringt das alte Ehepaar ins Bett. Rund um die Uhr steht sie den beiden 90-Jährigen aus Bonn zur Verfügung. Ein harter Job, gibt Marta selbst zu. Sie musste den alten Mann zwölf Mal in der Nacht auf die Toilette begleiten. "Ich dachte, ich kann am Nachmittag ein paar Stunden schlafen, aber da war die Situation genauso", erzählt die Ungarin.

150.000 Haushaltshilfen aus Osteuropa in Deutschland

Eine Frau schiebt eine alte Dame im Rollstuhl (Foto: AP)

Die Betreuung der Angehörigen ist kaum mehr Familiensache

Seit einem Jahr kümmert sich Marta als Haushaltshilfe um das Ehepaar. Sie ist keine Fachkraft, sondern studierte Sozialpädagogin. Pflegerische Tätigkeiten darf sie nicht ausüben. Deshalb kommt jeden Tag eine deutsche Pflegerin vorbei, um Blutzucker zu messen, Insulin zu spritzen und Medikamente zu verabreichen. So ist es in den meisten Pflegefällen geregelt. Bis zu 150.000 Frauen aus Osteuropa kümmern sich derzeit um alte Menschen in Deutschland.

Nur wenige von ihnen arbeiten legal, weiß Prof. Dr. Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung. Sie seien selbstständig in Deutschland tätig oder würden über die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit vermittelt. In dem Fall sei die Familie der Arbeitgeber dieser Haushaltshilfen, die sozialversicherungspflichtig sind und einen Arbeitsvertrag über 38,5 Stunden in der Woche haben. Mit Anspruch auf Urlaub und auf klare Ruhephasen. "Aber was ist, wenn jemand in der Nacht häufig Hilfe braucht? Ist dann die Ruhephase noch gewährleistet?", fragt Isfort skeptisch und spricht damit einen kritischen, weitgehend ungelösten Punkt an. Die Anstellung ist außerdem mit viel Bürokratie verbunden. Die Familie muss komplizierte Anträge stellen und die Steuererklärung erstellen.

Hauptsache man spricht Deutsch

Eine Seniorin sitzt mit einem Gehstock auf einer Parkbank (Foto: dpa)

Gut betreut in Würde altern - ein Luxusgut

Der Weg, für den sich Familien daher häufig entscheiden, ist weniger aufwändig: Die Haushaltshilfe wird von einer Firma - mit Sitz im Heimatland der Hilfskraft - vorübergehend nach Deutschland entsandt. So wie Marta. Sie selbst hat ihre Firma im Internet gefunden. Entscheidend bei der Anstellung sei die Frage gewesen, ob sie Deutsch spreche und wie gut. "Nach dem kurzen Sprachtest sagte mir eine Frau: Wenn du möchtest kannst du nächste Woche nach Deutschland fahren“, erzählt die Ungarin.

Für das alte Ehepaar aus Bonn kam Marta genau zur richtigen Zeit: Jemand musste rund um die Uhr für sie da sein. Ihre Tochter Ruth hat drei Kinder und einen Ganztagsjob und in ein Pflegeheim wollten ihre Eltern nicht. Ruth wusste: Für diese Arbeit findet sie keine deutsche Pflegekraft, die bezahlbar wäre. Die einzige Alternative war also eine Frau aus Osteuropa. Eine deutsche Agentur, die mit der ungarischen Firma zusammenarbeitet, hat Marta an die Familie vermittelt. Innerhalb von zehn Tagen war sie in Bonn. Der bürokratische Aufwand war gering. Marta zahlt Steuern und Sozialabgaben in ihrem Heimatland.

Tragende Säule des deutschen Pflegesystems

Eine Seniorin steigt in einen Bus (Foto: dpa)

Wer im Alter Pflege braucht, sucht auch in Osteuropa Hilfe

1880 Euro zahlt die Familie an die ungarische Firma. "Wie sich das genau aufteilt, weiß ich nicht. Ein Teil sind die Sozialabgaben in Ungarn und ein Teil ist der Profit der ungarischen Firma und ein Teil der Profit der deutschen Firma“, erklärt Ruth. Marta bekommt nur die Hälfte dieses Geldes, 900 Euro im Monat. Ihre Arbeitszeiten seien im Vertrag nicht geregelt. "Die Hilfskraft hat pro Woche Anspruch auf einen ganzen freien oder zwei halbe freie Tage", sagt Ruth. Die Zahlung des mittlerweile geltenden Mindestlohns für die Pflegebranche, der nach dem Arbeitnehmer-Entsendegesetz auch an Fachkräfte aus dem Ausland gezahlt werden muss, wird oft - wie in Martas Fall - umgangen.

Angesichts der ernormen Kosten für ausgebildete Pflegekräfte sind die Frauen aus Osteuropa oft die einzige Hoffnung für Angehörige, die einen Pflegefall zu versorgen haben. Tragende Säule des deutschen Pflegedienstes - so nennt sie der Pflegeforscher Isfort. Derzeit könne Deutschland die Versorgung, die durch die Frauen aus Osteuropa stabilisiert würde, mit dem professionellen Pflegesystem allein nicht abdecken. "Momentan hätten wir keine tragfähige Lösung, wenn die Frauen aus Osteuropa plötzlich alle zu Hause blieben. Das wäre für Deutschland ganz schwierig."

Autorin: Justyna Bronska
Redaktion: Beatrix Beuthner/Julia Kuckelkorn