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Wissen & Umwelt

Bewegung mindert Nebenwirkungen von Krebs

Bei rund 430.000 Menschen in Deutschland wird jedes Jahr eine Krebserkrankung festgestellt. Eine erschütternde Diagnose, die bei vielen Patienten zu Isolation und Inaktivität führt. Dabei ist genau das der falsche Weg.

Dr. Freerk Baumann betreut einen Patienten beim Fahrradtraining (Foto: Baumann/DSHS Köln)

Krebspatient beim Ausdauertraining

Sport und Bewegung als anerkannter Bestandteil der Krebstherapie, das ist die Vision von Freerk Baumann. Der 35-Jährige Sportwissenschaftler leitet an der Deutschen Sporthochschule in Köln eine Arbeitsgruppe, die die Auswirkungen von Sport während und nach einer Krebstherapie erforscht, und das mit Erfolg: Kraft- und Ausdauerwerte der getesteten Patienten verbessern sich, die Stressmarker im Blut - reaktionsfreudige Teilchen die für den Alterungsprozess von Zellen und damit auch für Krebs verantwortlich sind - nehmen ab.

Allerdings – so Baumann - sei der erste Schritt für viele Patienten sehr schwierig. "Die Hürde ist ganz klar die Angst. Die Hürde ist die Unsicherheit", erklärt er. "Wir sehen durch Studien, dass die Patienten ihr Aktivitätsniveau um 30 Prozent zurückschrauben, wenn der Arzt die Krebsdiagnose stellt. Aber der größte Fehler, den man machen kann, ist körperliche Inaktivität und Schonung." Es gebe nichts Risikoreicheres als wenig Bewegung wenn jemand versucht den Krebs zu besiegen.

Diese Angst etwas falsch zu machen, soll den Patienten durch eine wissenschaftlich betreute Bewegungstherapie genommen werden. Jeder Krebspatient, der an einer Studie der Sporthochschule teilnimmt, wird zunächst auf seine Sporttauglichkeit hin untersucht – Ausdauer- und Krafttest, ein Belastungs-EKG und Blutuntersuchungen. Hinzu kommen immer auch psychologische Tests. Die ersten Schritte in die Bewegungstherapie erfolgen dann betreut von Medizinern, Psychologen, Sportwissenschaftlern und Physiotherapeuten.

Individuelle Bewegungstherapie

Dr. Freerk Baumann vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin (Foto: DSHS Köln)

Baumann hält die Patienten auf Trab

"So etwas gibt Sicherheit. So etwas verdrängt die Unsicherheit. So etwas gibt Selbstvertrauen. Und man kommt dann, wenn man einige Einheiten in Begleitung durchgeführt hat sehr schnell auch darauf, eigenständig körperliche Aktivität durchzuführen." Allerdings muss die sportliche Aktivität individuell auf den Patienten, seine Krebsart und die jeweilige Form der Therapie zugeschnitten sein. Insbesondere die Nebenwirkungen sind zu berücksichtigen: Beispielsweise haben bestimmte Chemotherapien Einfluss auf den Herzrhythmus, bei Prostata-Operationen kommt es zur Inkontinenz, bei einer Leukämie ist das Immunsystem geschwächt – nicht jedes Training ist daher auch jedem Patienten zu empfehlen.

In zahlreichen Studien suchen Freerk Baumann und seine Arbeitsgruppe daher nach einer Antwort auf die Frage: Was ist die optimale Bewegungstherapie, mit der man die Nebenwirkungen von Krebs und Krebstherapien reduzieren kann? Und gleichzeitig: Ab wann sind Ruhe und Schonung geraten? Außerdem untersuchen sie gezielt die Wechselwirkung zwischen der ergänzenden Bewegungstherapie und bestimmten Medikamenten.

Die Projekte reichen von einfachem Krafttraining bei Brustkrebspatientinnen während der Chemotherapie bis hin zu langen Wanderungen oder mehrtätigen Radtouren für Krebspatienten in der Nachsorge: 500 Kilometer zu Fuß über die Alpen nach Venedig. 1400 Kilometer mit dem Fahrrad von Köln nach Marseille oder zu Fuß über 800 Kilometer auf dem Jakobsweg in Nordspanien.

Wandern gegen den Brustkrebs

Dort ist auch Elisabeth Braun mitgewandert. Bei ihr wurde vor sechs Jahren Brustkrebs festgestellt. Schon vor dem Beginn der Chemotherapie begann die heute 57-Jährige mit Nordic Walking und meldete sich kurze Zeit später bei Freerk Baumann für den Jakobsweg an.

Eine Gruppe von Brustkrebspatientinnen auf dem Jakobsweg in Nordspanien. Das Projekt fand unter Betreuung des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule in Köln statt. (Foto: Braun)

Mehr als 800 Kilometer weit wanderten die Patienten - unter anderem über die Pyrenäen

"Das war das erste, was ich mit unternommen habe. Danach waren es noch einzelne Studien: Laufen bei Krebs, Wassersport bei Lymphödem und Walken bei Lymphödem", erinnert sie sich. "Eigentlich waren die ganzen Studien recht erfolgreich und haben mich darin bestätigt, mich so viel wie möglich zu bewegen."

Heute ist die Krankheit verschwunden und Elisabeth Braun führt das auch auf die positiven Effekte des Sports zurück. "Ich glaube, dass ich mich viel mehr isoliert hätte", sagt sie. "Ich glaube, dass ich an manchen Stellen viel einsamer gewesen wäre, was ich so nie war. Und ich glaube auch, dass meine körperliche Fitness heute, mit abgelaufener Erkrankung, besser ist als vor der Erkrankung."

Nachhaltiges Therapieangebot fehlt

Die Akzeptanz für Sport und Bewegung als begleitende Therapie bei Krebs ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Trotzdem gibt es erst etwa 950 Krebssportgruppen in Deutschland - im Vergleich zu rund 7000 Herzsportgruppen eine geringe Zahl. Außerdem fehlen systematische Programme, die auch von der Krankenkasse finanziert werden.

"Wir müssen weiterdenken bezüglich qualitativ hochwertiger Angebote, zu denen alle Krebs-Patienten Zugang haben", formuliert Freerk Baumann sein Ziel: "Zum Beispiel in gesundheitsorientierten Fitnessstudios, wo Krebsprogramme umgesetzt werden müssten oder in Rehabilitationskliniken, wo Patienten auch außerhalb der onkologischen, stationären Therapie zum dauerhaften Trainieren hingehen können." Ein nachhaltiges Angebot existiere noch nicht. "Da müssen wir unbedingt irgendwie dran arbeiten," so der Mediziner.

Autor: Andreas Sten-Ziemons
Redaktion: Fabian Schmidt