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Kultur

Bewegendes Kinodrama: "Lauf Junge Lauf"

Ein Junge flieht im 2. Weltkrieg aus dem Warschauer Ghetto und versteckt sich bei einer Bäuerin. Die dramatische Geschichte von Yoram Friedmann kam erst als Buch heraus. Jetzt hat sie ein deutscher Regisseur verfilmt.

Pepe Danquart gehört zu den wenigen deutschen Filmemachern, die ebenso erfolgreich im Spiel- wie im Dokumentarfilm zu Hause sind. Mit seinem Zwillingsbruder Didi Danquart gehörte er 1978 zu den Mitbegründern der Medienwerkstatt Freiburg. Pepe Danquart feierte vor allem Erfolge im Dokumentarfilmbereich mit dem Politfilm

Joschka und Herr Fischer

"Joschka und Herr Fischer" und der Tour de France-Doku "Höllentour". Er gewann 1994 einen Oscar für den Kurzfilm "Schwarzfahrer". Nun hat Pepe Danquart mit "Lauf Junge Lauf" seinen bisher ambitioniertesten Spielfilm vorgelegt.

Blick aus Kinderperspektive

Srulik ist aus dem

Warschauer Ghetto

geflohen und irrt im Winter 1942/43 durch die verschneiten Wälder. Hunger und Kälte treiben ihn immer wieder zu abgelegenen Dörfern. So trifft er schließlich Magda, deren Mann und Söhne zu den Partisanen in die Wälder gegangen sind. Die Bäuerin nimmt den Jungen bei sich auf und bringt ihm bei, sowohl seine Religion als auch seine Identität zu verleugnen. Aus Srulik wird Jurek, aus dem jüdischen Jungen ein katholischer Waise. Ganz bewusst hat Pepe Danquart diese bewegende auf historischen Tatsachen beruhende Geschichte aus der Sicht des Jungen erzählt. Er habe keinen klischeehaften Holocaustfilm drehen wolle, sondern "ein Kinderabenteuer, das ist in der Zeit des Holocaust spielt", sagt der Regisseur.

Deutschland Film Regisseur Pepe Danquart (Foto: Hagen Keller / NFP)

Regisseur Pepe Danquart

Während seiner dreijährigen Odyssee trifft Srulik Deutsche und Polen, die ihm helfen. Ebenso begegnet er Deutschen, die ihn jagen, und Polen, die ihn denunzieren. Pepe Danquart setzt auf Vielschichtigkeit in der Figurenzeichnung und zeigt Menschen in all ihrer Widersprüchlichkeit, Güte und Verblendung.

Differenzierte Charaktere

So verkörpert der deutsche Schauspieler Rainer Bock einen zynischen SS-Offizier, der Jurek in gebrochenem Polnisch und auf Deutsch verhört. Insgeheim hat der SS-Mann Respekt vor dem Jungen, der es doch gewagt hat, vor den Deutschen zu fliehen: "Ist doch scheiße, dass Du Jude bist", meint er bei der ersten Begegnung. Man spürt den Zwiespalt dieser Figur. Später wird er dem Jungen seine Geliebte "schenken". Auch hier bleibt offen, ob es sich um eine humane oder nur um eine herrische Geste handelt.

Filmszene aus Lauf Junge Lauf: Jurek wird von einem SS-Offizier verhört (Foto: Hagen Keller / NFP)

Filmszene: Jurek (Andrzej Tkacz) wird von einem SS-Offizier (Rainer Bock) verhört

Ursprünglich war "Lauf Junge Lauf" als deutsch-französisch-polnische Koproduktion geplant. Doch die polnische Filmförderung stieg aus. Das

polnische Kino

hat sich in den letzten Jahren immer wieder in ganz unterschiedlichen Werken mit dem schwierigen polnisch-jüdischen Verhältniss auseinandergesetzt. In "Pokuszie/Aftermath" wurde ein Pogrom nach Kriegsende aufgearbeitet. In "Ida", der gerade auch in den deutschen Kinos angelaufen ist, erfährt eine junge Nonne, dass sie Jüdin ist und ihre Eltern ermordet wurden. Auch "Ida" beleuchtet die Frage nach der polnischen Mitschuld. In Polen ist es inzwischen kein Tabu mehr, sich des heiklen Themas anzunehmen.

Sprachenvielfalt - leider nicht in Deutschland

Pepe Danquart hat beim Drehen dieser internationalen Produktion ganz bewusst auf die Vielfalt der Sprachen gesetzt. Die Originalfassung des Films lebt vom Einsatz des Polnischen und Deutschen, des Russischen und des Jiddischen. Leider hat sich der deutsche Verleih entschlossen, eine synchronisierte deutsche Fassung in die Kinos zu bringen. Das raubt dem Werk einen Teil seiner Wirkung und nimmt ihm einiges von seiner Authentizität.

Filmszene aus Lauf Junge Lauf: Gemeinsames Pinkeln mit den Nachbarskindern (Foto: Hagen Keller / NFP)

Gemeinsames Pinkeln nach dem Fußballspiel – Jurek muss aufpassen, dass er nicht als Jude entlarvt wird

Pepe Danquart hat sich bei seiner Verfilmung auf das Buch des polnisch-israelischen Schriftstellers Uri Orlev gestützt, der vor zehn Jahren in "Lauf, Junge, lauf" die wahre Geschichte von Yoram Friedman erzählt hat. Der 78-jährige Friedman lebt heute in Israel. Während der Verfilmung seiner Lebensgeschichte betrat Friedman erstmals wieder deutschen Boden. Am Ende des Films sieht man ihn im Kreise seiner Familie. Ihn erfülle es mit Genugtuung, dass ein deutscher Regisseur seine Geschichte verfilmt habe, sagt Yoram Friedman. Besser ein Deutscher als ein Hollywood-Regisseur, so Friedman.

Erfolgreicher Kinoeinsatz in Polen

Als "Lauf Junge lauf" im Januar 2014 in Warschau Premiere hatte, wurde der Film von den Zuschauern gefeiert. Anschließend strömten über 100.000 Besucher in die polnischen Kinos. Die Presse nahm wohlwollend zur Kenntnis, dass der deutsche Regisseur auf antipolnische Klischees verzichtet habe - so der Tenor. Der in Polen sehr umstrittene Fernsehfilm

"Unsere Mütter, unsere Väter"

hatte nach Meinung großer Teile der polnischen Öffentlichkeit Partisanen einseitig und mit starkem antisemitischen Akzent gezeichnet. Auch deshalb wurde "Lauf Junge lauf" jetzt in Polen gut aufgenommen.

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