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Kultur

Bewegende Dramen: Das Filmfestival goEast

Armut, Korruption und die Narben des Krieges: Regisseure aus Mittel- und Osteuropa erzählen von Menschen, deren Kräfte erschöpft sind. Die Folgen: Einige ruinieren sich selbst, andere proben mit Gewalt den Aufstand

Alter Mann mit vornübergebeugtem, nacktem Oberkörper wird von einem anderen Mann gestützt. Szenenausschnitt aus dem Film Las von Piotr Dumała veinm Filmfestival 'goEast'

Tomek hat Angst. Niemals wollte er als Stricher arbeiten. Aber dann ist der Junge des Geldes wegen doch in das fremde Auto eingestiegen. Ihm ist übel, am liebsten würde er den Deal rückgängig machen, doch das lässt sein Freier nicht zu. "Swinki" (zu Deutsch: "Schweine") lautet der polnische Originaltitel zu dem vielleicht brisantesten Beitrag im Wettbewerb des zehnten "goEast"-Filmfestivals in Wiesbaden. Es geht um sexuellen Missbrauch, ein Thema, das die Öffentlichkeit seit Monaten bewegt. Schwer verdaulich ist diese Geschichte, die in einem trostlosen deutsch-polnischen Grenzgebiet spielt, wo Kinderprostitution ungebrochen floriert. Der beängstigend real wirkende Film beleuchtet auch die Zusammenhänge zwischen der Prostitution und einem bis zur Perversion übersteigerten Materialismus, dem sich die junge polnische Generation verschrieben hat.

Junge und Mädchen vor einem Gitterzaun, das Mädchen trinkt aus einer grünen Flasche (Szene aus dem Film 'Swinki')

Kinderprostitution - ein Thema des Films 'Swinki' ('Schweine')

Aggressive Kommunikation in Georgien

Thematische Schwerpunkte lassen sich schwer ausmachen bei dieser Ausgabe des "goEast"-Festivals. Gemeinsam aber ist vielen Filmen ein von Aussichtslosigkeit und Ohnmacht bestimmtes Lebensgefühl. In dem georgischen Film "Auf der Straße" von Levan Koguashvili ist schon die alltägliche Kommunikation unmöglich geworden. Vor allem die Frauen sind gereizt und verlieren schnell die Fassung. Als ob ihnen nicht schon der tägliche Existenzkampf ihre letzte Kraft rauben würde, müssen sie sich noch mit ihren Männern herum ärgern, die als grenzenlose Versager alles noch schlimmer machen. Selbst ein so gutherziger Kerl wie der Junkie Checkie hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Als er an korrupte Polizisten gerät, die ihn unter Druck setzen, den Sohn des Ministerpräsidenten heroinabhängig zu machen, sieht auch er kein Entkommen mehr aus seinem Teufelskreis.

Programmhefte und Flyer des Filmfestivals 'goEast'

Etabliert: Seit dem Start 2001 ist 'goEast' zu einer wichtigen Plattform für Osteuropas Filme geworden

Rebellion auf dem Balkan

Auch auf dem Balkan liegen die Nerven blank, nur dass sich das weniger in Resignation ausdrückt als vielmehr in Rebellion. Eine Gruppe von Arbeitern und Anarchisten in dem serbischen Beitrag "Die alte Schule des Kapitalismus" haben die Nase voll. Ihre Familien nagen am Hungertuch, ihre Löhne stehen seit ihrer Entlassung noch aus, es wird Zeit, die inhumane Unternehmenspolitik zu stoppen. Kurzerhand stürmen die Aufständischen die Villa ihres Chefs. Auch wenn die Protagonisten in Wirklichkeit vermutlich noch keine Revolution anzetteln würden - die Stimmung ist emotional aufgeheizt, soziale Unruhen bahnen sich an.

Generationskonflikte im florierenden rumänischen Kino

"goEast" beschränkt sich jedoch nicht nur auf aktuelle Bestandsaufnahmen. Einige Filmemacher beschäftigen sich auch mit der Aufarbeitung von Geschichte und Generationskonflikten. Am deutlichsten zeigt sich dies in dem rumänischen Film "Ehrenmedaille" von Peter Calin Netzer.

Auftrieb bei der Eröffnung des Filmfestivals 'goEast' 2010

Gesteigerte Aufmerksamkeit: Die Festival-Eröffnung 2010

Zwischen Herrn Ion und seinem Sohn, der nach Kanada ausgewandert ist und nur noch mit der Mutter telefoniert, herrscht frostiges Schweigen. Der Sohn kann dem Vater nicht verzeihen, dass er ihn zu Zeiten Ceauşescus von der Geheimpolizei festnehmen ließ, als er dem unmenschlichen Regime den Rücken kehren wollte. Seine Schuld, die auch seine Ehe belastet, erdrückt den Alten, der umso mehr aufblüht, als sich die Chance für eine "Wiedergutmachung" bietet. Die Regierung verleiht ihm eine Medaille für besondere Verdienste im Zweiten Weltkrieg. Zwar erinnert er sich zunächst an gar keine Heldentat, aber die Fantasie hilft nach. Das Problem ist nur, dass sich niemand so recht für die Erinnerungen des kauzigen Pensionärs interessiert, und sich zu allem Übel auch noch herausstellt, dass die Medaille eigentlich einem anderen zugedacht war.

"Ehrenmedaille" ist ein weiteres kleines Meisterwerk aus Rumänien, wo sich in den vergangenen Jahren trotz kaum vorhandenen Budget eine erstaunlich fruchtbare Filmszene entwickeln konnte. "Die Goldene Lilie" für den besten Film hätte es zweifellos verdient.

Autorin: Kirsten Liese
Redaktion: Aya Bach

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