1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Sprachbar

Beutelschneider

Mit dem Klammerbeutel gepudert sind Beutelschneider nicht. Gebeutelt sind sie, wenn sie selbst tief in den Beutel greifen müssen, ein Loch hineingerissen wird oder er leer ist. Mancher lügt sich dann in den Beutel.

Sommerzeit, Ferienzeit. Millionen Deutsche machen Urlaub – entweder zu Hause oder im Ausland. In den schönsten Wochen des Jahres, wie es die Werbung verheißt, will mancher sich entspannen, im Meer baden, sich am Hotelpool sonnen, ein bisschen Sport treiben, sich Sehenswürdigkeiten angucken, und, und, und… Hauptsache: einfach mal abschalten und einen schönen Urlaub verbringen. Ob die Ferien wirklich schön werden, hängt in gewisser Weise auch davon ab, wieviel wir in der Urlaubskasse beziehungsweise im Geldbeutel haben.

Sicher verstaut im Brustbeutel

Ein ausgerollter Brustbeutel, aus dem ein Reisepass herausguckt

Der bei deutschen Urlaubern beliebte Brustbeutel ist nicht immer sicher vor Gaunern

Wie wir alle wissen, ist die Welt schlecht! Überall lauern Diebe, alle wollen uns übers Ohr hauen, jeder ist nur auf seinen Vorteil bedacht! Da heißt es Sicherheitsvorkehrungen treffen! Jedes Jahr zur Reisezeit hat deshalb auch der Brust- oder Bauchbeutel Saison. In ihm verwahrt man unter anderem Bargeld und den Personalausweis direkt am Körper – an der Brust oder dem Bauch eben.

Etwas peinlich allerdings wird's dann am Andenkenstand oder im Restaurant, wenn diese Sonderausführung des Geldbeutels unter dem Hemd beziehungsweise der Bluse hervorgezerrt wird und „Mann“ oder „frau“ nach Öffnen des Klett- oder Reißverschlusses Münzen und zerknautschte Banknoten ans Tageslicht befördert. Spätestens jetzt ist der Brustbeutel als Portemonnaie ein Sicherheitsrisiko.

Taschendiebe und Beutelschneider

Jemand stiehlt aus einer geöffneten Handtasche eine Geldbörse

Wer Geld stiehlt, ist ein Taschen-, aber kein Beuteldieb

Denn der schräg hinter einem stehende Taschendieb weiß jetzt, wo der Beutel steckt beziehungsweise hängt. Sobald die Gelegenheit günstig ist, wird er blitzschnell den Trägerriemen durchschneiden, den Beutel an sich reißen und in der Menge verschwinden.

Streng genommen ist so ein Bösewicht kein Taschendieb und, obwohl er den Beutel abgeschnitten hat, nach heutigem Verständnis auch kein Beutelschneider. Hätte er nämlich einen ganz normalen Geldbeutel aus der Hosen- oder Handtasche geklaut, dann wäre er ein Taschendieb. Und ein Beutelschneider ist… Nun dazu kommen wir später. Dem Dieb selbst ist es völlig egal, zu welcher Kategorie von Gauner er gezählt wird, Hauptsache er kommt ans Geld.

Gebeutelte sind arm dran

Ein Lederbeutel mit Fransen am Boden

Der klassische Lederbeutel wurde „angeknöpft“

Damit aber die Verwirrung um Beutel und Dieb nicht noch größer wird, zunächst ein paar klärende Worte zum Beutel selbst. Er ist ein kleines Behältnis in der Form eines Sackes, das aus unterschiedlichsten Materialien gefertigt wird und gefertigt wurde: aus Stoff, Wolle, vor allem aber aus Leder.

Verzeichnet ist das Wort „Beutel“ seit dem 8. Jahrhundert, im Mittelhochdeutschen als biutel, im Althochdeutschen als būtil. Es bedeutete „das in einem Tuch Zusammengebundene“. Meist wurde darunter Geld verstanden. In einen Beutel kann man aber auch andere Dinge tun wie Turnschuhe oder auch Müll.

Der Klammerbeutel und das Puder

Vier Mädchen stehen tuschelnd zusammen und schauen auf einen Jungen, der etwas ratlos schaut

Der kapiert gar nichts, der ist wirklich mit dem Klammerbeutel gepudert

Die zweite ursprüngliche Bedeutung des Wortes hat mit Mehl zu tun. In ein zusammengebundenes Tuch füllte früher der Müller das gemahlene Mehl und siebte es durch. Das Mehl wurde gebeutelt, die Rückstände aus dem gemahlenen Korn, die Kleie, blieben in dem Tuch zurück. Ist im heutigen Sprachgebrauch allerdings jemand gebeutelt, bedeutet es, dass er viel Pech hat und vom Unglück verfolgt wird.

Manch eine oder manch einer muss da noch nicht einmal mit dem Klammerbeutel gepudert sein, nichts verstehen oder etwas tun, was sie oder er nicht tun sollte. So wie früher ein Müller, der während des Mahlens den Mehlkasten öffnete, an dem der Beutel festgeklammert war. Die Folgen dieser unsinnigen Handlung kann sich jeder selbst ausmalen.

Besser prall gefüllte als leere Beutel

Eine Demonstration, bei der ein Plakat hochgehalten wird, auf dem steht: Beutel leer, Schnauze voll.

Wenn der Beutel leer ist, geht man zum Protest schon mal auf die Straße

Beutel sind also nützlich, besonders, wenn sie gefüllt sind. Leere Beutel, sowohl im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, sind ziemlich nutzlos. Und jemand, dessen Beutel sprichwörtlich immer leer ist, ist ein armer Schlucker. Umgekehrt ist der stets prall gefüllte Beutel ein bildhafter Ausdruck für finanzielle Sicherheit und Zahlungsfähigkeit.

Beutel, ob leer oder voll, wurden in alter Zeit angehängt – meistens am Gürtel. Die Art der Befestigung ist Grundlage mancher Redewendung: Knöpft man jemandem etwas ab, in der Regel Geld, dann nimmt man ihm etwas weg. Denn früher wurden Beutel, die mit einem oder mehreren Knöpfen am Gürtel festgemacht waren, zum Bezahlen abgeknöpft. Es gab aber auch Beutel, die mit einem dünnen Lederriemen am Gürtel angeknotet wurden. Das war sicherer als ein Knopf. Zumindest glaubte man das. Aber damals wie heute waren die Langfinger von großer Geschicklichkeit und schnitten den Beutel einfach ab.

Beutelschneider früher und heute

Altes Gemälde Der Taschenspieler von Hieronymus Bosch: Mehrere Menschen stehen vor einem Tisch, auf dem ein Hütchenspieler seinen Tisch vollführt

Auch ein Beutelschneider: der „Hütchenspieler“

Ein Beutelschneider war also ein Dieb, jemand, der gut vom Geld anderer Leute lebte. Diese Erkenntnis trifft in übertragener Bedeutung auf die heutigen Beutelschneider zu. Sie und das, was sie betreiben, nämlich Beutelschneiderei, haben – und damit sind wir wieder beim Thema Urlaub – auch in der Ferienzeit Hochsaison.

Als Beutelschneiderei kann gesehen werden, wenn immer zu Beginn von Ferien- und Reisezeiten die Treibstoffpreise stark steigen oder unbedarften Touristen mehr Geld für ein T-Shirt abgeknöpft wird als einem Einheimischen. Jeder könnte bestimmt weitere Beispiele für Beutelschneiderei – oder umgangssprachlich – Abzocke beitragen, die nicht nur auf den Urlaub zutreffen.

Mancher Urlaub reißt tiefe Löcher in den Beutel

Im Urlaub machen wir aber eins: Zähneknirschend greifen wir tief in unseren Beutel und zahlen – auch überhöhte Preise. Über das tiefe Loch, das in unseren Beutel gerissen wird, ärgern wir uns. Allerdings: Nicht immer sind Beutelschneider dafür verantwortlich. Oft können wir ja auch manchem Urlaubsandenken, manchem Mitbringsel nicht widerstehen. Keiner sollte sich da in den Beutel lügen.




Fragen zum Text

Was stimmt nicht? Hanne will unbedingt diese teure Diamantkette haben. Aber ...
1. sie läuft Gefahr als Beutelschneiderin angesehen zu werden.
2. die Kette wird ein tiefes Loch in ihren Beutel reißen.
3. sie muss dafür tief in den Beutel greifen.

Beutel können redensartlich … sein.
1. voll angefüllt
2. leer befüllt
3. prall gefüllt.

Wird jemand aufgefordert, in einen reißenden Fluss zu springen, kann sie/er sagen: …
1. „Ich bin wirklich arg gebeutelt durch diese Mutprobe.“
2. „Ich müsste mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn ich das täte.“
3. „Ich will mir nicht in den Beutel lügen. Das ist unmöglich.“


Arbeitsauftrag
Ein Beutel ist ein Sack, in den manches hineingetan werde könnte. Formuliert in eurer Lerngruppe passende Sätze unter Verwendung des Konjunktiv II der Gegenwart. Hier ein Beispiel: „Ich wünschte, ich könnte diese sehr teuren Sportschuhe kaufen. Wenn ich das Geld dafür hätte, würde ich sie in meinen neuen Turnbeutel hineintun.“

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads