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Kultur

Beutekunst aus Aachen wird auf der Krim gezeigt

Rund 200 Gemälde aus einer Aachener Sammlung sind nach 1945 als Beutekunst in der damaligen Sowjetunion verschwunden. Nun ist ein Teil der Bilder wieder aufgetaucht. Eine überraschende Entdeckung mit Folgen.

Museum Aachen Einladungsflyer

Einladung zur Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum

Wer die Schattengalerie im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum betritt, findet sich in einer ungewöhnlichen, ja irritierenden Ausstellung wieder. An den dunkel getönten Wänden hängen zum Teil leere Bilderrahmen, zum Teil Schwarz-Weiß-Fotos mit Reproduktionen der Kunstwerke, über deren Verbleib der Katalog vermerkt: "Unbekannt". Es ist eine "Phantom-Ausstellung", wie Museumsdirektor Peter van den Brink sagt. "Wir zeigen Bilder, die nicht mehr da sind."

Niederländisches Stilleben (Foto:Suermondt-Ludwig-Museum)

Stilleben von Jan Davidsz de Heem

Für van den Brink war es daher so etwas wie ein Sechser im Lotto, als ihn kurz nach der Eröffnung seiner Ausstellung überraschende Informationen aus der Ukraine erreichten. Im Kunstmuseum von Simferopol auf der Krim hatte ein deutsches Touristenpaar eine Anzahl Gemälde deutscher Provenienz entdeckt, fotografiert, gefilmt und das gesamte Material den Aachener Kunstexperten zur Verfügung gestellt.

"Wir haben damit selbst Bilder, die wir in unserem Verlustkatalog dokumentiert hatten, identifizieren können", erzählt der Museumsdirektor.

Jenseits der Politik

Der Kontakt zu den Kollegen in Simferopol war überraschend schnell hergestellt - und so wird schon bald ein kleines Team von Fachleuten aus Aachen auf die Krim fahren. "Wir gehen als ein Forschungsteam dorthin, um festzustellen, welche Bilder genau da sind und in welchem Zustand sie sich befinden", sagt Kurator Heinrich Becker.

Die Leiterin des Kunstmuseums von Simferopol, Laryna Kudryashowa, entpuppte sich als eine offene und kommunikative Persönlichkeit. "Anders als alle ihre Kollegen in der ehemaligen Sowjetunion hat sie keine Angst gehabt, den Schritt zu tun, die Türen zu öffnen", lobt van den Brink. Der gebürtige Niederländer setzt auf persönliche Kontakte und möchte politische Komplikationen beim heiklen Thema Beutekunst vermeiden.

Bild mit Flusslandschaft (Foto: Suermondt-Ludwig-Museum)

Gebirgige Flusslandschaft von Tobias Verhaecht

Dies entspricht auch den Vorstellungen von Laryna Kudryashova. Auch sie legt Wert darauf, das Gespräch zunächst unter Experten zu suchen und die Politik möglichst auszuklammern. Dem Besuch aus Deutschland sieht sie mit hohen Erwartungen entgegen. Sie hofft auf eine Zusammenarbeit in größerem Umfang, die nicht nur ihrem Museum, sondern auch anderen Kultureinrichtungen in Simferopol zugute kommen könnte: "Gerade weil wir keine Politiker sind, sondern Museumsmitarbeiter, erwarte ich eine konstruktive Zusammenarbeit. Wir werden unsere Kräfte bündeln."

Verschollen als Beutekunst

Die Vorgeschichte begann 1942 mit der Auslagerung von Gemälden aus der Aachener Sammlung. Die teils sehr wertvollen, aus dem 17. bis 19. Jahrhundert stammenden Bilder sollten in der Albrechtsburg bei Meißen nahe Dresden vor Bombardierungen geschützt werden. Denn damals litt die Region Aachen unter den Luftangriffen der Royal Air Force, Dresden aber lag weit weg. Welche schrecklichen Bombardierungen es noch geben würde, war nicht abzusehen, und die Rote Armee war in die blutigen Kämpfe um Stalingrad eingebunden.

Verladung von Beutekunst zur Rückführung (Foto: DW)

Rückführung von Beutekunst 1946 in Polen

Als Beutekunst sind die Gemälde wahrscheinlich über Moskau oder das damalige Leningrad in die Ukraine gekommen. Dort blieben sie jahrzehntelang unter Verschluss. Jetzt freilich kann man sie - ausdrücklich mit dem Verweis auf ihre Herkunft - im Kunstmuseum Simferopol anschauen. Dort betont man indes, dass die Bilder als Kompensation für eigene zerstörte Kulturgüter betrachtet würden. Dies entspreche auch den geltenden ukrainischen Gesetzen, sagt Kudryaschowa.

Projekt mit Fallstricken

Gleichwohl hat die ukrainische Kunstexpertin nun ein gemeinsames Austauschprojekt vorgeschlagen. "Man könnte einen Teil der Arbeiten, die sich bei uns befinden, in Aachen zeigen, und umgekehrt könnte die deutsche Seite uns Werke in gleichem Wert zur Verfügung stellen, die wir in Simferopol präsentieren."

Diese Idee gefällt dem Aachener Museumschef, aber van den Brink sieht auch die Fallstricke, die sich dahinter verbergen. So weiß er nicht, ob Frau Kudryaschowa überhaupt berechtigt ist, ein solches Projekt zu realisieren. Sie sei schließlich nicht die Kulturministerin der Ukraine. Außerdem müsse er mit dem Auswärtigen Amt besprechen, "ob wir unsere Bilder überhaupt wieder nach Deutschland einführen können, ohne dass sie wegen der gesetzlichen Bestimmungen direkt beschlagnahmt werden".

Van den Brink sieht sich, wie er betont, "in der Pflicht, an geltenden Gesetzen und prinzipiellen Ansprüchen auf die Bilder fest zu halten". Die politischen Implikationen jedoch, die internationalen Regelungen und deutsche Empfindlichkeiten will der Museumsdirektor ausklammern. Dies, so meint er, sei hohe Politik. Aber er könne sich durchaus vorstellen, dass irgendwann einmal auf höchster Ebene auch über den Fund in Simferopol geredet werde - beispielsweise bei einem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Ukraine.

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