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Deutschlandtour

Betuchtes Berlin

Prunkvoll, gediegen, ruhig. Das Gebiet rund um den Berliner Wannsee ist in vielerlei Hinsicht das komplette Gegenteil vom Rest der deutschen Hauptstadt. DW-Reporter Jefferson Chase hat Berlins Goldküste besucht.

Segelboote auf dem großen Wannsee in Berlin, Foto: Oliver Mehlis dpa

Segelboote auf dem Wannsee

"Keine Angst, ich kenne die meisten Vorfahrtsregeln", sagt mein Freund Michael, während wir direkt auf eine arglose blaue Jolle zusteuern. "Bereit zum Wenden?" Er löst das linke Tau, ich ziehe aufs rechte und binde es fest, das Segel kommt herum. Es ist ein großes Glück für mich, dass ich Michael kenne. Zum einen weil er Chefarzt an einer Schmerzklinik ist und vor Jahren meine unerträglichen Kopfschmerzen geheilt hat. Zum anderen besitzt Michael ein Zehn-Meter-Segelboot und hat mich zum Törn auf dem Berliner Wannsee eingeladen.

Der Große Wannsee im Südwesten - eigentlich eine Bucht der Havel - ist nicht das größte Gewässer der Hauptstadt. Das ist der Müggelsee im Osten. Doch nachdem der Wannsee vor 1989 besonders wichtig für die Westberliner war, wurde er nach der deutschen Wiedervereinigung zum Zentrum der Gesamtberliner Seglerszene. Für Hobby-Kapitäne, die nicht wie ich das Glück haben, einen Bootsbesitzer zu kennen, gibt es Verleihe am Ost- und Westufer des Sees: mit Kanus, Katamaranen, Solarflößen und Kreuzern.

Für den Wannsee bedeutet das allerdings: Sobald das Wetter schön wird, ist er hoffnungslos überlaufen. Mich erinnert die Wasserfläche manchmal an eine Autoscooter-Anlage. Nur dass man hier den Anderen unbedingt ausweichen muss, statt sie zu rammen. Mit etwas Glück schliddern Michael und ich an der Jolle vorbei.

Ersatzmeer im Kalten Krieg

Badegäste im Strandbad Wannsee (Foto:Gero Breloer/AP/dapd)

Strandbad Wannsee: Eine der größten Strandbadanlagen Europas

"Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein, und dann nischt wie raus an' Wannsee" - heißt es in einem Schlager von 1951. Während des Kalten Krieges war er das Ersatzmeer des eingemauerten West-Berlins und das Strandbad Wannsee ein beliebtes Ziel an heißen Sommertagen. Zu seinen Glanzzeiten Anfang der 30er Jahre kamen mehr als eine Million Besucher, heute sind es immerhin noch 200.000 Badelustige pro Jahr.

Auf dieser altmodisch wirkenden, leicht verfallenen Strandpromenade wird jedenfalls niemand an Einsamkeit sterben. Für mich steht fest: Baden mit der Menge ist nicht meins. Also entschließe ich mich - nachdem Michael mich sicher zurück an Land gebracht hat - Berlins Goldküste zu erkunden.

Pracht mit wechselvoller Vergangenheit

Blick auf die Liebermann-Villa vom Berliner Wannsee aus Foto: Sören Stache/ dpa

Bis zu seinem Tod 1935 verbrachte Liebermann die Sommermonate in dieser Villa am Wannsee

Gegenüber, auf der anderen Seite des Sees, finde ich neben Wassersportvereinen einige der stattlichsten und geschichtsträchtigsten Häuser Berlins - ich brauche nur die Straße "Am Großen Wannsee" parallel zum Ufer entlanglaufen. In der Liebermann-Villa verbrachte der Maler Max Liebermann ab 1910 seine Sommermonate und schuf über 200 Gemälde des Gartens. Die Gesamtanlage ist heute ein Museum, das leider schon geschlossen ist, als ich auftauche. Der freundliche Hauswart drückt mir eine Broschüre in die Hand mit dem Hinweis, dass ich in Begleitung meines Hundes ohnehin nicht hinein gedurft hätte.

Egal. Mir genügt es, die Prachtstraße hinunter zu schlendern und die Atmosphäre ihres ruhigen, selbstzufriedenen und entrückten Reichtums einzuatmen - und schon fühle ich mich selbst wohlhabend. Sie führt durch die Colonie Ahlsen, eine 1863 gegründete Siedlung vornehmer Sommervillen. Man hat in den ersten Jahren des Kaiserreichs wirklich nicht an den "Datschen" gespart.

Die Straße ist aber auch Zeugin einer sehr dunklen Geschichtsepoche. Max Liebermanns Witwe wurde 1940 enteignet. Drei Jahre später, als sie ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert werden sollte, nahm sie sich das Leben. Nur ein paar hundert Meter neben der Liebermann-Villa steht die ebenso herrschaftliche Villa Marlier, in der sich 1942 die NS-Führung traf, um die sogenannte Endlösung der Judenfrage zu organisieren. Als "Wannseekonferenz" ging das Treffen später in die Geschichte ein. Auch hier gibt es im Haus ein Museum, aber mir reicht schon der Blick von außen, und schon läuft es mir kalt den Rücken hinunter.

Idyllische Uferpromenade

Der Flensburger Löwe in der Colonie Ahlsen am Berliner Wannsee

Kopie des Flensburger Löwen: Das Original gaben die US-Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg an Dänemark zurück

Am Ende der Straße thront der Flensburger Löwe - die Zinkkopie einer Statue, welche die Preußen den Dänen 1864 im Krieg um Schleswig-Holstein abnahmen und hier als Symbol des Sieges aufstellten. Dahinter wird es plötzlich sehr ländlich. Die Kolonie geht in den Forst Düppel über und es beginnt ein 7,5 Kilometer langer Uferweg; vorbei an der Pfaueninsel, wo sich einst Preußens König Friedrich Wilhelm II. mit seiner Geliebten traf.

Mein Hund und ich laufen ein gutes Stück des Weges hinauf, doch mit Ausnahme einer einzigen Familie treffen wir keine Menschenseele. Wo sind die Wannseer? In regelmäßigen Abständen kommen kleine Buchten, in denen man bestimmt angenehm schwimmen kann. Für mich ist das Wasser an diesem Abend zu kalt, und ich habe langsam Hunger. Wir drehen um. Wenn dies Berlins Goldküste ist, muss es ein paar edle Restaurants geben.

Weder arm, noch sexy

Das Segel-Clubhaus am Wannsee, mit Jachten davor

Stattlich: Das Clubhaus des Segelvereins am Wannsee

Das klassische Wannseer Gericht scheint frischer Zander aus der Havel zu sein, zubereitet mit Speck. Denn das servieren sowohl die imbißartigen Gaststätten der Segelvereine, als auch die großen Seehotels. Mein Motto ist aber: Wenn schon, denn schon. Ich will was Exquisites.

Zum Glück lande ich in der "Eselin von A". Ein unscheinbares Gebäude beherbergt diesen unprätentiösen, französisch angehauchten Geheimtipp mit entspanntem Sommergarten. Ich entscheide mich für ein Drei-Gänge-Menü: Jakobsmuscheln mit Basilikumsorbet, rosa gebratene Entenbrust mit Perlgraupenrisotto und eine Käseplatte. Dazu bestelle ich einen Zweigelt aus Österreich. Reichtum ist vielleicht nicht alles, aber Reiche essen definitiv gut.

Hinterher erfahre ich von der Wirtin, dass das Restaurant mit dem sonderbaren Namen bereits Erfolg in der Innenstadt hatte. Warum der Umzug nach Wannsee, möchte ich wissen. "Das Restaurant war etabliert, aber die Miete wurde drastisch erhöht. Mein Mann und ich suchten das Abenteuer und hier draußen ist es wunderschön", antwortet die aus Posen stammende Wirtin mit dem charmanten polnischen Akzent. "Die Wannseer sind allerdings ein schwieriges Volk. Sie gehen nicht so gerne aus. Ich glaube, sie sind ein bisschen…"

"Spießig?", ergänze ich und die Wirtin nickt. Das ist auch mein Eindruck. Wenn Berlin, wie Bürgermeister Klaus Wowereit einst sagte, arm aber sexy ist - dann ist das Gebiet um den Wannsee ein Anti-Berlin, ein Ort des soliden Luxus und der gepflegten Langeweile. Aber das ist manchmal auch gut so.

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