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Bücher

Bettina von Arnim: Die Günderode (1840)

Bettina von Arnim (Porträt: picture-alliance / akg-images, Montage: Philip Kleine / Peter Steinmetz)

"Ich kann nicht dichten wie du, Günderode, aber ich kann sprechen mit der Natur, wenn ich allein mit ihr bin (…) Und wie ich zurückkomm, da stellen wir unsere Betten dicht nebeneinander und plaudern die ganze Nacht zusammen (…) und halten große tiefsinnige Spekulationen, wovon die alte Welt in ihren eingerosteten Angeln kracht, wenn sie sich nicht gar umdreht davon."

Die Autorin

Bettina von Arnim, Porträt mit Wolldecke, Zeichnung von Ludwig Emil Grimm (Foto: picture-alliance / akg-images)

Bettina von Arnim

Geboren am 4. April 1785 in Frankfurt am Main
Gestorben am 20. Januar 1859 in Berlin

Bettina von Arnim wird als Anna Elisabeth Brentano am 4. April 1785 in Frankfurt am Main in eine Kaufmannsfamilie mit italienischen Vorfahren geboren. Ungewöhnlich für ein Mädchen in der damaligen Zeit, erhält sie eine solide schulische Ausbildung bei den Ursulinen und wird danach hauptsächlich von ihrer Großmutter mütterlicherseits, der Schriftstellerin Sophie La Roche, erzogen. Deren Haus ist ein beliebter Treffpunkt für Künstler, Gelehrte und fortschrittliche Geister. Hier lernt Bettina die junge Dichterin Karoline von Günderode kennen und freundet sich mit ihr an. Auch mit Goethes Mutter verbindet sie eine Freundschaft. Von ihr lässt sie sich aus dem Leben ihres berühmten Sohnes erzählen, den sie zeitlebens bewundert. Viele Jahre später fließen diese Gespräche in "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" (1835), das Buch, das ihren Ruhm als Schriftstellerin begründen wird.

Doch zuvor führt sie ein eher profanes Leben als Ehefrau und Mutter. 1811 heiratet sie den Dichter Achim von Arnim, den Freund ihres Bruders Clemens Brentano. Abwechselnd lebt sie nun auf dem ländlichen Gut Wiepersdorf und in Berlin, oft getrennt von ihrem Mann. Die Ehe ist nicht einfach. Geldsorgen, die Pflege und Erziehung von sieben Kindern, schließlich die strapaziöse Arbeit auf dem Gut entfernen sie zeitweise von ihren poetischen Träumen ("Das Schreiben vergeht einem hier"). Nach Arnims Tod siedelt sie dann ganz nach Berlin über und spielt nun eine wichtige Rolle im kulturellen Leben. Sie holt die Briefe und Dokumente ihrer Jugend aus der Schublade und schreibt ein Buch nach dem anderen. Und sie engagiert sich, setzt sich ein für die schlesischen Weber ("Armenbuch", 1844), für die Rehabilitierung der Brüder Grimm am preußischen Hof und für die Begnadigung des zum Tode verurteilten Demokraten Gottfried Kinkel. Strenge Zensur und ein unbarmherziger Sicherheitsapparat ersticken jede freie literarische Äußerung in Deutschland. Dank ihrer Berühmtheit und mit bewusst inszenierter Naivität, gelingt es Bettina von Arnim immer wieder, Kritik an diesen Verhältnissen in ihre Bücher zu schmuggeln ("Dies Buch gehört dem König", 1845).

Bettina von Arnims Wohnung in Berlin, Aquarell von M. Hoffmann (Foto: picture-alliance / akg-images)

Bettina von Arnims Wohnung in Berlin, In den Zelten 5

Der Text

Bettine, wie sie ihre Briefe stets unterzeichnete, brauchte den Dialog mit einem geliebten Gegenüber. Erst so vermochte sie, ihr eigenes Ich zu spüren und zu entfalten. Eine ideale Voraussetzung für die literarische Form, die sie wählte, die sie zur Kunstform entwickelte und die sie schließlich berühmt machte: Romane in Briefen.

Die Grundlage der "Günderode" bilden die Briefe und Gespräche der beiden jungen Frauen aus den Jahren 1804 bis 1806. Jahrzehnte sollten vergehen, bis Bettina von Arnim die Gelegenheit hatte, daraus einen Briefroman zu machen. Dabei ging sie sehr frei mit dem Material um. Sie veränderte Briefe, erfand neue hinzu, sie streute Gedichte der Günderode in den Text und arbeitete Gespräche aus ihrer Erinnerung hinein, ohne dabei eine tiefere Wahrheit zu verletzen.

Karoline von Günderode, Lithographie von V. Schertle, spätere Kolorierung (Foto: picture-alliance / akg-images)

Karoline von Günderode

Karoline von Günderode, die talentierte aber einsam und zurückgezogen lebende Dichterin hatte sich 1806 das Leben genommen. Das Wissen um ihren tragischen Tod schimmert zwischen den Zeilen des Briefromans immer wieder durch. So ist das Buch auch ein Erinnerungsbuch an die geliebte Freundin geworden, andererseits wirkt es wie ein fortwährendes Gespräch über Natur und Geschichte, das Wesen der Poesie und des Göttlichen. Dabei unterscheiden sich die Frauen durchaus in ihren Ansichten. Karoline von Günderodes Forderungen an das Leben und die Kunst sind absolut und kompromisslos. Streng und unnachgiebig, auch mit sich selbst, will sie lieber früh sterben als ein unzulängliches Leben führen. Bettine dagegen ist die Ungestüme, die sich das Leben 'passend' macht und sich eine heiter-ironische Distanz zu allen Zwängen der Gesellschaft und den Regeln der Dichtkunst bewahrt.

In der "Günderode" findet sich die ganze literarische Klaviatur, auf der Bettine zu spielen vermag: Witzige Schilderungen von Alltagsbegebenheiten sowie scharfe Karikaturen diverser Bewohner des weitläufigen Brentanoschen Haushalts wechseln sich ab mit poetischen Schilderungen, die sie zu Recht zu einer wichtigen Vertreterin der Romantik machen. Und man begegnet der munter drauf los philosophierenden Bettine, die Denkern die Leviten liest, die lediglich Gedanken produzieren wie Hobelspäne an der Drechselbank, ohne dabei weise zu sein. Sie ist mutig genug, ihre eigenen Gedanken zur Natur und dem Zusammenhang aller Dinge zu formulieren. Ja, sie würde sogar die Welt verändern, wenn man sie nur ließe. Aber es gibt auch die leise, zweifelnde Bettine: "Die Menschen sind gut, ich bin es ihnen von Herzen, aber wie das kommt, daß ich mit niemand sprechen kann?"

"Übersetzt" man Bettina von Arnim heute für uns, wirkt sie fast wie eine Zeitgenossin, die man sehr gerne kennenlernt.

Die Sprecherinnen

Die Schauspielerin Lisa Sommerfeldt

Lisa Sommerfeldt

Das Ungestüme, das wild Romantische liegt schon in ihrer Stimme, auch wenn Lisa Sommerfeldt auf den ersten Klang eher mädchenhaft zurückhaltend wirkt. Aber hinter den ersten zarten Anklängen brandet schnell die Vehemenz des jugendlichen Widerspruchs-Geistes auf, der einem die Texte der jungen Bettine von Arnim unter die Haut gehen lässt. Heftiges Unverständnis brandet gegen die nur äußerlich kühle Abgeklärtheit der Günderode, die durch Anja Lais als kongenialer Widerpart zur Bettine gesprochen wird.

Am 24. August 1976 in München geboren, hat Lisa Sommerfeldt erst Literatur, Geschichte und Philosophie studiert, bevor sie sich der Praxis, dem Sprechen der Texte zugewandt hat. Eine fundierte handwerkliche Schauspielausbildung kam an der Folkwand Hochschule in Essen dazu. Seit 1997 steht sie als Schauspielerin auf der Bühne, spricht in Radio- und Fernsehproduktionen und schreibt eigene Stücke. 2009 wurde sie mit dem renommierten "Berliner Kindertheaterpreis" ausgezeichnet.


Die Schauspielerin Anja Lais (Foto: David Cuenca)

Anja Lais

Anja Lais wurde im Jahr der Studentenrevolte, am 23. Januar 1968 in Berlin, geboren. Vielleicht gehören deshalb - neben ihrer erstklassigen Stimme - zu ihren Instrumenten auch die E-Gitarre, Klavier, und Akkordeon. Die Schauspielausbildung hat sie gleich nach dem Abitur an der Otto-Falckenberg-Schule in München absolviert. Es folgten Engagements an den Münchner Kammerspielen, in Berlin und Wien und bei den Salzburger Festspielen. Seit 1997 ist sie im festen Ensemble des Schauspiels der Stadt Köln. Neben vielen Fernsehrollen steht Anja Lais auch in internationalen Filmproduktionen vor der Kamera.

Wenn man bei einer Schauspielerin den eher männlich besetzten Vergleich der PS-Stärke unter der Motorhaube heranziehen will, dann hat man mit Anja Lais einen Ferrari im Studio. Mit erstklassiger Bühnen-Präsenz kann sie ihre Energie in wenigen Sekunden von "Null auf Hundert" ausfahren - und genauso schnell wieder zurückfahren. Bis zur Tonlosigkeit einer Lebensmüden. Der ganze Seelenkosmos der "Günderode" leuchtet bei ihrem Lesen im Studio auf.

Die Klassiker - Bettina von Arnim: Die Günderode
Sprecherinnen: Lisa Sommerfeldt und Anja Lais
Produktion: interface studios, Köln
Regie: Heike Mund
Online-Realisation: Claudia Unseld
Redaktion: Gabriela Schaaf

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