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Politik

Beten für Gerechtigkeit

Globalisierungskritiker berufen sich selten auf die Religion. Doch die Kirche kann dem Ringen um eine gerechtere Weltordnung etwas abgewinnen.

Arne Bölt in der Kirche

Arne Bölt engagiert sich für die Einmischung der Kirche in die Politik

1000 Glocken sollen schlagen. Anlässlich des Weltwirtschaftsgipfels treffen sich evangelische Gemeinden in ganz Deutschland zum G8-Gebet. In der Kirche St. Johannis in Kühlungsborn, wenige Kilometer westlich von Heiligendamm, sind Punkt 18 Uhr die vorderen acht Reihen besetzt. Das Kirchenlied, das gesungen wird, würde gut auf eine globalisierungskritische Kundgebung passen: "Gott hat uns diese Erde gegeben, dass wir auf ihr die Zeit bestehen. Gott will nicht diese Erde zerstören, er schuf sie gut er schuf sie schön."

"Die Regierenden beim G8-Gipfel wissen um das große Elend in der Welt", sagt der Leiter der Andacht, Arne Bölt. "Milliarden Menschen kämpfen täglich ums Überleben, während der Wohlstand von Millionen zunimmt".

Bundesweites Gebet

Der Text ist bundesweit einheitlich und entstammt einem Faltblatt der Aktion "8 Minuten für Gerechtigkeit". Auf ebendiese Dauer ist das Vaterunser verlängert – mit Bitten um Einsicht bei den Reichen, um Hilfe für die Armen sowie konsumfreie Sonn- und Feiertage. Arne Bölt hat die Andacht als Mitglied des Gemeinderates von St. Johannis organisiert. "Hier im Osten gibt es eine kirchliche Tradition, sich in Politik einzumischen", sagt Bölt.

Darum sei es für die Gemeinde selbstverständlich gewesen, an der Aktion teilzunehmen. Es ist nicht die einzige Kirchenaktion zum G8-Gipfel. Am vergangenen Sonntag wurden bei einem Gottesdienst in Bad Doberan 30.000 Kerzen entzündet für die Kinder, die jeden Tag an Armut sterben. In der Rostocker Marienkirche wird den ganzen G8-Gipfel über durchgebetet.

"Zuhause die Hände zu falten reicht nicht", sagt Arne Bölt. "Man muss etwas tun."

Bölt und seine Helfer teilen grüne Kärtchen und Stifte aus. Die Gemeindemitglieder sollen aufschreiben, wie der einzelne handeln kann für eine bessere Welt. Die Karten werden eingesammelt, laut vorgelesen und in einen Lichterkreis vor dem Altar gelegt. Man solle Kinderpatenschaften in Afrika übernehmen, heißt es, Zwangsarbeit ächten und Geld spenden. "Hör mal Edith, darum geht es nicht", flüstert die ältere Dame auf der Hinterbank. "Man muss den Afrikanern helfen, sich selber zu helfen." Bölt liest weiter: Jeder einzelne sollte öfter Fahrrad statt Auto fahren, bewusst einkaufen und Ressourcen sparen. "Und müssen immer alle Lampen brennen?"

Gemeinsame Ziele

Während die Gemeinde St. Johannis betet, blockieren Globalisierungskritiker die Zufahrten nach Heiligendamm. Nicht ein einziger Demonstrant hat sich in die Kirche verirrt. Auch die Gebetskette in der Rostocker Marienkirche wird vor allem von örtlichen Christen aufrechterhalten. Arne Bölt kann gut damit leben, denn die Ziele sind beiden Gruppierungen gemeinsam.

Am Ende des achtminütigen Vaterunser heißt es: "Wir bitten dich für die Regierungen unserer Länder und die, die sie beraten und beeinflussen, dass sie umsteuern und alles tun, dass diese Erde ein freundlicher Ort für unsere Nachkommen wird." "Bei der G8 sind Aufwand und Nutzen nicht im Gleichgewicht", sagt Bölt. "Es wird geredet, aber nicht gehandelt. Ich sage es gerne so: Wir müssen selbst Schritte tun, damit Gott sie lenken kann."

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