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Welt

Beten an der Copacabana

Eineinhalb Millionen Pilger werden zum Weltjugendtag in Rio de Janeiro erwartet. Sie wollen die katholische Kirche als jung und zeitgemäß präsentieren. Doch Proteste könnten ihnen in die Quere kommen.

Für Ricardo Coaleas, Juan Ramón Monrada und Nelson Bolívar (Bild oben) ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Jesus Christus breitet seine Arme über ihnen aus. Er segnet sie und mit ihnen alle Pilger des Weltjugendtags, so sehen es die drei Lateinamerikaner. Ricardo und Juan Ramón sind aus Honduras angereist, Nelson kommt aus Venezuela. Andächtig blicken sie auf die Christusstatue, die über Rio de Janeiro thront. Für sie ist es mehr als eine Touristenattraktion. Es ist ein Zeichen Gottes. "Christus ist in allen von uns", sagt Ricardo Coaleas. "Egal, aus welchem Land wir hierherkommen, welcher sozialen Klasse oder welchem Geschlecht wir angehören. Wir sind hier in demselben Glauben an Jesus Christus."

Eineinhalb Millionen Menschen werden zum Weltjugendtag in Rio de Janeiro erwartet. Sie alle wollen den Glauben feiern, katholische Gemeinschaft erleben und Papst Franziskus bei seiner ersten Auslandsreise sehen. Immerhin führt die den Argentinier auf seinen Heimatkontinent.

Volles Programm

Bei seiner Ankunft in Rio am Montag wurde Franziskus von einer begeisterten Menschenmenge empfangen. Tausende Menschen säumten den Straßenrand. Nach Abschluss der Begrüßungszeremonie im Guanabara-Palast und einer privaten Unterredung mit Staatspräsidentin Dilma Rousseff begab sich der Papst in die Residenz des Erzbischofs von Rio im Ortsteil Sumare. Dort wohnt er während seines einwöchigen Brasilien-Aufenthalts. Der Weltjugendtag beginnt offiziell am Dienstagabend (Ortszeit).

Papst Franziskus im Gespräch mit Präsidentin Dilma Rousseff (Foto: Reuters)

Papst Franziskus im Gespräch mit Dilma Rousseff

Neben politischem Protokoll und religiösem Megaevent mit einer Papstmesse an der Copacabana will sich der Papst vor allem als Vertreter einer "Kirche für die Armen" zeigen. Er wird eine Favela im Norden von Rio de Janeiro besuchen, eine Klinik für Drogenabhängige einweihen und jugendliche Strafgefangene besuchen.

Genau diese Seite von Franziskus ist es, auf die Nelson Bolívar gespannt ist. "Ich möchte mit Franziskus eine Messe erleben, in der er soziale Missstände in ganz Lateinamerika anspricht. Als Argentinier kennt er die Lebenswirklichkeit der Menschen hier."

Die Welt zu Gast am Zuckerhut

Über die Copacabana ziehen Gruppen von jungen Menschen aus aller Welt. Allen vorweg die Argentinier, gekleidet in den Nationalfarben und bestückt mit etlichen Flaggen, um den Stolz auf "ihren" Papst zum Ausdruck zu bringen. Aus Deutschland sind 1800 junge Pilger angereist.

"Das großartige am Weltjugendtag ist, dass man Menschen aus der ganzen Welt trifft", meint Jasmin Hutter, die mit einer Jugendgruppe aus Köln nach Rio gekommen ist. "Hier können wir der Welt zeigen, dass wir nicht alleine sind." Nicht nur die Deutschen haben oft das Gefühl, sie müssten sich geradezu rechtfertigen, katholisch zu sein. Hier in Rio wollen sie sich selbstbewusst zeigen, als Teil einer Mehrheit, der die Zukunft gehört. Denn darum geht es beim Weltjugendtag: die katholische Kirche als jung, zeitgemäß und einflussreich zu präsentieren.

Kritische Töne hört man eher selten von den jungen Menschen mit den bunten Pilgerrucksäcken. Nein, die Kirche solle sich nicht ändern, meint Nelson Bolívar. Die Tatsache, dass ein Lateinamerikaner Papst ist, sei bereits eine Revolution. "Franziskus ist der Wandel, er steht für eine neue Kirche."

Frau mit T-Shirt vom Weltjugendtag am Strand von Copacabana (Foto: DW/Hofmann) Copyright: DW/Sarah Hofmann

WJT-Besucher genießen den Strand von Copacabana

Jugendliche wollen mitdiskutieren

Ganz anders denkt Maria Tuzzato, die mit einer Gruppe von 40 Italienern aus Padua anreiste. Sie wünscht sich eine modernere Kirche. "Ich bin für die Homo-Ehe", sagt sie. Schließlich gehe es beim Christentum doch um Liebe und ob das nun die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau sei oder zwischen zwei Männern, das sei doch ganz egal. Auch was Sex vor der Ehe, Verhütung und andere Vorstellungen von Sexualmoral angehe, müsse sich die katholische Kirche öffnen.

"Wir müssen in der Kirche mehr diskutieren", findet auch die 26-jährige Brasilianerin Beatriz Cordeiro. "Wir wollen nicht mehr Dogmen vorgesetzt bekommen. Wir wollen ernstgenommen werden. Und der Weltjugendtag ist genau der Ort, an dem wir diskutieren sollten. Nicht nur über die Kirche, sondern auch über Politik. Denn beides hängt miteinander zusammen."

Freiwilligen T-Shirt des Weltugendtags 2013 und Jesuskreuz (Foto: DW/Hofmann) Copyright: DW/Sarah Hofmann

An diesem T-Shirt können die Besucher die über 60.000 freiwilligen Helfer erkennen

Beatriz Cordeiro arbeitet als Freiwillige für den Weltjugendtag. Jeden Abend von 16 bis 24 Uhr steht sie an der Metrostation Siqueira Campos und hilft den Weltjugendtagspilgern, sich in Rios Verkehrschaos zurechtzufinden. Noch vor wenigen Wochen hat sie mitdemonstriert, als eine Million Menschen während des Confederations Cups auf die Straße gingen - gegen teure Sportevents, gegen Korruption und Polizeigewalt. Für ein faires Bildungs- und Gesundheitssystem entrollten sie ihre Transparente. Entbrannt waren die Proteste wegen der Erhöhung der Gebühren im öffentlichen Nahverkehr. "Wir haben es geschafft, die Preise wurden wieder gesenkt", sagt die Brasilianerin bei ihrem Dienst in der Metrostation.

Proteste während des Papstbesuchs

In den vergangenen Wochen verging in Rio kaum ein Tag ohne Proteste. Größtenteils waren sie friedlich. Doch immer häufiger kam es auch zu Plünderungen und gewalttätigen Ausschreitungen. Bis zu 20.000 Polizisten und mehrere Tausend Mitglieder der Eliteeinheiten und des Militärs sollen in den nächsten Tagen für die Sicherheit des Papstes und der Pilger sorgen. Die Sicherheitskräfte haben angekündigt, im Notfall hart durchzugreifen.

Beatriz Cordeiro hofft dennoch, dass es während des Weltjugendtags zu Demonstrationen kommt. Schließlich müsse man die Aufmerksamkeit des Papstbesuchs nutzen, um auf die Probleme Brasiliens aufmerksam zu machen. "Wir sind nicht gegen die Fußball-WM, gegen Olympia und bestimmt nicht gegen den Weltjugendtag", sagt sie. "Aber wenn für diese Megaevents Geld da ist, dann muss auch genug für unser Sozialsystem da sein. Das fordern wir und auch dafür ist der Weltjugendtag da. Hier muss die Stimme der Jugend gehört werden." Doch eines ist ihr wichtig: Sie will einen friedlichen Protest. Und hofft, dass der Papst die jungen Brasilianer dabei unterstützen wird.

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