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Fokus Osteuropa

Besuch im usbekischen "Disneyland"

Am Mittwoch (18.5.) durften ausländische Journalisten und Diplomaten für drei Stunden Andischan besuchen. Sie haben nur das gesehen, was ihnen gezeigt wurde. Der Deutsche Welle-Korrespondent Tschernogajew war dabei.

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Usbekische Spezialeinheiten patrouillieren in Andischan

Die Idee ist nicht neu, wenn Journalisten und Diplomaten problematische Regionen sehen sollen: Man führt sie in abgeschirmten Gruppen herum, zeigt ihnen das, was man ihnen zeigen möchte. Kontakte mit der Bevölkerung sind unmöglich. Das Besuchsprogramm unterliegt der Regie der Regierung und der Sicherheitskräfte. Es soll der Eindruck entstehen, dass die Lage ruhig und ungefährlich ist.

Persönliche Erlaubnis des Präsidenten

Der usbekische Präsident Islam Karimow hat den Besuch einer Gruppe von Diplomaten und Journalisten in Andischan persönlich erlaubt. Am Mittwoch früh (18.5.) kam die Delegation in Andischan an und dann begann die kurze Stadtrundfahrt in Begleitung hochrangiger Regierungsvertreter. Usbekistans Innenminister Sakyr Almatow übernahm persönlich die Führung und den Schutz der Gruppe. Und um die Gruppe zu schützen, wurde Journalisten, die sich bereits in Andischan aufhielten, die Teilnahme an der Rundfahrt verweigert.

Sicherheitskräfte und offene Teehäuser

Die Fahrt führte vom Flughafen in die Innenstadt von Andischan, Zu sehen war, dass der Flughafen stark von Sicherheitskräften bewacht war. In der Umgebung weidete friedlich das Vieh. Auf den Straßen waren die traditionellen Teehäuser geöffnet. Auch das Autowerk von Andischan war in Betrieb. Überall waren bewaffnete Milizen und gepanzerte Fahrzeuge zu sehen. Einige Gebäude im Stadtzentrum sind zerstört: das Kino und das Theater wurden offenbar durch Feuer zerstört, Verwaltungsgebäude müssen renoviert bzw. wieder aufgebaut werden. Das Ausmaß des Schadens ist durch Augenschein nicht zu beziffern. Experten in Andischan sprechen von über drei Millionen Dollar.

Während der Stadtrundfahrt hat die Gruppe von Seiten der usbekischen Regierungsvertreter erfahren, dass im Gefängnis von Andischan nur besonders brutale Verbrecher inhaftiert gewesen seien. In der Haftanstalt sollen vor den Unruhen 735 Menschen gewesen sein. Über 50 islamistische Terroristen sollen sich dort jetzt noch befinden, weil sie nicht flüchten konnten.

Keine Kontakte mit Bürgern

Am Ende der kurzen Rundfahrt kritisierten Diplomaten und Journalisten, dass sie keine Möglichkeit gehabt hätten, sich ein realistisches Bild von der Lage in Andischan zu machen. Kontakte mit den Bürgern der Stadt gab es nicht. Stattdessen nutzte der usbekischen Innenminister Almatow jede Gelegenheit, immer wieder zu betonen, die Lage sei unter Kontrolle. Es sei nicht auf friedliche Demonstranten geschossen, sondern die Sicherheitskräfte seien von Extremisten angegriffen worden. Und so bleibt der Eindruck, eine Art "Disneyland" besucht zu haben.

Jurij Tschernogajew, z.Zt. Andischan
DW-RADIO/Russisch, 18.5.2005, Fokus Ost-Südost