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Kultur

Bestseller trifft Bestseller

Der eine gilt als bedeutendster US-Schriftsteller seiner Generation, der andere ist seit der "Vermessung der Welt" ein Bestsellerautor. Jonathan Franzen und Daniel Kehlmann lesen gemeinsam in Tübingen.

Daniel Kehlmann (l) und Jonathan Franzen (Foto: DPA/DW)

Kehlmann (l) und Franzen

"Meine geliebte Deutschlehrerin gab mir meine Karl-Kraus-Übersetzungen wieder und legte einen äußerst netten Brief dazu, der grob sagte: 'Kraus ist schon schwierig, nicht?'"

Jonathan Franzen erzählte im überfüllten Audimax der Universität Tübingen, wie er als junger Mann daran gescheitert war, den österreichischen Satiriker Karl Kraus aus dem Deutschen ins Englische zu übersetzen. Nun, mit 50 Jahren, hat Franzen einen zweiten Übersetzungsanlauf genommen, diesmal gemeinsam mit Daniel Kehlmann. Zusammen hielten beide einen Vortrag über Karl Kraus im Rahmen der Tübinger Poetik-Dozentur.

Karl Kraus als Medienkritiker

Mit Kehlkopfentzündung und heiserer Stimme sprach Daniel Kehlmann über Kraus. "Kehlkopfkranker Kehlmann liest Karl Kraus" - diesen auf der Hand liegenden Kalauer hätte der Journalistenkritiker Kraus als dumme Phrase gebrandmarkt. Phrasendrescher und Journalisten waren ein und dasselbe für den Österreicher, den Jonathan Franzen und Daniel Kehlmann bewundern. Nicht zuletzt, weil er ein scharfzüngiger Medienkritiker war.

"Er sagt, dass seiner Meinung nach der Weltkrieg durch das Treiben der Medien ausgelöst wurde", erläuterte Daniel Kehlmann. "Das heißt, er sieht von Anfang an die Medien nicht als Hüter der Demokratie, sondern als deren größte Bedrohung, etwas, was im Zeitalter von Berlusconi und Rupert Murdoch natürlich besprechenswert ist."

Porträt Karl Kraus (Foto: Atelier Joel Heinzelmann, Berlin 1921)

Karl Kraus (1874-1936)

Was hätte Karl Kraus wohl zu den modernen Medien wie dem Internet gesagt, und zu technischen Geräten wie Diaprojektoren? Als Jonathan Franzen am Dienstag Abend die Poetik-Dozentur in Tübingen eröffnete, bemerkte er, dass die deutsche Übersetzung seines englischen Vortrags gleichzeitig hinter ihm auf die Leinwand projiziert wurde. Dazu sein Kommentar: "Das ganze hier erinnert mich an eine Werbung, die es in den späten 1980er Jahren in den USA gab. Da sprach jemand, und währenddessen wurde unten der Text eingeblendet 'Er lügt!'. Ich weiß, dass die Mitarbeiter der Poetik-Dozentur sehr intensiv an dem gearbeitet haben, was auch immer da in meinem Rücken an die Wand projiziert wird. Aber es macht mich sehr nervös."

Gekonnt eingesetzte Neurosen

Kaum jemand versteht es so gut wie Jonathan Franzen, sich über seine eigenen Neurosen lustig zu machen und so das Publikum auf seine Seite zu ziehen. In seinem Vortrag zählte er die vier dümmsten Fragen auf, die ihm so manch ein Journalist – Karl Kraus würde sagen: die Journaille – gestellt hat. Eine davon: "Ist Ihr Roman autobiographisch?" Bei dieser Frage komme es ihm vor, so Jonathan Franzen, als würde ihm seine Fähigkeit zur Phantasie in Abrede gestellt. "Die Frage klingt nach: 'Ist das ein wahrer Roman oder nur eine mehr schlecht als recht verschleierte Darstellung Ihres eigenen Lebens? Und wenn letzteres zutrifft, warum schreiben Sie nicht gleich ein Sachbuch, anstatt ihr Leben mit Lügen anzureichern? Was für ein schlechter Mensch sind Sie nur?"

Schreiben als absichtliches Träumen

Jonathan Franzen definierte die schöngeistige Literatur als "absichtliches Träumen", in das allerdings auch Autobiographisches einfließen könne. So finde sich die Verzweiflung über seine gescheiterte Ehe auch in seiner Literatur wieder. Und Gary, die Hauptfigur des Romans "Die Korrekturen", habe Franzens eigenen Bruder zum Vorbild gehabt. Franzen hatte damals Angst, dass sein Bruder das als unloyal empfinden könnte. Er schickte ihm das Buch und erhielt bald eine Antwort per Telefon. "Als ich das nächste Mal von ihm hörte, meldet er sich mit den Worten: 'Hallo, John, ich bin's, dein Bruder... Gary!'"

Der Bruder nahm es also mit Humor. Jonathan Franzens hatte die Gefahr, sich mit seinem Bruder zu überwerfen, falsch eingeschätzt. Ein besseres Gespür für Gefahren, und zwar solche, die in der Gesellschaft lauern, hatte Karl Kraus. Jonathan Franzen zitierte ihn in Tübingen mit den Worten: "Es muss etwas in die Welt gekommen sein, was es nie früher gegeben hat: ein Teufelswerk der Humanität."

Autor: Tobias Wenzel
Redaktion: Petra Lambeck

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