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Kultur

Bestseller-Autor Paulo Coelho zum 70.

Der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho schreibt gern über die Erfüllung menschlicher Träume und individuelles Glück. Aber er verkörpert seine Geschichten auch. Jetzt wurde der Bestsellerautor 70 Jahre alt.

Die Bücher von Paulo Coelho, dem erfolgreichsten Gegenwartsautor Brasiliens, sind auf dem weltweiten Buchmarkt nicht auf den ersten Blick als Werk eines brasilianischen Schriftstellers zu erkennen. Doch es könnte sein, dass sich genau dies als größter Erfolgsrezept von Coelho erwiesen hat: Mit den Erwartungen an die literarische Heimatverbundenheit seiner brasilianischen Schriftstellerkollegen hat er längst gebrochen. Und seine eigenen humanphilosophischen dagegen gesetzt.

Coelhos nationale Unabhängigkeit hat ihn zu dem bekanntesten Autor ("Der Alchimist") seines Heimatlandes gemacht, weltweit lesbar in einer immer stärker vernetzten Welt. Seine Bücher sind in 81 Sprachen übersetzt worden und in 170 Ländern auf dem Buchmarkt erschienen. Insgesamt 210 Millionen verkaufter Exemplare sind eine stolze Lebensbilanz des heute 70-Jährigen Coelho. 

Reise zum eigenen Ich

Damit setzt sich Paulo Coelho auch klar von anderen brasilianischen Autoren ab. In seinen literarischen Werken stößt man nicht auf die zuweilen tropische Üppigkeit in der Sprache, die beispielsweise den berühmten Jorge Amado auszeichnete. Und genauso groß ist seine Distanz zu der urbanen Gewalt, wie sie zum Beispiel Paulo Lins in seinem Bestseller "Die Stadt Gottes" verarbeitet hat.

Seine ersten Bücher beruhten auf den Eindrücken seiner Pilgerreise entlang des Jakobswegs nach Santiago de Compostela. Als sie in den 80er Jahren auf den südamerikanischen Markt kamen, war der spätere Erfolg noch nicht abzusehen. Erst mit der Veröffentlichung seines Romans "Der Alchimist", der 1988 in Brasilien und 1991 in Deutschland erschien, begann seine auch finanziell erfolgreiche Pilgerreise durch die Buchhandlungen dieser Welt. Die Geschichte vom jungen Andalusier Santiago, der als Schafhirte die Welt kennen lernen will, avancierte zum meist verkauften brasilianischen Buch aller Zeiten, in 18 Ländern stand der Titel auf den Bestsellerlisten. 

Abkehr vom Katholizismus

Der am 24. August 1947 in Rio de Janeiro geborene Coelho durchlebte diese Suche nach dem Sinn des Lebens selbst in mehreren Etappen. Er wuchs in einer gutbürgerlich katholischen Familie auf, wandte sich aber als junger Mann von der Religion ab. Als rebellischer Student experimentierte er mit Drogen und interessierte sich stark für Okkultismus. Seine Eltern hielten ihn für  geisteskrank und ließen ihn mehrmals in eine psychiatrische Anstalt einweisen. Er verarbeitete diese Erfahrung später in seinem Roman "Veronika beschließt zu sterben".

Buchcover Der Alchimist von Paulo Coelho

Sein größter Bucherfolg: "Der Alchimist"

1977 verließ Paulo Coelho Brasilien und zog mit seiner Frau für ein Jahr nach London, wo er erfolglos versuchte als Autor Fuß zu fassen. Nach einem kurzen beruflichen Experiment als Direktor der Plattenfirma CBS entschied er sich - zurück in Brasilien - ausschließlich als Schriftsteller zu arbeiten. Mittlerweile ist er zum katholischen Glauben zurückgekehrt.

Coelhos religiöser Tourismus, der vom Mystizismus bis Monotheismus reicht, stieß in der westlichen Welt auf breite Resonanz. Coelho verwandelte sich in eine Art literarischer Guru für spirituelle Botschaften. Sein Erfolgs-Rezept ist einfach und wirkungsvoll: Er verliert keine Zeit mit sprachlichen Pirouetten oder psychologischen Analysen, sondern bietet dem Leser spirituelle Erzählstoffe in verständlicher Sprache, kombiniert mit praktischen Ratschlägen für die persönliche Lebensführung.

Moderne Parabeln über die Welt

Der Literaturkritiker Idelber Avelar, Professor für lateinamerikanische Literatur an der Tulane University in New Orleans, nähert sich dem Phänomen Coelho mit einem Vergleich: "Coelho verleiht der traditionellen Parabel in der kommerziellen Literatur ein neues Gewand", schreibt er. Eine Parabel fasziniere Leser, weil sie einfach, verständlich und gleichzeitig geheimnisvoll sei. Dies sei schon bei den Evangelisten in der Bibel und den Bänkelsängern im Mittelalter so gewesen.

Genau in diesem Facettenreichtum liegt nach Ansicht seiner Kritiker auch der Stolperstein für das Verständnis von Coelhos Werk: Es passe weder hundertprozentig in die Kategorie "Ratgeber" noch in die Kategorie "Literatur". Coelhos Bücher bewegen sich in einem kritischen Radius zwischen Bestsellerlisten und den Teetischen der Brasilianischen Akademie für Literatur.

Als nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 das Interesse an Literatur aus Lateinamerika in Deutschland und auch in ganz Europa zurückging, war Paulo Coelho einer der wenigen kommerziell erfolgreichen Schriftsteller aus Brasilien, und überholte den bisherigen brasilianischen Bestseller-Autor Jorge Amado.

Globaler Guru

"Paulo Coelho gilt nicht als brasilianischer Autor, sein Werk prägt nicht das Bild Brasiliens im Ausland", erklärt Übersetzer und Literaturprofessor Berthold Zilly. "Coelho ist ein globalisierter Autor. Betrachtet man die Themen seiner Bücher, könnte er sowohl Europäer, Nordamerikaner oder Araber sein." Heute lebt der Bestsellerautor Coelho auch in der Schweiz.

Doch was erklärt dann den Erfolg von Coelho in einem eher religionsskeptischen und weltlichen Land wie Deutschland? Der Übersetzer Oliver Precht, der komplexe Werke auch anderer brasilianischer Autoren wie Oswald de Andrade ins Deutsche überträgt, verknüpft Coelhos Erfolg mit diffusen Sehnsüchten gerade in der westlichen Welt. Dazu gehöre die Suche nach einem Sinn des Lebens, nach allgemeinen Wahrheiten und persönlichen Schicksalen.

Die Bücher von Coelho stehen seiner Ansicht nach für eine ideologische Bewegung, die Erfolg losgelöst von sozialen Bedingungen sieht, und stattdessen mit persönlichem Einsatz und individuellen Glaubensüberzeugungen verknüpft. Die weltweit erfolgreichste Parabel ist immer noch der Mythos vom Self-Made-Man - ein Erfolgsrezept auch für Schriftsteller wie Paulo Coelho.

 

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