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Nahost

"Besser miese Wahrheiten als schöne Lügen"

Im Interview mit DW-WORLD.DE spricht der israelische Pressefotograf und Kriegsberichterstatter David Rubinger (86) über die Magie guter Bilder, die Grenzen der Pressefreiheit und die Chancen auf Frieden in Nahost.

Der israelische Pressefotograf David Rubinger (Foto:DW/Magdalena Suerbaum)

Der israelische Pressefotograf David Rubinger

David Rubinger wurde 1924 geboren und emigrierte 15 Jahre später ins britische Mandatsgebiet Palästina. Nach seiner Teilnahme am israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 begann er, als professioneller Pressefotograf für Time/Life zu arbeiten. Rubinger portraitierte dabei alle Facetten Israels: Kriege und Friedensverhandlungen, jüdische Emigranten und hochrangige Staatsmänner, Freud und Leid angesichts der Geschehnisse, die das Land im Laufe des 20. Jahrhunderts erlebte.

Der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat steigt am 22. November 1977 in Tel Aviv aus dem Flugzeug (Foto:David Rubinger)

Der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat steigt am 22. November 1977 in Tel Aviv aus dem Flugzeug

DW-WORLD.DE: Herr Rubinger, Sie haben im Grunde alle wichtigen Ereignisse in der Geschichte des Staates Israel auf Ihren Fotografien festgehalten. Welches Ihrer Bilder hat sie selbst am stärksten bewegt?

David Rubinger: Das ist, als wenn man jemanden fragen würde: Welches von deinen Kindern liebst du am meisten? Das ist sehr schwer zu beantworten. Eines der Bilder, die mich wirklich stark bewegt haben, war das des ägyptischen Präsidenten Sadat, der in Tel Aviv aus dem Flugzeug stieg, weil ihm dabei die israelische Armee salutierte, obwohl Israel und Ägypten zuvor vier Kriege miteinander ausgefochten hatten. Das war schon ziemlich aufregend.

Was empfinden Sie bei Ihrem berühmtesten Bild, das Sie im Sechs-Tage-Krieg von drei israelischen Soldaten an der Jerusalemer Klagemauer schossen?

Das Bild vor der Klagemauer wurde eine Ikone. Alle waren damals unglaublich euphorisch. Man fragt mich oft: Hast du wirklich geweint, als du das Bild gemacht hast? Ich sage dann: Ja, ich habe geweint, aber nicht weil ich irgendwelche religiösen Beziehungen zur Klagemauer habe. Wir haben vor dem Sechs-Tage-Krieg drei Wochen lang in Todesangst gelebt. Wir waren überzeugt, dass wir Tausende von Menschen in diesem Krieg verlieren würden. Und dann war es nach sechs Tagen plötzlich vorbei und das auch noch mit einem totalen Sieg. Da verfielen wir in eine Euphorie, die man nur damit vergleichen kann, wenn man zum Tode verurteilt am Strang steht, der Strick schon um den Hals liegt, und dann kommt plötzlich jemand und sagt: "Wir hängen dich heute nicht auf, stattdessen machen wir dich zum König!" Da wird man verrückt!

Israelische Soldaten an der Klagemauer (Foto: David Rubinger)

Israelische Soldaten erobern zum Ende des Sechs-Tage-Krieges 1967 die Klagemauer zurück - David Rubingers wohl berühmtestes Foto

War Ihnen damals schon bewusst, was Sie mit diesem Bild auslösen würden?

Überhaupt nicht. Bis heute denke ich, dass das kein großartiges Foto ist. Ein ziemlich banales Foto, würde ich beinahe sagen. Aber die Ikone wird ja nicht vom Fotografen geschaffen, sondern vom Betrachter. Die Menschen sehen in einem Foto etwas, was Sie gerne darin sehen möchten. Ich dachte, ich hätte zehn Minuten später ein viel besseres Foto gemacht, als nämlich der Chefrabbiner der israelischen Streitkräfte mit den Thora-Rollen in der Hand in das Ramshorn blies und dabei von den Soldaten auf den Schultern getragen wurde. Ich dachte, das wäre das Bild. Aber ich kam dann nach Haus, um die Filme zu entwickeln, und meine Frau zeigte auf das andere Foto: "Schau mal, das ist ein schönes Bild." Ich sagte: "Das ist doch gar nichts, nur drei Soldaten, die da stehen." Dann habe ich von den drei Negativen, die beinahe identisch sind, eines runtergeschnitten. Ich hatte damals bei der Armee eine privilegierte Stellung. Ich konnte überall hin, wohin ich wollte. Ich hatte Freiheiten, die nicht viele Fotografen hatten. Da habe ich mich dankbar gezeigt und eins von den drei Negativen der Armee geschenkt. Die haben es dann dem israelischen Presseamt gegeben. Das Amt wiederum hat es vervielfältigt und für etwa 50 Cent an jeden verkauft, der es wollte. Und die Leute wollten es. Für die Agentur AP muss es das billigste Titelbild gewesen sein, das sie je gekauft hat. Und es gab Fotografen, die sich die Abzüge gekauft und hinten ihren eigenen Stempel draufgedruckt haben. Durch diesen Diebstahl wurde es in der ganzen Welt verbreitet. Wenn das nicht passiert wäre, dann wäre es auch nicht auf einer halben Seite im Time-Magazin erschienen. Das wäre das Ende gewesen, so dass ich heute allen Dieben in Dankbarkeit sehr ergeben bin.