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Deutschland

Besser mal nichts sagen

Das DIW will keine Prognosen mehr für das Wirtschaftswachstum wagen. Was passiert, wenn diese vornehme Zurückhaltung Schule macht? In unserer Redaktion wurde das jedenfalls kontrovers diskutiert.

Präsident des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung, Klaus F. Zimmermann (Foto: DPA)

"Ich sag nichts mehr!", sagt der Präsident des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung, Klaus F. Zimmermann

Es war eine schöne Redaktionskonferenz: Heiter und gelassen wie das Wetter, nachösterlich beschaulich - da brach diese Meldung über uns herein wie ein Gewitter: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) will das Wirtschaftswachstum nicht mehr vorhersagen! Keine Prognose mehr! Der DIW-Präsident hatte sogar gesagt, Prognosen seien nicht sinnvoll!

"Ach ja?", brach es aus unserem Archivleiter hervor. Hätte der Präsident das nicht auch diesem Professor Sinn sagen können? Und zwar schon vor Jahren! Welche unfassbaren Mengen unverdaulichen Blödsinns wären der Menschheit im Allgemeinen und seinem Archiv im Besonderen erspart geblieben.

Der Kollege aus der Wirtschaftsredaktion erzitterte und fragte in die Runde, wie und aus welchen Quellen er jetzt seine Sendung füllen solle. Als seine Tränen auf die Tischplatte tropften, machte sich Mitgefühl breit.

Es war der Ruf "Jawohl! Überhaupt keine Prognosen mehr - weg mit der Moppelkotze!", der die Stimmung aufhellte. Dass ihn der Abteilungsleiter "Religion und Ethik" ausgestoßen hatte, verlieh ihm besonderes Gewicht. Er selber, das sei hinzugefügt, hatte mit der Vorhersage des Jüngsten Gerichts auch schon daneben gelegen.

Dadurch ermuntert meldete sich unser Literaturkritiker zu Wort: Jedes Jahr sage er voraus, dass in diesem Jahr aber ganz bestimmt Graham Greene den Nobelpreis gewinnen würde - und wer ist es dann? Der, dessen Namen er nicht aussprechen kann und den er nicht erkennen würde, wenn er ihm in der Straßenbahn auf die Zehen träte!

Seine neben ihm sitzende und auch sonst ergebene Kollegin aus der Abteilung "Mode und Madonna" wurde bleich. Bei der Frage, ob Fotostrecken von einer Modenschau nicht auch den Tatbestand "Prognose" erfüllten, furchten sich ihr ein paar Falten in die makellose Stirn.

Die blondeste aller Sonderreporterinnen war da schon weiter. Sie hatte bereits Uli Hoeneß interviewt. Der hatte jedoch gesagt, er könne der bajuwarischen Vorhersagekanone Franz Beckenbauer das Wort gar nicht entziehen. Absolut undenkbar! Den müsse man hinnehmen wie die FDP. Basta. Lieber würde er die Spiele des FC Bayern ganz absagen. Dann müsste er der Welt auch nicht erklären, warum man Spiele mit 0:4 verliert, die man vorher schon als gewonnen verbucht hatte.

Der Chefredakteur lächelte still vor sich hin und gab auf Nachfrage zu, an seine Ehefrau gedacht zu haben. Wäre die doch auch schon von der Prognostizitis geheilt! Nie wieder würde er tatenlos am Tische sitzend wie festgebunden auf das Essen warten müssen, nur weil seine bessere Hälfte wieder die üblicherweise falsche Prognose gewagt hatte, wann sie denn den sonntäglichen Braten zum allgemeinen Verzehr freigegeben würde. Er könnte einfach auf der Couch sitzen bleiben und endlich einmal die Lindenstraße zu Ende gucken!

Inzwischen hatte sich am Konferenztisch bereits karnevalesker Frohsinn Bahn gebrochen, als der greise Nachrichtenmann das Wort ergriff. Er erinnerte daran, dass das halbe Leben darin bestehe, Prognosen aufzustellen und zu veröffentlichen. Die andere Hälfte brauche man, zu erklären, warum die Prognosen nicht eingetroffen waren. Nur eine, eine Prognose könne man unbedingt unternehmen und läge immer richtig: Gäbe es keine Prognosen mehr, die Straßen dieser Welt wären gepflastert mit arbeitslosen Journalisten!

Autor: Dirk Ulrich Kaufmann

Redaktion: Kay-Alexander Scholz