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Sport

Besser als Neymar und Messi

In einem DFB-Team, das langsam zu sich findet, ragt einer heraus: Thomas Müller entscheidet Spiele im Alleingang und ist der effizienteste Stürmer dieser WM. Dank seiner Effizienz kann es die Löw-Elf weit bringen.

Der vielleicht beste Spieler dieses Turniers muss warten, noch ist er nicht dran. Während Bundestrainer Joachim Löw auf dem Podest der Pressekonferenz von Recife zu den Journalisten spricht, will Müller, der als Spieler des Spiels ebenfalls zur Pressekonferenz geladen ist, schon mal Platz nehmen neben seinem Coach. Doch der FIFA-Pressemann schickt ihn wieder weg - er möge bitte am Rand bleiben, bis er an der Reihe ist.

Die Szene erinnert an eine andere Pressekonferenz vor vier Jahren: Auch damals wurde Müller weggeschickt, weil der eitle Diego Maradona, damals argentinischer Nationaltrainer, nicht neben einem Nobody Platz nehmen wollte. Maradona hielt den damals 20-jährigen Müller, der an diesem Abend in der Münchener Arena sein Länderspieldebüt gegeben hatte, offenbar für einen Balljungen. Maradona stand auf und wartete so lange, bis Müller die Bühne verließ, die allein Maradona gehören sollte. Längst ist die Episode Kult - und Maradona musste sein Bild von Müller korrigieren. "Er hat zwar keine Muskeln, hat aber die Partie alleine gerissen", lobte Maradona Müller nach dessen

drei Toren im ersten WM-Spiel gegen Portugal.

Beeindruckende Effizienz

Fast könnte man meinen, nichts habe sich in den vergangenen vier Jahren für Thomas Müller geändert - immer noch wird er weggeschickt, wenn die Großen des Fußballs sprechen. Doch der Eindruck täuscht. Müller zählt längst zu den ganz Großen und hat die Chance zum zweiten Mal nacheinander WM-Torschützenkönig zu werden. Lediglich die seltsamen protokollarischen Sitten der FIFA sorgen dafür, dass Müller an diesem Abend noch ein wenig am Rande stehen muss und von dort seinem Chef lauscht. Der lobt ihn wortreich, wieder einmal: "Thomas Müller ist schon seit der WM-Vorbereitung körperlich und mental unheimlich gut drauf. Man hat das Gefühl, alles fällt ihm leicht. Er hat eine starke Form und ist ein sehr wertvoller Spieler für uns."

Das belegen auch die Zahlen. Müller ist mit bisher vier WM-Treffern nicht nur der mit Abstand beste Torschütze im deutschen Team, sondern führt auch nach Abschluss der Vorrunde gemeinsam mit Brasiliens Superstar Neymar und Argentiniens vierfachem Weltfußballer des Jahres Lionel Messi die Torjägerliste an. Mehr noch: Dank einer Torvorlage auf seinem WM-Konto ist Müller derzeit der Topscorer in Brasilien.

Klinsmann: "Den würde jeder gerne haben"

Nicht nur das hat er der erlauchten Konkurrenz voraus. Das FC-Bayern-Eigengewächs ist auch der effizienteste Spieler dieser WM. Für seine vier Tore brauchte er nur sieben Torversuche, Neymar schoss elfmal aufs gegnerische Tor, Lionel Messi 13-mal. Müller zählt auch zu den Fittesten dieser WM. Insgesamt 33,9 Kilometer lief er bisher, im Schnitt also 11,3 Kilometer pro Partie. In der Liste der lauffreudigsten WM-Spieler rangiert er so trotz seiner Auswechslung im Portugalspiel aktuell auf Rang zwölf.

Thomas Müller jubelt mit Sami Khedira (Foto: Marcus Brandt/dpa)

Macht seinem Nachnamen alle Ehre: Thomas Müller trifft und trifft

Kein Wunder also, dass auch die Gegner tief beeindruckt von ihm sind. US-Coach Jürgen Klinsmann sagt: "Den würde jeder gerne haben, jede Nation der Welt, das steht außer Frage." Klinsmann hat selber einen Anteil an Müllers Entwicklung, zu seiner Zeit als Bayern-Coach verhalf Klinsmann Müller im August 2008 zu dessen Bundesliga-Premiere. Nun lobt Klinsmann dessen außergewöhnliche Effizienz: "Thomas braucht keine zwei Chancen, er braucht nur eine."

Ein Stürmer, der andere Wege geht

Das hatte Klinsmann kurz zuvor mit seiner Mannschaft im Duell mit Deutschland erfahren müssen: Nachdem US-Keeper Clint Howard in der 55. Minute einen Kopfball von Mertesacker noch abwehren konnte, schnappte sich Müller den "Rebound" und versenkte den Ball mit einem Kunstschuss passgenau im langen Eck. Wieder einmal stand Müller nicht nur goldrichtig, sondern auch dort, wo eigentlich sonst kein Stürmer steht, wo man ihn nicht erwartet. "Er ist für den Gegner schwer zu packen, weil er schlaue Wege geht", sagt Löw über ihn und macht die Bühne nun für den "Man of the Match" frei.

Müller betritt im Trainingsanzug frisch geduscht und trotz der Wartezeit gut gelaunt die Bühne. Dort gibt er sich bescheiden. Der Ball sei ihm lediglich "glücklich vor die Füße gefallen", sagt er mit seinem üblichen schelmischen Grinsen unter dem immer noch leicht bläulichen rechten Auge. Die dafür verantwortliche Platzwunde aus dem Ghanaspiel, die mit fünf Stichen genäht werden musste, hält Müller ohnehin nicht auf. Das sei nur etwas Optisches, hatte er vor dem Spiel alle Fragen zu seinem Befinden abgetan.

Das große Ziel

Seine gesamte Körpersprache, ob nun auf dem Trainingsplatz, im Spiel oder hier oben auf dem Podest der Pressekonferenz, drückt vor allem eines aus: Selbstsicherheit. Thomas Müller weiß, was er kann, und diese Gewissheit macht Sportler bekanntlich erfolgreich. "Es tut gut, sich auf seine Fähigkeiten verlassen zu können. Ich fühle mich körperlich und mental richtig gut", sagt Müller, ehe er den Blick schnell wieder von sich auf das Team lenkt. "Ich denke, wir haben einen riesigen Ehrgeiz, der uns noch sehr weit bringen kann. Wir wollen unser großes Ziel erreichen." Er muss es an diesem Abend gar nicht aussprechen, alle wissen, was er meint. Mit einem Thomas Müller in Gala-Form ist das Erreichen dieses großen Ziels sogar möglich.

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