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Ostmitteleuropa

Besser als die BBC?

- Hintergründe der Affäre um die angebliche Auszeichnung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Polen als bester öffentlich-rechtlicher Sender Europas

Warschau, 15.5.2003, NEWSWEEK POLSKA, poln., Kommentar von Antoni Pawlak

Als uns die sich selbst verherrlichenden Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit Stolz darüber informierten, dass das Polnische Fernsehen (TVP) von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) zum besten öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Europa gewählt wurde, war ich ziemlich verwundert. Als sie dann noch hinzufügten, "Wir sind besser als die BBC" dachte ich, dass jemand hier verrückt geworden ist. (...)

Daraufhin entschied sich aber der Polnische Journalistenverband (ZDP), diese Nachricht zu überprüfen. Jeder, der auch nur eine einzige graue Zelle im Gehirn hat, hätte diese Nachricht schon früher überprüfen sollen. (...)

Am Sitz der EBU in Amsterdam hat die Anfrage des Polnischen Journalistenverbandes für Verblüffung gesorgt. David Lewis von der EBU sagte gegenüber der Gazeta Wyborcza: "Dieses Stückchen Plastik, das von Herrn Robert Kwiatkowski (dem Vorsitzenden des Polnischen Fernsehen – MD) in Empfang genommen wurde, ist überhaupt kein Preis und mit Sicherheit bedeutet es nicht die Vergabe des Titels ‚Bester Sender in Europa‘."

"Das war nur der Ausdruck unserer Anerkennung für die finanzielle Stabilität und die hohe Zuschauerquote, die das Polnische Fernsehen erreichte", erklärte Arne Wessberg, der Vorsitzende der EBU. Das bedeutet jedoch, dass solch eine Auszeichnung auch das weißrussische Fernsehen bekommen könnte, weil es dort nur diesen einen öffentlich-rechtlichen Sender gibt.

Bei der öffentlichen Verkündung dieser Nachricht über die angebliche Auszeichnung erwies sich Robert Kwiatkowski als besonders guter Lehrling des "Karpatengenies", also Nicolae Ceausescus. Die rumänischen Zeitungen veröffentlichten damals zum Geburtstag des "Führers des Volkes" jedes Jahr die Geburtstagswünsche der bedeutendsten Menschen aus aller Welt. Diese Wünsche waren jedoch von den Propagandafachleuten in Rumänien geschrieben worden. Der Vorsitzende Kwiatkowski vergaß, dass es für den damaligen Rumänen unmöglich war, dieses zu überprüfen und auch die Tatsache, dass dem in der Gegenwart lebenden Polen die entsprechenden Überprüfungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Trotz des Dementis der EBU beharrt das Polnische Fernsehen weiterhin darauf, einen Preis bekommen zu haben. Dort wird der Satz: "Wir bekamen den Preis und wir sind besser als die BBC" gebetsmühlenartig wiederholt.

Man muss endlich sagen, dass das sogenannte öffentliche Fernsehen nur in dem Sinne öffentlich ist wie ein Freudenhaus. Das heißt, dass das einzige Ziel der beiden Institutionen darin besteht, Kunden mit einfachen und geistlosen Freuden zu versorgen und dabei Gewinne zu erzielen.

Das Polnische Fernsehen ist vor allem viel zu stark politisiert, und zwar mit einer eindeutigen Tendenz in Richtung der Partei SLD (Allianz der Demokratischen Linken). Diese Tatsache zeigt aber, dass es sich dabei nicht um ein öffentliches, sondern eher um ein staatliches Fernsehen handelt.

Die Beteuerungen des Vorsitzenden Kwiatkowski, dass das TVP eine Kultur- oder Bildungsmission erfülle, sind einfach Unsinn. In meinem Verständnis bedeutet eine Mission vor allem kulturelle, populärwissenschaftliche Sendungen sowie Bildungsprogramme. Der Vorsitzende Kwiatkowski hingegen setzt das Wort Mission mit der Ausstrahlung von blöden Quizsendungen, Serien und Unterhaltungsprogrammen gleich. Vergleicht man das jetzige Programmangebot mit ähnlichen Sendungen aus der Zeit der Volksrepublik Polen, (...) schneiden die damaligen Sendungen viel besser ab und erscheinen als Gipfel des Intellekts, Humors und guten Geschmacks. (Sta)

  • Datum 16.05.2003
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