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Europa

Beslan trägt weiter Trauer

In Beslan wurden mehr als 330 Menschen getötet. Von den Geiselnehmern überlebte nur einer. Er steht zurzeit vor Gericht. Auch ein Jahr nach der Tragödie sind noch viele Fragen offen. Ein Kommentar von Cornelia Rabitz.

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Cornelia Rabitz

Die Ruine der ehemaligen Schule Nummer 1 ist zum Wallfahrtsort geworden. Kaputte Stühle und Tische, rußgeschwärzte Wände, das eingestürzte Turnhallendach: Alles noch vorhanden. Wie vor einem Jahr, als am 1. September 2004, in der kleinen Kaukasus-Stadt Beslan eine der dramatischsten Geiselnahmen in der russischen Geschichte begann und zwei Tage später in einem Blutbad zu Ende ging. Beslan - das war zunächst die nackte, brutale Gewalt terroristischer Geiselnehmer. Nie zuvor war eine ganze Schule als Geisel genommen worden.

Tagelanger Durst

Vor dem zerstörten Gebäude sind jetzt Sicherheitskräfte postiert. Blumen liegen überall, Wasserflaschen, zur Erinnerung an die Geiseln, die in der Gewalt schwer bewaffneter Terroristen tagelang Durst leiden mussten. Zwei neue Schulen wurden gebaut. Medizinische und psychologische Zentren eingerichtet. Der Name Beslan steht aber auch für das Trauma, mit dem die Menschen weiterleben müssen. Jede Familie in der Stadt hat Opfer zu beklagen. Täglich weinen Mütter auf dem Friedhof an den Gräbern der Getöteten. Täglich schwören von Kummer schwer gezeichnete Väter Rache, blutige Rache.

Und schließlich ist Beslan auch Symbol für ein skandalöses Versagen des russischen Sicherheitsapparates und der Politik des Kreml geworden. Für die Angehörigen sind die wichtigsten Fragen bis heute nicht beantwortet: Warum mussten so viele Kinder sterben? Wer befahl das Eingreifen der Sicherheitskräfte, das so viele Tote und Verletzte gekostet hat? Wer waren die Terroristen? Hatten sie Helfer außerhalb der Schule?

Keinerlei Untersuchungsergebnisse

Schlamperei, Inkompetenz und Chaos haben eine Rekonstruktion der Ereignisse verhindert, wichtige Beweisstücke verschwanden, oder wurden erst später von der Bevölkerung entdeckt. Ermittlungen blieben in Ansätzen stecken, eine vom Parlament in Moskau eingesetzte Untersuchungskommission hat bislang keinerlei Ergebnisse vorgelegt, keine Verantwortlichen benannt, keine Defizite aufgezeigt.

Die Informationspolitik von Behörden, Polizei, Staatsanwaltschaft war und ist beklagenswert. Von Beginn an wurden die Menschen systematisch falsch und unzureichend informiert: Geiselzahlen wurden heruntergespielt, umstritten ist bis heute, wie viele Terroristen an dem Überfall beteiligt waren.

Der Prozess schleppt sich dahin

Auch die juristische Aufarbeitung lässt Fragen offen. In Wladikawkas steht Nurpaschi Kulajew vor Gericht, der einzige Überlebende des Terrorkommandos. Ein kleines Licht offenbar, der bislang nicht viel zu berichten hatte, Kulajew möchte sich vor allem von Verantwortung reinwaschen. Der Prozess schleppt sich dahin. Verwertbare Erkenntnisse hat es offenkundig noch nicht gegeben.

Bassajew ist weiterhin nicht gefasst

Die politischen Folgen aus dem Drama von Beslan sind gravierend: Russlands Präsident Wladimir Putin nahm sie zum Vorwand für eine zweifelhafte politische Reform. Mit dem Argument, die Einheit des Landes zu bewahren und die Menschen vor dem Terror besser schützen zu wollen hat er lediglich seine Machtbefugnisse ausgebaut. Erfolge hat diese Politik nicht zu verzeichnen, im Gegenteil: Im Kampf gegen den Terrorismus hat der russische Staat bislang versagt. Der Armee ist es bis heute nicht gelungen, Schamil Bassajew zu fassen. Er gilt als der Hauptverantwortliche für die Geiselnahme und lebt weiter irgendwo in Tschetschenien. Erst unlängst hat Bassajew weitere Geiselnahmen nach dem Muster von Beslan angekündigt.

Die Menschen müssen derweil weiter mit ihren Erinnerungen leben. Der fröhliche Tag des Schulanfangs am 1. September - auch "Tag des Wissens" genannt - ist in Russland nicht mehr, was er einmal war. Beslan trägt weiter Trauer.