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Politik

Beslan, ein Jahr danach

Die Sommerferien für die russischen Schulkinder nähern sich dem Ende zu. Am 1. September beginnt das neue Schuljahr. Für die Einwohner von Beslan wird dieser 1. September ein schwerer Tag.

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Stephan Hille

Vor genau einem Jahr begann das blutigste Geiseldrama in der russischen Geschichte: Schwer bewaffnete Terroristen besetzten die Schule Nr 1 und nahmen mehr als 1000 Schulkinder, Eltern und Lehrer als Geiseln. Drei Tage später starben bei der Erstürmung der Schule in der vollbesetzten Turnhalle mehr als 330 Geiseln - mehr als die Hälfte der Opfer des Blutbades waren Kinder.

Erinnerung

Noch immer sind die genauen Hintergründe der Bluttat unklar. Warum war die erste Bombe, die den anschließenden Sturm der Sicherheitskräfte auslöste, in der vollbesetzten Turnhalle hoch gegangen? Diese ist nur eine der vielen offenen Fragen rund um das Geiseldrama.

Wie ein begehbares Museum des Grauen erinnert das Steingerippe der völlig zerstörten Schule Nr 1 die 30.000 Einwohner von Beslan jeden Tag an die schreckliche Tragödie. Die Ruine der ausgebrannten Turnhalle ist noch immer geschmückt wie ein offenes Grab: Süßigkeiten und Stofftiere liegen dort als Gaben für die toten Mitschüler. Blumen verwelken.

Kommissionen

Inzwischen sind zwei neue Schulen fertig gebaut, zum neuen Schuljahr sollen sie eingeweiht werden. Doch dies hilft den Menschen in Beslan nur wenig, über den Tod ihrer Kinder, Eltern und Lehrer hinweg zu kommen. Bis heute warten die Angehörigen auf die Ergebnisse der offiziellen Untersuchungen. Kurz vor dem ersten Jahrestag ist ihr Vertrauen in die staatlichen Behörden, den schlimmsten Terroranschlag aufzuklären, auf den Nullpunkt gesunken.

Neben den Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft arbeiten zwei parlamentarische Untersuchungskommissionen: Eine Kommission wurde von beiden Kammern der Duma, dem russischen Parlament, eingesetzt. Daneben führt eine eigene Untersuchungskommission des regionalen Parlaments von Nord-Ossetien ihre eigenen Ermittlungen. Seit drei Monaten läuft inzwischen vor dem Obersten Gericht von Nord-Ossetien der Prozess gegen Nurpaschi Kulajew.

Er ist nach offiziellen Angaben der einzige Terrorist, der den Sturm auf die Schule überlebt hatte. Viele Angehörige verfolgen den Prozess und durchleiden erneut das Geiseldrama, aber ihre Hoffnung ist es, durch die Aussagen von Kulajew neue Erkenntnisse über die Bluttat zu bekommen.

Unklarheiten

Viele Menschen in Beslan zweifeln an der offiziellen Zahl von 32 Terroristen, die am Morgen des 1. Septembers 2004 die Schule Nr 1 stürmten. Überlebende Geiseln hatten berichtet, dass mindestens 50 Terroristen die Schule besetzt hielten und, dass ein Großteil der Waffen und des Sprengstoffes entgegen der offiziellen Erklärungen der Ermittler bereits vorher in die Schule gebracht worden seien.

Vor allem die Tatsache, dass bis heute nur 22 der vermeintlich 32 Geiselnehmer identifiziert worden sind, nährt den für die Angehörigen unerträglichen Verdacht, dass eine unbekannte Anzahl von Terroristen in dem Chaos des Sturms den Sicherheitskräften entkommen konnte.

Unklar ist nach wie vor auch, warum die Sicherheitskräfte bei dem Sturm auf die Schule Brandgranaten eingesetzt hatten. Viele Angehörige sehen darin die Ursache für den Brand in der Turnhalle und damit die hohe Opferzahl.

Ob die gesamten Hintergründe und der genaue Ablauf des Dramas jemals ans Licht kommen werden, bleibt mehr als fraglich. Für die Menschen in Beslan wird der 1. September 2005 ein schwerer Tag.