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Kultur

Beschneidung: überholtes Ritual oder Gebot?

Ein deutsches Landgericht wertet die Beschneidung von Jungen als Körperverletzung. Viele Juden und Muslime sind empört. Ist die Beschneidung altmodischer Ritus, der modernisiert werden darf - oder religiöses Gebot?

"Brit mila" heißt es auf jüdisch, "Tahara" sagt man im arabischen Raum. Gemeint ist das religiöse Ritual der Beschneidung der Vorhaut bei Jungen, das aktuell in Deutschland eine neue Debatte aufwirft. Der blutige Schnitt mit dem Messer geht auf eine 3000 Jahre alte Tradition zurück, die historisch im alten Ägypten begann. Lange bevor die drei großen Weltreligionen entstanden, wurde es als Ritual praktiziert und von den semitischen Völkern übernommen. Die Beschneidung wird heute vor allem im Judentum und im Islam praktiziert wird. "Tahara", was auch mit Reinheit übersetzt werden kann, deutet zumindest im Arabischen auf eine hygienische Funktion hin, etwa als Schutz vor Krankheiten.

"Ein archaisches Ritual"

Ein türkischer Beschneider öffnet in Istanbul die Hose eines Jungen, um ihn anschließend zu beschneiden (Foto: dpa)

Beschneidungszeremonie in der Türkei

Aus Sicht des in Leipzig lehrenden Philosophen und evangelischen Theologen Christoph Türcke ist es aber vor allem ein "archaisches, kultisches Ritual". Textbelege in heiligen Schriften gibt es durchaus, beispielsweise im Alten Testament: "Da wird die Beschneidung als Ritual erwähnt, sozusagen als Zeichen für den Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat." Am achten Tage ihres Lebens soll den männlichen Kindern die Vorhaut beschnitten werden. Trotz der zentralen Bedeutung im Alten Testament, habe das Christentum die Beschneidung als Identitätsmerkmal strikt abgelehnt.

"Da ist die Taufe an die Stelle der Beschneidung getreten, also die Zugehörigkeit durch das Eintauchen ins Taufwasser." Bei den monotheistischen Religionen, beziehe sich das Ritual auf Jungen, im Gegensatz zu einigen Naturreligionen im afrikanischen Raum. Dort wird die Beschneidung der Klitoris bei Mädchen praktiziert. Im Koran findet man keinen Hinweis auf die Beschneidung. Lediglich in der Sunna, einer Schrift aus vor-islamischer Zeit, in der Sitten, Gebräuche und Normen aller arabischer Stämme beschrieben werden, findet sie Erwähnung.

Gotteserfahrung als einschneidendes Erlebnis

Christoph Türcke, Lehrender Philosoph in Leipzig, Kulturtheoretiker (Foto: Manfred Klimek) Juni, 2012

Christoph Türcke

Die Reaktionen der Juden und Muslime in Deutschland machen deutlich, wie sehr sie als Gläubige an diesem Brauch festhalten. "Der Ritus ist tief eingebrannt, ja eingeschnitten im buchstäblichen Sinne", sagt Christoph Türcke. Er verbinde sich vor allem bei den Juden mit der Gotteserfahrung, als ein einschneidendes Erlebnis, das von Generation zu Generation weitergegeben werden soll. Mit der Zeit habe sich das Ritual jedoch verfeinert. "Man achtet heute im Wesentlichen darauf, dass gute hygienische Bedingungen vorherrschen". Das Ritual als solches sei an sich schon eine Verfeinerung von einst viel blutigeren Ritualen: "Das Blut, das jetzt dabei fließt, fließt nur noch symbolisch". Der historische Vorläufer der Beschneidung sei die rituelle Kastration, die wiederum das ursprüngliche Menschenopfer abgelöst habe. Genauer: das Opfer der männlichen Erstgeburt, was man aus alttestamentlichen Quellen entnehmen könne.

Leidvolle Erfahrung für Kinder

Auch wenn bei der Beschneidung heute nur wenig Blut fließt, so ist es doch für die meisten Kinder ein schmerzhafter Eingriff. "Ob sie traumatisch ist, ist allerdings schwer zu sagen", sagt Christoph Türcke. Das richterliche Verbot der Beschneidung wird möglicherweise auch eine innerreligiöse Diskussion um die Selbstbestimmung der Gläubigen nach sich ziehen. "Beim Christentum hat es diesen Konflikt gegeben: also die Frage, ob man sofort nach der Geburt tauft oder solange wartet, bis die Gläubigen selbst über eine Taufe entscheiden können", so der Philosoph.

Junge in Algerien in traditioneller Kleidung vor der Beschneidung (Foto: dpa)

Algerische Jungen vor der Beschneidung

Eine theoretisch denkbare Annäherung zwischen Gegnern und Befürwortern der Beschneidung, wäre eine zeitliche Verschiebung des Rituals bis zur Volljährigkeit. Dann könnten die Betroffenen selbst darüber entscheiden. Aus medizinischer Sicht macht es jedoch Sinn, den Eingriff frühest möglich vorzunehmen: zum einen ist das Schmerzempfinden geringer, andererseits wird so eine Narbenbildung nahezu ausgeschlossen.

Abwägung von Grundrechten

"Über einen zeitgemäßen Umgang mit dem Ritual muss jedoch die jeweilige Religionsgemeinschaft entscheiden", sagt Türcke. Ein juristischer Bestand des Beschneidungsverbotes in Deutschland käme etwa dem Verbot der Taufe für Christen in islamisch geprägten Ländern gleich. Undenkbar. Und die Folgen eines solchen Beschneidungsverbots? "Wir müssten zur Beschneidung ins Ausland", sagt Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky. Technisch könne man das lösen, indem man die Beschneidung in Holland, Dänemark oder Belgien durchführte, "aber erklären Sie das mal den Vätern und Müttern", so Vernikovsky.

Immer wieder kommt es in Deutschland zu Konflikten, wenn es um Fragen der Religionsfreiheit geht. Sensible, religiöse Themenfelder, wie das Schächten von Tieren, das Ritualgebet an Schulen oder das Kopftuchverbot für Lehrerinnen, werden letztlich juristisch ausgefochten. Juristen aber sind mit religiösen Regeln und Sitten, sowie deren Tragweite oft nicht gut vertraut. Es ist zu bezweifeln, ob richterliche Entscheidungen mit einer solchen Tragweite die Integration von Religionen in die deutsche Gesellschaft fördern.

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