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Deutschland

Beschneiden - aber nach den Regeln der Kunst

Der Deutsche Ethikrat hat sich in einer öffentlichen Sitzung mit der Beschneidung von Jungen befasst. Trotz aller Kontroversen über die religiöse Praxis zeichnet sich eine Art medizinischer Minimalkonsens ab.

Es gibt bei der Diskussion über die Beschneidung viele widersprüchliche Gutachten und Untersuchungen. Die Vorsitzende des Ethikrates, Christiane Woopen, hätte gerne mehr Zeit, um Klarheit in die vielen Fragen zu bringen. "Vielleicht sollten wir einen runden Tisch einrichten", schlägt sie vor. "Wir können noch zehn Jahre diskutieren", entfährt es darauf Ethikrat-Mitglied Leo Latasch. Beschneidungsbefürworter haben unterstützende Ergebnisse, ihre Gegner auch. Latasch gehört dem Zentralrat der Juden in Deutschland an und baut auf seine Erfahrung. Er ist Arzt, ein langjähriger Anästhesist und sagt, dass er schon bei gut 150 Beschneidungen dabei war. "Das ist keine Verstümmelung!" Aus seiner Sicht hat es vor allem Vorteile, wenn die Vorhaut entfernt wird. Es gebe weniger Peniskrebs und Infektionen - sogar die Weltgesundheitsorganisation WHO empfehle den Eingriff.

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Ethikrat zu religiöser Beschneidung

Für Latasch ist es ein Rätsel, wie das Kölner Landgericht im Mai darauf kommen konnte, dass eine Beschneidung eine Körperverletzung, eine strafbare Handlung darstelle. Und seitdem wird in Deutschland erregt debattiert, ob es religiösen Eltern - es betrifft vor allem Juden und Muslime - zugestanden werden darf, ihren männlichen Nachwuchs am Genital operieren zu lassen. Die Diskussion hat jetzt auch den Deutschen Ethikrat erreicht. Dieses Gremium aus 26 Mitgliedern ist vom Bundestag eingerichtet worden. Es soll Stellungnahmen erarbeiten und den Bundestag bei ethischen Fragen beraten. Viel Zeit hat es nicht mehr.

Gesetz bis zum Herbst

Derzeit geht es um ein Gesetz, das künftig religiöse Beschneidungen regeln soll. An einem Entwurf dazu wird im Justizministerium "mit Hochdruck" gearbeitet, wie ein Sprecher bestätigte. Der Bundestag hat das mit einer Entschließung angestoßen. Es muss schnell gehen, damit Rechtssicherheit in Deutschland herrscht. Juden und Muslime wollen wissen, woran sie sind, Israel drängt auf eine Lösung. Nichts für runde Tische und langwierige Beratungen.

Woopen und Dabrock unterhalten sich. (Foto: dapd)

Sitzung des Ethikrates mit Christiane Woopen und ihrem Stellvertreter Peter Dabrock

Dabei ist das Thema ziemlich vielschichtig. Das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit aus Artikel 2 des Grundgesetzes, die Religionsfreiheit und das elterliche Sorgerecht kommen ins Spiel. Kritiker finden es unverantwortlich, den Kleinen Schmerzen zuzufügen und irreparable Veränderungen am Körper vorzunehmen. Traumata seien die Folge. Befürworter bezweifeln Gesundheitsschäden und verweisen auf die religiöse Pflicht zur Beschneidung. Für Latasch gibt es eigentlich nichts zu diskutieren. Denn ohne Beschneidung könne man nicht Jude sein. Sie sei alternativlos: "Ein bisschen Beschneidung gibt es nicht!" Auch für seinen muslimischen Kollegen im Rat, den Medizinethiker Ilhan Ilkilic, ist die Beschneidung mehr als eine gewohnte Tradition: "Sie ist ein Zeichen der persönlichen Gottesbeziehung und eine identitätsstiftende religiöse Praxis."

Ruf nach effektiver Betäubung

Reinhard Merkel hat so seine Befürchtungen, wenn er an das Beschneidungsgesetz denkt. Der Professor für Rechtsphilosophie aus Hamburg gehört dem Ethikrat seit April dieses Jahres an. Er  findet, dass Latasch und die anderen Befürworter der Beschneidung deren Folgen enorm verharmlosen. "Sie ist qualvoll für den Säugling und er kann nicht absehen, dass der Schmerz wieder aufhört." Merkel zählt Komplikationen bis hin zur Amputation des Geschlechtsteils und Tod auf. "Bizarr" findet er es, wenn Religionsgemeinschaften erlaubt wird, in die körperliche Unversehrtheit eines Dritten einzugreifen.

Aber Professor Merkel sieht auch die Grenzen seiner Abwehrhaltung. Deutschland habe gegenüber den Juden auch besondere Verpflichtungen. "Die Abwägung der körperlichen Unversehrtheit mit der besonderen Sorge für die Juden ist ein Dilemma und ein rechtspolitischer Notstand." Merkel wirkt selbst etwas verloren in diesem Zwiespalt. Er stellt Forderungen, um ihn erträglich zu machen. Das Gesetz müsse eine effektive Betäubung bei der Beschneidung, Fachkompetenz des Operateurs und vielleicht auch eine Klinikpflicht für den Eingriff vorschreiben. Merkel steht mit seiner Kritik an der religiösen Beschneidung ziemlich allein im Ethikrat. Seinen Forderungen an eine fachkundige Ausführung des Eingriffs schließt sich allerdings eine Mehrheit des Gremiums an.

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