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Bescherung im Kopf

23. Dezember 2019

Plätzchen backen, Glühwein trinken oder "Last Christmas" im Radio hören. Dies alles löst unsere Vorfreude auf Weihnachten aus. Aber warum zaubert der Gedanke an den 24.12. den meisten Menschen ein Lächeln aufs Gesicht?

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Symbolbild Weihnachten Kind Mädchen
In freudiger Erwartung auf das FestBild: Fotolia/famveldman

Nur noch wenige Stunden, dann ist es endlich soweit! Gerade so kurz vor dem großen Fest steigt bei vielen die Vorfreude ins Unermessliche: Ob wir auf dem Weihnachtsmarkt stehen oder von engelsgleichen Gesängen mit besinnlicher Musik beschallt werden. All das reicht schon, um in unserem Gehirn das Gefühl der Vorfreude auszulösen. Denn viele verbinden das nur mit einem: Weihnachten. Seit wir uns erinnern können ist die Zeit vor Weihnachten etwas ganz besonderes. Aber woran liegt das? Für den Hirnforscher Manfred Spitzer ist die Antwort ganz einfach: "Weihnachten findet im Gehirn statt."

Eine Neurobiologie der Vorfreude

Es gibt viele Dinge, die unsere Vorfreude auf Weihnachten im Gehirn triggern. Man könnte sagen "wir feiern (1) am 24. 12. (2) das Fest der Liebe (3) dabei singen wir Lieder (4), essen Stollen (5), beschenken uns (6) und denken vielleicht sogar an Gemeinsamkeit und Solidarität (7)", so Spitzer.

Schon das Datum sei ein Grund für unsere positiven Gefühle an Weihnachten. Der 24. Dezember steht geschichtlich gesehen für die Zeit der Wintersonnenwende. Für die Menschen symbolisierte dieses Datum das Ende der kurzen, dunklen Wintertage und die Wiederkehr der Sonne. Ein Grund zum Feiern. Die Musik nimmt dabei einen ganz besonderen Platz ein. Sie führt zu einer Inaktivierung jener Gehirnstrukturen, die für die Angst zuständig sind. Gleichzeitig löst sie ein Gefühl der Freude aus. Wenn wir also "Stille Nacht, Heilige Nacht" hören, beschert uns das gleich eine doppelte Portion positiver Reaktionen im Gehirn: Die Musik an sich und die damit verbundene Vorfreude auf Weihnachten.

Weihnachten Familie Geschenke
Ob Kind oder Erwachsener: Weihnachten bleibt eine besondere ZeitBild: Fotolia/Robert Kneschke

Die Neurowissenschaft könne aber nicht nur unsere emotionale Verbundenheit mit Weihnachten erklären, sie könne auch erklären, wie man richtig schenken soll, meint Spitzer. "Wer unerwartet ein Geschenk bekommt, freut sich umso mehr." Denn vor allem die Überraschung führt zum Zusammenspiel von Neurotransmittern und Hormonen, die ein Glücksgefühl in uns auslösen. Wer weiß, was er bekommt, wird also eher eine enttäuschende Erfahrung machen. Gemeinsames feiern, Plätzchen backen, Weihnachtslieder singen, Geschenke machen - all das steigert unsere Vorfreude und führt zu ein und demselben Ergebnis: Unser Belohnungssystem wird aktiviert.

Bescherung im Kopf

Das Gehirn ist das wichtigste Organ des Menschen. Die Hirnforschung versucht, nicht nur seine Funktionsweise zu verstehen, sondern auch die Verknüpfung der Hirntätigkeit mit unseren Gefühlen. Knapp 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen) kommunizieren über 100 Billionen Synapsen. Über 300 Impulse kann jede Faser unseres Gehirns in einer Sekunde aussenden. Unser Belohnungssystem reagiert auf Reize, die entweder selbst eine Belohnung darstellen, wie das verzehren von Schokolade, oder eine spätere Belohnung signalisieren, wie unsere Vorfreude auf Weihnachten. Der Neurologe Gerhard Roth erklärt diesen Vorgang folgendermaßen: "Der Hypotalamus schüttet den Botenstoff Dopamin aus. Dieser wirkt über Andockstellen auf unser Frontalhirn oder den Nucleus accumbens, der das Dopamin-Signal in gehirneigenes Opium umwandelt. Das löst dann ein Gefühl der Freude in uns aus." Dabei kann die Vorfreude auf etwas stärker sein, als das Eintreten des lang ersehnten selbst. Die Zeit vor Weihnachten beschert unserem Gehirn also mehr positive Gefühle, als das Ereignis an sich.

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Hirnforscher Manfred Spitzer, Universitätsklinikum UlmBild: DW

Vorfreude ist die schönste Freude

Das liegt daran, dass die Vorfreude die Spannung aufrecht erhält, es könne noch toller werden, als wir uns erhoffen. Darum sei Vorfreude meist noch schöner, sagt Roth. "Es gibt Nervenzellen, die die Freude kodieren und andere, die die Vorfreude kodieren." Wenn man bestimmte Dinge sieht, die eine Belohnung versprechen, dann freut uns das umso mehr.
Denn die Vorfreude ist die eigentlich motivierende Kraft in unserem Verhalten. Kurz vor dem Auspacken der Geschenke ist sie sogar so stark, dass wir manchmal ein Kribbeln in den Fingern verspüren: "Das Kribbeln in den Fingern ist die körperliche Reaktion unserer Vorfreude auf das, was man beim auspacken von Geschenken erwartet. Man muss die Schleifen aufmachen, das Papier aufmachen und so weiter. Deswegen ist das Auspacken nochmal ein Extra-Erlebnis, was die Überraschung steigert", erklärt Spitzer.

Weihnachtskoller?

Aber nicht für jeden ist Weihnachten ein einziges Fest der Freude. Psychiater wie Thomas Schläpfer von der Uni Bonn haben gerade in der Weihnachtszeit viel zu tun. "Weihnachten bringen viele Menschen eben auch mit langen, dunklen Tagen und viel Stress in Verbindung. Es kommt verstärkt zu Depressionen", erklärt Schläpfer. Auch wenn die Erwartungshaltung enttäuscht wird, kann das zu einem sogenannten "Weihnachtskoller" führen, bei dem die Betroffenen nur noch Stress und negative Emotionen in der Adventszeit fühlen. Damit man dieses Gefühl überwindet, kann es, so Schläpfer, schon helfen, die Erwartungshaltung etwas herunter zu fahren, damit die Enttäuschung nicht so groß ist. Trotzdem: Für die meisten bleibt Weihnachten eine ganz besondere Zeit.

Phänomen Weihnachten

Für Manfred Spitzer ist es wichtig, den Menschen den Zauber rund um Weihnachten nicht zu nehmen. Denn die Wissenschaft könne unsere unbändige Vorfreude in der Weihnachtszeit zwar erklären, aber durch die "festliche Neurobiologie" fasziniere uns das Fest doch sogar noch mehr: "Je mehr wir da verstehen, desto mehr staunen wir vor dem Phänomen Weihnachten."