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Kultur

Beruhigungstablette Massenkeulung?

Tötung ist nicht gleich Tötung: Ethikprofessor Ralf Stoecker über die moralphilosophische Seite von präventivem Töten großer Geflügelbestände aus Angst vor einer Vogelgrippe-Infektion.

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Wird präventiv gekeult:
Geflügel im Massenbetrieb

Nach präventiven Massentötungen auf der Insel Rügen trainieren jetzt niedersächsische Veterinäre die vorsorgliche Keulung kleiner und großer Geflügelbestände. Umstritten bleibt jedoch unter Fachleuten, wie gerechtfertigt solche Tötungen sind. Daher kann der Eindruck entstehen, sie seien nur ein Mittel, die Menschen zu beruhigen. "Unter diesem Gesichtspunkt sind die Tötungen moralphilosophisch ganz klar verwerflich", meint Ralf Stoecker, Professor für Angewandte Ethik an der Universität Potsdam.

DW-WORLD.DE: Obwohl die Vogelgrippe eine Wildvogelseuche ist und in Deutschland keinerlei Nutzgeflügel befallen ist, wurden auf der Insel Rügen tausende Nutztiere präventiv getötet. Dabei könnte man den Eindruck gewinnen, diese Tötungen geschähen mehr zur Beruhigung der Menschen als aus nachgewiesener veterinärmedizinischer Erforderlichkeit. Wie ist Ihre moralphilosophische Sichtweise darauf?

Ralf Stoecker

Professor Ralf Stoecker

Professor Ralf Stoecker: Auf diese Frage kann man eine ganz einfache Antwort geben: Allein zur Beruhigung von Menschen ist es natürlich moralisch nicht gerechtfertigt. Allerdings werden für diese Tötungen normalerweise seuchenpräventive Gründe genannt, und die Frage ist dann, ob diese moralisch hinreichend sind.

Aber wenn man Nutzgeflügel im Stall hält, gilt die Infektionsgefahr als sehr gering. Und trotzdem wurde auf Rügen präventiv gekeult.

Grundsätzlich haben wir Philosophen traditionell große Schwierigkeiten mit der Einordnung von Tieren in moralische Vorstellungen. Es ist eine alte Geschichte, dass die Tiere schlecht in die traditionellen moralischen Vorstellungen passen. Ein Zitat von Albert Schweizer lautet: "Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge dafür trägt, dass die Türe zu ist, damit ja der Hund nicht hereinkomme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker darüber, dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen." Das führt - in der Alltagsmoral und in der Moralphilosophie - dazu, dass man sich dauernd in Widersprüche verwickelt. Wir in unserem Denken sind zum Beispiel einerseits wie selbstverständlich davon überzeugt, dass Tiere keine Sachen sind, sondern Lebewesen, die man besonders berücksichtigen und schonen muss. Andererseits weiß jeder, dass jährlich Millionen Tiere für die Ernährung getötet werden, dass es Tierversuche gibt, und dass Tiere im Zirkus und im Zoo nicht immer artgerecht gehalten werden. Dieses fast schon schizophrene Spannungsverhältnis zu den Tieren drückt sich auch in unserem Recht aus. Wir haben einerseits "Tierschutz" als ein in Art. 20a GG formuliertes Staatsziel, und andererseits tun wir den Tieren eben eine ganze Menge an. Dieser Hintergrund macht die moralphilosophische Debatte in den konkreten Einzelfällen so schwierig. Auf den Einzelfall Vogelgrippe bezogen stellt sich die moralphilosophisch schwierigere Frage genau dann, wenn es tatsächlich seuchenpräventive Gründe gibt, die Tiere massenhaft zu töten; denn wenn es sie nicht gibt, ist die Antwort eindeutig.

Wie würden Sie an diesen Fall herangehen?

Oft wird es so dargestellt, als ginge es um die Frage "Mensch oder Tier". Und dahinter stehen all die Ängste, mit denen Hitchcock in "Die Vögel" gespielt hat, die Vorstellung von diesen unheimlichen, aus der Luft kommenden Viren, die dann möglicherweise große Teile der Menschheit hinwegraffen könnten. Solche Vorstellungen sind nicht aus der Luft gegriffen, das hat die Spanische-Grippe-Epidemie nach dem Ersten Weltkrieg gezeigt. Man muss aber bei diesen schwierigen Fällen sehr genau unterscheiden, was es ist, was auf beiden Seiten an uns zerrt. Dieses Bedrohungsszenario ist das Eine. Auf der anderen Seite sagen Fachleute, dass wir meilenweit weg seinen von einer akuten Bedrohung durch eine Pandemie. Die tatsächlichen Auswirkungen der Vogelgrippe auf die Menschheit bisher bewegen sich in einem Bereich, der weltweit deutlich unter der Zahl der normalen Grippetoten im Jahr in Deutschland liegt. Das heißt, dass wir hier im Moment gar nicht vor einem Dilemma stehen. Die Menschen in Deutschland sind im Moment nicht akut bedroht, und es ist auch nicht zu erwarten, dass das davon abhängt, ob man große Bestände tötet.

Die zweite Frage ist, ob es vielleicht eine Berechtigung gibt, viele Tiere prophylaktisch zu töten, wenn man "Tier gegen Tier" abwägt. Wenn man argumentiert, dass Bestände, in denen die Vogelgrippe einmal ausgebrochen ist, ohnehin zum Tode verurteilt seien, und man dadurch, dass man rechtzeitig Tiere tötet, viele andere retten könne, dann ist das ein ganz anderes Argument. Dann stellt man einige tote Vögel auf der einen und viele tote Vögel auf der anderen Seite gegenüber. Diese Art von Gegenüberstellung ist beim Menschen nicht zulässig; man kann nicht einfach ein paar Menschen für viele Menschen opfern. Aber es ist zumindest nicht abwegig zu sagen, dass das bei Vögeln ein gutes Argument ist. Ob es stichhaltig ist, hängt davon ab, wie groß die Probleme bei der Alternative mit Impfungen sind.

Kann man also ein moralphilosophisches Urteil fällen?

Wichtig ist nicht, wie man die moralphilosophische Frage entscheidet, sondern, dass man tatsächlich das moralphilosophische Dilemma erkennt. In den Äußerungen der Politiker und der Sachverständigen klingt es manchmal so, als seien Massentötungen von Vögeln ein rein technisches, organisatorisches oder ökonomisches Problem. Und das ist fatal, denn dabei wird einfach unterschlagen, dass diese Keulungen etwas sind, was man eigentlich nur schweren Herzens tun kann, nämlich so viele Tiere umzubringen. Egal, wie man argumentiert, selbst wenn die Tiere schmerzarm sterben; wichtig scheint mir daran zu sein, dass dabei viel zu wenig daran gedacht wird, dass uns das aus moralphilosophischer Sicht Kummer bereiten müsste. Und wenn es völlig egal ist, dass das Lebewesen sind, die uns in vielerlei Hinsicht ähnlich sind, und die zu Leid und Freude, zum glücklich und unglücklich Sein in der Lage sind, dann ist uns irgendetwas von unserem moralischen Sinn verloren gegangen. Und das ist etwas, was wir uns schleunigst zurückholen sollten.

Es macht also für die Moral einen Unterschied, wie ich Tiere töte? Ob ich sie "tierschutzgerecht" töte, also zum Beispiel erst betäube?

Natürlich macht es einen Unterschied. Selbst wenn es moralisch gerechtfertigt ist, viele Vögel zu töten, dann heißt es nicht, dass es egal ist, wie ich sie töte. Ich bin verpflichtet, dies möglichst schmerzarm für die Vögel durchzuführen.

H5N1 führt uns durch seine theoretische Übertragbarkeit auf den Menschen unsere biologische und zoologische Verbundenheit zu den Tieren vor Augen. Andererseits führen wir Massentötungen durch - ist das nicht paradox? Wie löst man dieses Paradoxon?

Es verweist uns auf das bereits angedeutete Problem des Unterschieds zwischen Mensch und Tier. Manche Philosophen sind der Meinung, er sei gar nicht so groß, und vor allem keiner, der daran hängt, dass wir Menschen Menschen sind, und die Tiere nicht. Andere sagen, der Unterschied sei gewaltig, und er hänge gerade davon ab. Die Frage ist also, woran es liegt, dass wir so besonders sind in der Welt, und inwieweit die Tiere diesen besonderen Status teilen. Und wenn wir diese Frage für uns ernst nehmen, dann folgt daraus eine ganze Menge für den Umgang mit Tieren. Aber eben nicht nur bei der Vogelgrippe, sondern auch in Bezug auf die 18 kg Geflügelfleisch, die im Jahr pro Kopf in Deutschland gegessen werden. Schließlich geht es bei Massentötungen von Nutztieren ja nicht darum, ob die Tiere überhaupt getötet, sondern nur, ob sie vielleicht ein bisschen früher als sonst gekeult werden. Bei allem Widerwillen gegen die jetzt drohenden Tötungsmaßnahmen, ist es wichtig, die viel umfassendere Frage nach der moralischen Rechtfertigung unseres alltäglichen Tierverbrauchs nicht aus den Augen zu verlieren.

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