1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Beruf: Straßenmusiker

Instrument, Gelddose, Hocker – mehr braucht ein Straßenmusiker nicht. Überall kann er auftreten, wenn die Behörden es erlauben. In Deutschland gehören Straßenkünstler zum Stadtbild. Auch bei eisigen Temperaturen.

Straßenmusiker Marin Vasilew am Akkordeon, Hamburg 09.02.2011; Copyright: Janine Albreht

Straßenmusiker Marin Vasilew am Akkordeon

Vanessa Cetin haucht warmen Atem auf ihre kalten Hände. Sie sitzt auf einem kleinen Hocker mitten in einer Fußgängerzone von Hamburg. "Die Finger werden steif, da muss man sie zwischendurch ein bisschen aufwärmen, damit sie sich wieder bewegen", sagt sie. Denn nur mit beweglichen Fingern kann sie ihr Saxophon spielen. Cetin ist Straßenmusikerin, zumindest einige Stunden pro Woche.

Passanten laufen an ihr vorbei, manche bleiben kurz stehen. "Mir gefällt Straßenmusik unheimlich gut", sagt eine Dame, die wenige Meter entfernt an einem Wahlwerbungs-Stand der SPD steht. "Wer Temperament hat, der tanzt mit", sagt eine andere Frau, während sie gerade ihre Einkaufstaschen zusammenpackt. Sie selbst habe das auch schon mal gemacht.

Flüchtige Kunst

Vanessa Cetin am Saxophon und Marin Vasilew am Akkordeon (Copyright: DW/Janine Albrecht)

Vanessa Cetin und Marin Vasilew

Aber heute tanzt niemand mit. Die meisten Leute hören nur im Vorbeigehen zu. Cetin tritt gemeinsam mit ihrem Kollegen Marin Vasilew auf. Beide spielen mit viel Freude, auch wenn das Thermometer nur knapp 0 Grad Celsius anzeigt.

Cetin wuchs in den USA auf, seit 10 Jahren lebt sie in Hamburg. Seitdem verdient sie sich mit Straßenmusik etwas Geld dazu. Dies sei in Hamburg die einzige Gelegenheit, als Performer Geld zu verdienen. "Ich habe in New York City gewohnt, da gibt es Tanzabende mit Live-Bands und verschiedene Gelegenheiten für Musiker zu spielen." Live-Musik mit Instrumenten sei dort ein bisschen beliebter als in der Hansestadt.

Schwieriger als auf der Bühne

Wenigstens werden in Hamburg die Straßenkünstler toleriert. Sie dürfen tagsüber jeweils eine halbe Stunde an einer Stelle auftreten, dann müssen sie den Standort wechseln. Und der muss mindestens 150 Meter vom Alten entfernt sein. Jede Stadt hat ihre eigenen Bestimmungen. Die kleine Fußgängerzone hinter dem Altonaer Bahnhof ist die Hamburger Meile der Straßenkünstler.

Auf der Straße aufzutreten sei schwerer als auf einer Bühne zu spielen, sagt Cetin. "Man muss sich die ganze Zeit gut anhören, weil die Leute vorbeigehen und nur ganz kurze Abschnitte hören. Wenn es sich dann schlecht anhört, fühlen sich die Leute nur genervt. Und das ist dann ein Eindruck, der bleibt."

Akkordarbeit auf der Straße

Vanessa Cetin (Copyright: DW/Janine Albrecht)

Mit Spaß auf der Straße: Vanessa Cetin

Außer Saxophon spielt Cetin noch Oboe, Querflöte und Klarinette. Sie ist ausgebildete Musikerin, in den USA hat sie Musik studiert und in Orchestern gespielt. "Ich verdiene zum Glück auch noch Geld mit einigen Unterrichtsstunden, die ich an Schulen gebe." Im Gegensatz zu ihrem Kollegen Marin Vasilew. Der Akkordeonspieler hat sich eine dicke Skihose und eine gefütterte Lederjacke angezogen. Seine Hände stecken in Wollhandschuhen.

Er wünscht sich vor allem eins: "Gutes Wetter!". Denn dann würde auch mehr Geld in seiner blauen Brotdose landen, in der er die Geldspenden sammelt, erklärt er mit ein paar Brocken Deutsch. Auch wenn der Bulgare schon seit zehn Jahren in Deutschland lebt, spricht er die Sprache kaum. Für sein Publikum gehört er trotzdem hierher. Die meisten kennen ihn und mögen seine Musik.

Musikalische Zufallsbekanntschaft

Vasilew spielt seit 40 Jahren Akkordeon. Er hat sich das selbst beigebracht. Die Straßenmusik ist sein Hauptberuf. Jeden Tag sitzt er auf seinem kleinen Klapphocker und spielt stundenlang. Derzeit für ein Zugticket nach Berlin, er muss dort etwas mit seinem Pass klären. "Ich habe Vasilew gefunden", sagt Cetin und lächelt ihm zu. Sie spiele gerne Balkanmusik, erzählt sie, und als sie ihn in der Fußgängerzone hörte, habe sie einfach mit ihrem Saxophon losgeträllert. "Marin braucht nur zuhören, er kann alles sofort mitmachen."

Milan Vlahovic an der Gitarre, Vanessa Cetin am Saxophon und Marin Vasilew am Akkordeon (Copyright: DW/Janine Albrecht)

Zufallstreffen: Verstärkung mit Gitarre

Und dann gesellt sich auf einmal noch ein Mann mit einer Gitarre dazu. "Meistens führe ich meine Gitarre Gassi", erklärt Milan Vlahovic. Vasilew grüßt ihn kurz mit einem Nicken und Cetin meint nur, wenn es sich gut anhöre, sei es toll, wenn noch einer mitspiele. Der Neue zupft ein wenig an den Saiten, hört zu und versucht in den Rhythmus und die Melodie des Duos einzustimmen. Irgendwann traut er sich ein paar Akkorde lauter zu mitzuspielen.

Marin spielt, um Geld zu verdienen, Vanessa nutzt die Auftritte auch, um in Übung zu bleiben, Milan heitert damit seine Laune auf – Straßenmusik ist mehr als nur Geklimper in der Fußgängerzone.

Die Redaktion empfiehlt