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Alltagsdeutsch – Podcast

Beruf: Hutmacher und Modistin

Der Beruf des Hutmachers hat sich gewandelt – wie die meisten der alten Handwerksberufe in Deutschland. Maschinell erstellte Hüte gibt es allerorten. Aufwändig gestaltete Hüte werden aber weiter in Handarbeit gefertigt.

Sprecherin:

In der Kölner Werkstatt ist es eng. Auf 180 Quadratmetern türmen sich 3000 Holzformen, Berge von Filzrohlingen und unzählige Kisten mit allem, was Hüte zieren kann. Früher wurden bei Jochen Flemming große Serien gleicher Hüte hergestellt, mit denen er Kaufhäuser und Hutgeschäfte belieferte. Diese Art von handwerklicher Massenfabrikation musste er Mitte der 80er Jahre notgedrungen umstellen. Seitdem produziert er kleinere Serien und Spezialanfertigungen.

Jochen Flemming:

"Wir hatten gute Beziehungen zu den Konzernen und haben unsere Aufträge gekriegt. Also da lief das eigentlich ganz gut. Der Einbruch kam 85. Für mich vollkommen überraschend, weil ich das verschlafen hab, dass die Einfuhrbeschränkung aufgehoben wurde. Wir haben zwar auch schon damals aus dem Ostblock Ware bekommen. Und da habe ich es erst gemerkt, nachdem wir beantragt hatten, wieder neue Kontingente, also Stumpen, also Rohware, um Hüte zu fertigen, dass das aufgehoben wurde. Und da habe ich das erst gemerkt, mein Gott, die Einfuhrbeschränkungen. Und dann habe ich natürlich die Quittung bekommen.

Sprecher:

1985 wurde die gesetzliche Einfuhrbeschränkung für Hüte aus dem Ausland aufgehoben. Jochen Flemming verlor den größten Teil seiner Kunden. Der Hutmacher hatte die Veränderung erst bemerkt, als die Aufträge ausblieben. Für diese späte Aufmerksamkeit hat er dann die Quittung bekommen, sagt er. Die Quittung ist ein Rechnungsbeleg. Im übertragenen Sinne verwendet man eine Quittung bekommen für die unangenehme Konsequenz einer Handlung. Für den Hutmacherbetrieb begann eine schwierige und unangenehme Zeit. Vor der Gesetzesänderung 1985 liefen die Geschäfte immer zufriedenstellend. Nur manchmal gab es einen flauen Monat. Das aus dem Niederdeutschen stammende Wort flau bedeutete schal und kraftlos. Später bekam es in der Kaufmannssprache seinen heutigen Sinn und stand für lustlos und ohne Nachfrage.

Sprecherin:

Vater, Mutter und Tochter sind stolz auf ihren Beruf und betrachten sich als solide Handwerker. Mit Laien, die gelegentlich Hüte herstellen und auf Jahrmärkten verkaufen, möchten sie nicht verwechselt werden.

Jochen Flemming:

"Da werden heute Kurse abgehalten. Da tun sie in der Badewanne mit der Brause irgendwie Hüte machen. Das hier ist unser Dampfkessel, das ist der Ofen, der muss richtig in den Dampf hinein, da kriegen sie auch Schwielen an den Fingern. Das erste Mal, wenn Sie einen Hut machen, da haben Sie sich verbrannt. Die sind nicht pitschnass, also mit der Brause und so was."

Sprecher:

Jochen Flemming kritisiert die Nachahmer des Hutmacherhandwerks. Richtige Hüte würden im heißen Wasserdampf zur Form gelangen und nicht unter der Brause. Dann seien die Hüte nämlich pitschnass. Das lautmalerische pitschnass ist sehr beliebt, um das schmatzende Geräusch auszudrücken, das triefend nasse Kleidungsstücke oft erzeugen.

Sprecherin:

Tochter Ute Flemming hat sich ihre Berufswahl gut überlegt. Erst nach einem abgeschlossenen Studium in Sport und Biologie hat sie sich für das kreative Handwerk entschieden. Dass ihr Beruf Zukunft hat, steht für sie außer Frage. Karneval und Theater werde es immer geben, und wer gute Ware liefert, bekomme auch neue Aufträge.

Ute Flemming:

"Und das ist wesentlich besser als jede Werbung, die sie schalten können, das ist eigentlich diese Mund-zu-Mund-Propaganda. Wenn dann der eine den Hut aufhat und hat den jahrelang getragen, und der war gut. Bei den Jagdmessen ist es also so, dass regelmäßig Jäger kommen und sagen: hier habe ich meinen Hut genommen, den habe ich seit fünf Jahren, der läuft nicht ein, der ist klasse, hier müsst Ihr 'n kaufen. Dementsprechend ist natürlich auch jedes Jahr immer wieder ein Zuwachs drin."

Sprecher:

Ute Fleming meint, dass das Beste für ein Geschäft eine gute Mund-zu-Mund-Propaganda ist. Der Begriff Propaganda wird meist als Ausdruck für politische Werbung benutzt. Ursprünglich stammt er aus dem kirchlichen Bereich und war die zusammenfassende Bezeichnung einer "päpstlichen Gesellschaft zur Verbreitung des Glaubens". Die heutige Mund-Propaganda ist das sprachliche Gegenstück zur öffentlichen Propaganda in Anzeigen und Werbespots. Die Mund-Propaganda drückt die Empfehlung aus, die von Person zu Person weiterverbreitet wird.

Sprecherin:

Besonders interessant sind für Jochen Flemming die Spezialanfertigungen. Wenn ein Adelshaus Jubiläum feiert und historische Kutscher-Hüte braucht, bedeutet das einen lukrativen Auftrag und eine interessante Arbeit. Ausgefallene Modelle für Film und Theater liefert er auch weit über Deutschland hinaus. Dass an seinen Modellentwürfen später auch andere mitverdienen, hat er gelernt, mit Gelassenheit zu nehmen.

Jochen Flemming:

"Es gibt Leute, die spielen Krieg, ja, die spielen Waterloo da. Die brauchen ihre Tschakos, die brauchen ihre Dreispitze. Die brauchen das. So, wo bekommen sie es her. Wir haben jetzt nach Südafrika Hüte geliefert. Da gab es ja die Kolonialtruppen. Diese Hüte, wer baut die nach? Wenn Sie heute zehn Hüte haben, müssen Sie zu mir kommen. Wollen Sie dreißig Hüte haben, müssen Sie zu mir kommen. Haben Sie hundert, und die haben Sie drei Mal, dann fahren Sie nach Polen. Haben Sie tausend, fahren Sie bis nach Russland. Haben Sie zehntausend, setzen Sie sich ins Flugzeug und fahren nach Asien."

Sprecher:

Damit im Theater eine stimmungsvolle Kulisse entsteht, tragen die Schauspieler oft historische Hüte und Mützen. Der Tschako ist ein Militär-Hut mit ungarischem Ursprung, der in der Vergangenheit aber auch in Frankreich und Deutschland von Soldaten getragen wurde. Für Kunden aus Südafrika hat Jochen Flemming historische Kolonial-Hüte hergestellt. Mit nüchternem Realitätssinn stellte er aber auch fest, dass die Kunden größere Aufträge in Ländern mit billigeren Angeboten fertigen lassen.

Sprecherin:

Nicht nur die billige Produktion im Ausland hat zu einem Schrumpfen der Hutmacherbranche geführt. Hüte sind oder waren zumindest lange Zeit außer Mode. Ihre Selbstverständlichkeit haben die schmückenden Kopfbedeckungen spätestens Anfang der 80er Jahre verloren. Alois und Martha Gronau führen – anders als die auf Fabrikation spezialisierte Familie Flemming – auch ein Hutgeschäft. Um in allen Preisklassen etwas bieten zu können, führen sie in ihrem Atelier zu einem Drittel zugekaufte Hüte, der Rest stammt aus eigener Herstellung.

Martha Gronau:

"Also für uns persönlich, wir haben unseren Weg gefunden eben in der Spezialanfertigung, und das ist die einzige Überlebenschance, wenn man nur einen Salon für Hüte hat, also die Werkstatt, die Handarbeit, die Beratung. Die breite Masse trägt keine Hüte mehr. Wir machen nur noch die Ausnahmehüte, wie zum Beispiel Hochzeitshüte ist das A und O, der ganze Sommer besteht aus Hochzeitshüten. Dann für Theater, Künstlerfeste, solche Sachen. Aber der Hochzeitshut, der muss schon was sein, dafür wird schon was ausgegeben."

Sprecher:

Der größte Teil der Bevölkerung – oder wie Martha Gronau es ausdrückte, die breite Masse – trägt keine Hüte mehr. Der Ausdruck will bildhaft betonen, dass es die überwiegende Mehrheit ist, die eine bestimmte Eigenschaft aufweist. Der breiten Masse oder auch dem Volk stehen die Ausnahmen in der Bevölkerung gegenüber. Je nach Beschreibung sind diese Ausnahmen Künstler, Intellektuelle oder Wohlhabende. Das A und O sind bei Martha Gronau im Sommer die Hochzeitshüte. Das A und O bezeichnet das Wesentliche oder den Kernpunkt einer Sache. Die verbreitete Wendung bedeutet eigentlich der Anfang und das Ende. Abgeleitet wurde sie vom griechischen Alphabet, das mit Alpha beginnt und mit Omega aufhört.

Sprecherin:

Die Gronaus haben mit der Anpassung an die Kundenwünsche ihr Atelier am Leben erhalten. Als die Hut-Nachfrage besonders nachließ, haben sie auch eine Zeitlang Schirme, Mäntel und Handschuhe in ihr Angebot aufgenommen. Der allgemeine Branchenrückgang war für sie jedoch auch von Nutzen.

Martha Gronau:

"Es war ja so, nachdem schon alle anderen aufgegeben haben, reihenweise, denn Köln war ja mal die Hut-Stadt, hier war ja die große Messe, die IFADA wurde hier abgehalten. Hier gab es bedeutende Hut-Firmen, die alle mehr oder weniger dicht gemacht haben. Die einen gingen richtig pleite, die anderen haben einfach aus Altersgründen aufgehört, hatten keinen Nachwuchs mehr. Und darin haben wir ja dann doch unsere Chance gesehen. Der Bedarf ist ja immerhin doch noch so, dass ein, zwei, drei Ateliers das noch auffangen können. Und das war einer der Hauptgründe, warum wir das weitergemacht haben. Im Gegenteil, wir haben uns ja wieder ganz auf unser Handwerk besonnen und haben die Nebenartikel alle auslaufen lassen."

Sprecher:

In Köln haben in der Vergangenheit die Hut-Firmen reihenweise aufgegeben. Martha Gronau benutzt eine sehr geläufige Bezeichnung. Durch das Bild der Reihe soll betont werden, dass besonders viele Firmen ihren Betrieb geschlossen haben. Sie haben dicht gemacht, wie Martha Gronau sagt. Der umgangssprachliche Ausdruck spielt auf das Bild verschlossener Türen und Fenster an. Besonders wenn bei der Geschäftsaufgabe Schaufenster und Türen mit Papier oder Tüchern verdeckt sind, wird deutlich: hier hat jemand dicht gemacht.

Sprecherin:

Martha Gronau ist Modisten-Meisterin. Zwischen dem Frauenberuf Modistin und dem Männerberuf Hutmacher gab es traditionell eine deutliche Trennung. Kurz gesagt stellten die Hutmacher die Hüte her, was den schwierigen Arbeitsgang der Formung einschloss und die Modistinnen kümmerten sich um die Verzierung. Letztlich lag es jedoch an den speziellen Anforderungen des Betriebes, wer welche Arbeitsgänge ausführte. Der Begriff Modistin wurde in Deutschland erst in den 50er Jahren eingeführt und ersetzte damit eine klangvolle, aber heute unbekannte Bezeichnung.

Martha Gronau:

"Der eigentliche Begriff meines Berufes ist Putzmacherin. Mein Lehrbrief war noch als Putzmacherin ausgestellt. Dann haben die Innungen in Deutschland den Namen geändert. Sie wollten sich den Franzosen angleichen, und die Bezeichnung war dann Modistin. Und so habe ich, als ich meine Meisterprüfung machte, die Modistinnenmeisterprüfung gemacht. Aber Putzmacherin ist eigentlich der Urbegriff. Es kommt von Kopfputz, sich herausputzen. Putz und Tand, das betraf die Garniturmaterialien, Schleier, Blumen, Federn, auf den Hut, was kommt, das ist der Putz."

Sprecher:

Die verschiedenen Handwerksgruppen sind in Innungen organisiert. Früher nannte man solche gewerblichen Zusammenschlüsse Gilden oder Zünfte. Die Innungen stellen den Prüfungskatalog, und sie verleihen den Handwerkern ihre Titel. Der wandelte sich bei Martha Gronau von der Putzmacherin zur Modistin. Wer heute von Putz spricht, denkt dabei meist an glattgestrichene Mauern und nicht an Federhüte. Die Wendung sich herausputzen ist dagegen sehr verbreitet, wenn man betonen will, dass sich jemand außergewöhnlich gut oder auch übertrieben schick gekleidet hat.

Sprecherin:

Die Arbeit von Hutmachern und Modistinnen ist noch Handwerk im eigentlichen Sinne. Auch wenn sich im Augenblick die Menschen nicht mehr so herausputzen, Theater, Filme und Hochzeiten wird es noch lange geben. Und damit in Zukunft nicht noch mehr Betriebe dicht machen müssen, können wir ja alle ein bisschen Mund-Propaganda machen.

Fragen zum Text

Deutsche Hutfabrikanten bekamen große Konkurrenz …

1. Mitte der 1950er Jahre.

2. Ende der 1980er Jahre.

3. Anfang der 1970er Jahre.

Hüte werden … in die richtige Form gebracht.

1. in Wasser .

2. durch Wasserdampf.

3. in Seifenlauge.

Ein anderes Wort für jemanden weiterempfehlen ist …

1. abraten.

2. Mund-zu-Mund-Propaganda.

3. Ohren aufsperren.

Arbeitsauftrag

Traditionelles Handwerk ist in den meisten Industrieländern im Zuge der Massenproduktion immer weniger gefragt. Welche traditionellen Handwerksberufe sind in Ihrem Land vom Aussterben bedroht? Verfassen Sie ein Kurzreferat über ein entsprechendes Beispiel.

Autor: Günther Birkenstock.

Redaktion: Beatrice Warken

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