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Schweiz

Bern ist eine Stadt voller Überraschungen

So manches ist etwas anders in der Schweiz: Statt einer Hauptstadt gibt es eine Bundesstadt. Und in der kann man Zwergen, Bären und einem Kinderfresser begegnen. Auch das macht Bern besonders.

Ganz entspannt liegt er da und aalt sich in der Sonne, der Bär, das Tier, das Bern seinen Namen gegeben hat und deshalb auch das Wappen ziert. Eine ganze Weile beobachte ich ihn schon, doch nichts passiert. Der Bär lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, so wie der Berner, der bekannt ist für seine gemütliche Art. "Ich weiß nicht, wer es sich von wem abgeschaut hat", sagt Tierpfleger Thomas Zurbuchen, "aber ich nehme mal an, wir von den Bären".

Stadtansicht Bern Bär im Zoo (Dietz Schwiesau)

Im Berner Bärenpark

Seit 1857 gibt es den Bärenpark in Bern; damals wurden die Tiere noch in einem Steingraben gehalten, heute leben sie in einem weitläufigen Gehege. Der Legende nach soll der Stadtgründer Herzog Berchtold V. von Zähringen verkündet haben: Das erste Tier, das er bei der Jagd erlegt, werde der Stadt ihren Namen geben. Es war ein Bär.

Zu Besuch bei den "sieben Zwergen"

So wie der Eiffelturm zu Paris oder die Freiheitsstatue zu New York, so gehört der Bär seitdem zu Bern. Es gibt ein Bärentaxi, eine Bärenzeitung. Im Parlamentsgebäude begrüßen am Eingang zwei Bären die Besucher. Hier kann man bei einer Führung seine politische Haltung zum Ausdruck bringen, indem man die linke oder die rechte Treppe nimmt, so wie es auch die Parlamentarier machen.

Stadtansicht Bern (Dietz Schwiesau)

Bern ist Regierungssitz der Schweiz

Der imposante Bau mit seiner wunderschönen Kuppelhalle, den Fresken an der Decke und den eindrucksvollen Wandgemälden ist beliebt bei den Touristen. Mehr als 100.000 Besucher kommen jedes Jahr. Sieben Bundesräte regieren von hier aus die Schweiz, die "sieben Zwerge", wie sie scherzhaft genannt werden. Dass es sieben sind, liegt daran, dass man alle wichtigen politischen Kräfte mit einbinden und verhindern will, dass eine einzelne Person zu viel Macht bekommt.

Stadt der Brunnen

Das Parlament mit Blick auf die Alpen - auf Eiger, Mönch und Jungfrau -  liegt direkt an der Aare. "Andere haben das Meer oder die Seen, wir haben unseren Fluss" erzählt Stadtführerin Carmen Schürch. Sie führt mich durch Berns Altstadt, die seit 1983 UNESCO-Weltkulturerbe ist.

Stadtansicht Bern (Dietz Schwiesau)

Marktgasse mit Schützenbrunnen und "Zytglogge" (Zeitglockenturm)

In den mittelalterlichen Straßen und Gassen mit dem reich verzierten Münster, dem 500 Jahre alten Uhrenturm und den schönen Laubengängen fallen mir sofort die unzähligen Brunnen mit ihren kunstvoll farbigen Figuren auf. Wie der berühmte Kindlifresserbrunnen, auf dem ein Mann sitzt und ein Kind verspeist - im Mittelalter eine weit verbreitete Kinderschreckfigur.

Wenige Meter vom Rathaus entfernt findet sich der moderne Gegenentwurf dazu. Ein Brunnen, den der Künstler und einstige linke Stadtrat Carlo Lischetti bewusst "Keine Brunnenfigur" genannt hat: es ist einfach nur ein Säulenstumpf mit einer Treppe, auf der man hochsteigen und selbst Brunnenfigur spielen kann.

Stadtansicht Bern Figur vor Turm (Dietz Schwiesau)

Figur am Zähringerbrunnen

Ein beliebtes Ziel für Touristen, die sich gerne darauf ablichten lassen. Ich verzichte darauf, aber die Idee gefällt mir: Ein Brunnen als politisches Statement von einem Querdenker, der schon in den 1970ern mit seiner Partei ein Wahlrecht ab 18 Jahren und ein "Fußgängerparadies" forderte. Heute ist das teilweise verwirklicht. Der Bundesplatz vor dem Parlamentsgebäude ist mit seinen beliebten Wasserfontänen verkehrsfrei und seitdem auch zentraler Ort für politische Anliegen.

Protest, Graffiti und Kultur  

An diesem Tag findet der Protest allerdings woanders statt. Am Bahnhof höre ich plötzlich eine Durchsage. Eine unangemeldete Demonstration einer antifaschistischen Gruppierung soll es gleich hier geben, die Polizei wappnet sich. Nicht weit von der Reithalle, Berns autonomen Kulturzentrum, haben sich auch ein paar Polizisten positioniert. Denn seit Jahren kommt es rund um den mit Graffiti besprühten Gebäudekomplex immer wieder zu Krawallen und Straßenschlachten. 1981 wurde die ehemalige Reithalle erstmals besetzt.

Stadtansicht Bern (Dietz Schwiesau)

Caféterrasse am Fluss Aare

Heute befinden sich in dem denkmalgeschützten Ensemble ein Theater, eine Bar und Veranstaltungsräume. Aus einem Konzertraum dröhnen mir laute Bässe entgegen und im Kinosaal entdecke ich noch die Futterkrippen aus jenen Jahren, als hier noch die Pferde ihre Runden drehten. Inzwischen ist die Reithalle aus der Bundesstadt nicht mehr wegzudenken. Schon fünf Mal haben die Berner gegen die Schließung und für den Erhalt ihres "geliebten Schandflecks" gestimmt. Der landesweit bekannte Ort ist längst zu einer Institution der alternativen Kulturszene geworden. Und zu einem beliebten Ziel für Touristen, denn hier werden auch Führungen angeboten.

Büsche im Frühling Paul Klee Gemälde (picture-alliance/dpa/akg-images)

Aquarell Büsche im Frühling von Paul Klee (1879-1940)

Umstrittene Gemälde

Besucher aus den USA, Australien und Deutschland kommen in die Stadt, auch wegen der bedeutenden Kunstmuseen: dem Zentrum Paul Klee und dem Kunstmuseum Bern. Dort werden ab November die viel diskutierten Bilder des deutschen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt gezeigt. Der Kunstfund hatte 2013 eine heftige Debatte um den Umgang mit den von den Nationalsozialisten geraubten Werken ausgelöst. Bern widmet sich in seiner Ausstellung der sogenannten "entarteten" Kunst: Bilder von Ernst Ludwig Kirchner oder Emil Nolde, die von den Nazis aus deutschen Museen entwendet wurden. Gurlitt hat diese Kunstwerke in seinem Testament der Stadt Bern vermacht. "Wieso gerade Bern, darauf gibt es keine klare Antwort" erklärt mir Museumsdirektorin Nina Zimmer. Bekannt ist nur, dass Gurlitt schon als Kind seine Ferien in Bern verbrachte und Bern mochte, besonders wegen der Schweizer Schokolade.

Schweiz Reportage Bern Lichtspektakel (Rendez-vous Bundesplatz)

Lichtspektakel auf dem Berner Bundesplatz

Poetische Lichterspiele

Beim "Rendez-vous Bundesplatz" lasse ich den Tag an diesem Abend ausklingen. Das jährliche Ton- und Lichtspektakel lässt das Parlamentsgebäude in den schönsten Farben und Formen erstrahlen. Als ich ankomme, ist der Platz schon voller Menschen, die sich gerne verzaubern lassen von dem poetischen Lichterspiel. So wie Jean-Marie Macheret, "für einen Berner, meint er, gehört das einfach dazu".