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Deutschland

Berlins umstrittenster Politiker verabschiedet sich mit einer Provokation

Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin scheidet mit einer düsteren Prognose für die Hauptstadt: Sie habe schlechte Chancen, ihre sozialen Probleme in den Griff zu bekommen, weil die Unterschicht zu schnell wachse.

Thilo Sarrazin, Quelle: dpa

Thilo Sarrazin

Noch residiert Thilo Sarrazin ganz oben in der Berliner Finanzverwaltung, im ausgebauten Dachgeschoss. Im Chefzimmer steht sein Schreibtisch auf einer Art Podium. "Ich komme herunter", sagt er und mustert skeptisch den in Jeans und Pullover angetretenen Reporter. Der Senator ist in feinen Zwirn gewandet und legt auch sonst Wert auf ein gepflegtes Umfeld. Die Beamten seines Hauses kämen "bleich und übelriechend" daher, weil die Arbeitsbelastung so hoch sei, hatte der promovierte Ökonom bei seinem Amtantritt 2002 beklagt. Seitdem hat Sarrazin manch anderen Spruch geklopft, sehr zur Freude der Medien. Zum Beispiel, dass bei den vielen Berliner Arbeitslosenhilfe-Beziehern das geringste Problem das Untergewicht sei. Oder dass man mit dicken Pullovern die Heizkosten niedrig halten könne. Oder dass eine Erhöhung von Sozialleistungen nur den Absatz von Flachbildschirmen und MP3-Playern aus Fernost ankurbele.

Beängstigende Statistiken

Sarrazin hat den Berlinern auch erklärt, dass sich Arbeitslose schon für 3,76 Euro "völlig gesund, wertstoffreich und vollständig ernähren" könnten und er hat dafür sogar ein Menü entworfen. Kaum war die eine Empörungswelle abgeebbt, sorgte der sozialdemokratische Sparkommissar schon für die nächste. Dieser Tradition bleibt er bis zuletzt treu. Kurz vor seinem Abschied vom Senatorenamt präsentierte er Statistiken, die Berlins Zukunft in einem düsteren Licht erscheinen lassen.

Einen Teppich von Socken legte der Künstler Josef Hack 2002 vor dem Bundeskanzleramt aus, um auf das Schicksal der armen Socken in Berlin aufmerksdam zu machen. AP Photo:Markus Schreiber.

"Arme-Socken-Teppich" vor dem Kanzleramt, eine Künstleraktion. Die Armut in Berlin nimmt zu.

In der Hauptstadt ist nicht nur der Prozentsatz derjenigen, die staatliche Unterstützung erhalten, doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Vor allem der Anteil von Kindern unter den Hilfebedürftigen kann beängstigen. Mehr als ein Drittel aller Unter-18-jährigen wachsen bei Eltern auf, die mindestens schon ein Jahr arbeitslos sind oder ihren Lebensunterhalt nur durch zusätzliche staatliche Unterstützung unterschiedlicher Art sichern können. Besonders schlecht ist die Situation in den Berliner Bezirken, in denen viele türkisch- und arabischstämmige Migranten leben. Aber auch im Ostberliner Plattenbaubezirk Marzahn-Hellerdorf braut sich Bedrohliches zusammen.

Geld allein hilft nicht

Die Berliner Politik, aber auch Wohlfahrtsverbände, reagierten wie erwartet: Der Finanzsenator sei schließlich selber mit Schuld, dass für Soziales und Bildung nicht genügend Geld da ist.

In der Tat hatte der Sozialdemokrat Sarrazin der Hauptstadt einen strengen Sparkurs verordnet. Allerdings war ihm dafür sogar die mitregierende Linkspartei, stets Streiter gegen Sozialabbau, dankbar. Denn Berlin schiebt einen Schuldenberg von über 60 Milliarden Euro vor sich her. Das ist vor allem eine Folge der jahrzehntelangen Spaltung der Stadt, in der sich Westberlin als "Schaufenster des Westens" an Subventionen gewöhnte und wo im Osten mit der Einheit die Industrie zusammenbrach. Heute gilt der Spruch des Regierenden Bürgermeisters Wowereit, wonach Berlin "arm aber sexy" sei. Sarrazin hat den Haushalt saniert, soweit und solange das möglich war. Einziger Posten, bei dem die Ausgaben in seiner Amtszeit ständig stiegen, sei Soziales und Bildung gewesen, sagt Sarrazin. Geholfen habe es trotzdem nicht.

Anwachsende Unterschicht

Und so schlüpft der 64-jährige noch einmal in seine Lieblingsrolle als Provokateur: Der Kampf gegen die immer schlechtere Sozialstruktur sei für Berlin kaum zu gewinnen. Denn viele Eltern vernachlässigten die Bildung ihrer Kinder und seien schlechte Vorbilder. Und wenn das Elternhaus nicht aufstiegs- und leistungsorientiert sei, könne nichts werden. Die schlechten Deutschkenntnisse bei arabisch- und türkischstämmigen Kindern seien beispielsweise "Produkt der Grundeinstellung" in diesen Gruppen. "Hier wird Integration nicht gewollt". Migrantenschelte sei das nicht. Kinder von Vietnamesen beispielsweise sprächen sehr gut Deutsch. Außerdem gebe es auch eine wachsende deutsche Unterschicht, die sich im "Zustand der Tätigkeit ohne bezahlte Arbeit teilweise sehr gut eingerichtet hat". Gruppen, in denen Sarrazin "Übergewicht" und "faule Zähne" registriert hat. Zu allem Unglück für die Sozialstruktur bekomme die Unterschicht auch noch "statistisch signifikant" mehr Kinder als die aktiv im Leben Stehenden, sagt Sarrazin.

Berlin ist nicht der Mittelpunkt der Welt

Das alles müsse man aussprechen, auch wenn es als politisch unkorrekt gelte, denn: "Wenn Eltern nachdenken: Warum steht bei den Kindern der Fernseher im Zimmer oder wann war ich das letzte Mal beim Zahnarzt?, dann ist viel gewonnen." Und für alle Berliner hat der scheidende Senator auch noch eine Botschaft: "Kommt Euch nicht wie der Mittelpunkt der Welt vor, das macht Euch faul und träge!"

Im Mai tritt Sarrazin im Vorstand der Bundesbank in Frankfurt am Main an. Dort dürften ihm vor allem nach Herrenparfüm duftende Banker mit vollsaniertem Gebiss begegnen.

Autor: Bernd Gräßler

Redaktion: Dеnnis Stutе