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Welt

Berlins "Obamania" weicht der Realität

Als er vor fünf Jahren nach Berlin kam, wurde der Kandidat Barack Obama wie ein König gefeiert. Bei seinem jetzigen Besuch als Präsident wird er feststellen, dass "Obamania" der Vergangenheit angehört.

Drei Spiegel-Titelgeschichten zeigen, wie sehr sich die öffentliche Wahrnehmung von Barack Obama verändert hat. 2008, kurz nachdem der Senator von Illinois zum ersten schwarzen Staatsoberhaupt der USA gewählt worden war, kürte das Nachrichtenmagazin Obama zum "Weltpräsidenten". Knapp vier Jahre später beschrieb die Zeitschrift eine "missglückte Präsidentschaft" und sagte voraus, dass Obama die bevorstehende Wahl verlieren würde.

Jetzt, kurz vor Obamas erstem Berlin-Besuch als US-Präsident, stellt die Spiegel-Redaktion das Konterfei des Präsidenten unter ein (größeres) Bild von John F. Kennedy auf den Titel. Die Überschrift diesmal: "Der verlorene Freund".

In der dazugehörigen Titelgeschichte wird argumentiert, dass Deutschland kein heldenhaftes Vorbild mehr aus den USA braucht oder sogar will. Laut Spiegel zieht Obama im Vergleich zu JFK sogar den Kürzeren.

Anstecker mit den Konterfeis von John F. Kennedy und Barack Obama (Foto: dpa)

Obama wurde 2008 erster schwarzer US-Präsident

"Das [Happy End] steht, nach viereinhalb Jahren im Amt, einstweilen aus", schreiben die Spiegel-Autoren. "Wie Kennedy den Umbau seines Landes nicht wirklich vollenden konnte, musste auch Obama enttäuschen - dass er in Fragen nationaler Sicherheit zuweilen rabiater erschien als sein Vorgänger, entsetzte vor allem seine Anhänger."

2008, als der Kandidat Obama seine Rede vor der Berliner Siegessäule hielt, wurde er von den Massen und den Medien als Heiland begrüßt, der dem unbeliebten Irak-Krieg und dem arroganten Machtgehabe der Bush-Regierung ein Ende setzen würde. Jetzt herrscht in den deutschen Medien eine gewisse Enttäuschung darüber vor, was Obama tatsächlich getan und nicht getan hat. Der jetzige Spionage-Skandal ist nur ein Beispiel.

Die Welt hat sich aber auch geändert seit 2008. Die Finanzkrise hat auf beeindruckende Art gezeigt, wie global und vernetzt die wichtigsten Themen der Gegenwart geworden sind. Das hat die Bedeutung der Verhältnisse zwischen einzelnen Nationen - selbst zwischen einem ganzen Kontinent und einer einzelnen Nation - klar relativiert.

"Der Alte Kontinent", so die Spiegel-Autoren, "ist auch nicht mehr auf einen strahlenden amerikanischen Helden angewiesen, schon gar nicht auf einen Retter, denn diese Rolle können die USA im 21. Jahrhundert ohnehin nicht mehr spielen, selbst wenn sie es wollten."

Ohne Euphorie

Obama spricht in Berlin vor Anhängern (Foto: dpa)

Gefeiert wie ein Rock-Star: Barack Obama an der Siegessäule in Berlin 2008

Wenn Obama am Mittwoch (19.06.2013) seine Rede vor dem Brandenburger Tor hält, wird er ein großes und begeistertes Publikum vor sich sehen. 90 Prozent der Deutschen hätten bei der US-Wahl letztes Jahr für ihn gestimmt. Nichtsdestotrotz ist die Euphorie unter seinen Berliner Fans abgeklungen.

"Vielleicht liegt es an ihm, vielleicht an der ganzen Mischpoke, aber irgendwie ist das Besondere weg", sagt der 38-jährige Event-Manager Hagen. "Die ganze Überwachungsgeschichte…ich meine, man wusste, dass es wahrscheinlich so was gibt, aber es schockiert dennoch, wenn so etwas rauskommt."

Auch die Tatsache, dass das Gefangenenlager Guantanamo unter Obama - trotz Versprechungen - nicht geschlossen wurde, missfällt vielen Deutschen.

In den Augen vieler Deutscher hat der Ausnahmepolitiker seine Hauptversprechen eingehalten: Er hat die US-Truppen aus dem Irak abgezogen und er hat - zumindest oberflächlich - die US-Außenpolitik offener und globaler ausgerichtet. Innenpolitische Streitpunkte - die Reformen des Gesundheitssystems oder die massiven amerikanischen Staatsschulden - besitzen wenig Relevanz für Leute, die Tausende von Kilometern von Washington entfernt leben.

Nüchtern, aber respektvoll

Als Kandidat wollte Obama schon 2008 vor dem Brandenburger Tor reden, aber Kanzlerin Angela Merkel machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Die Begründung: Der prominente Ort sei für Staatsoberhäupter reserviert. Jetzt bekommt Obama die Chance, an exakt der Stelle zu reden, wo Ronald Reagan 1987 Michail Gorbatschow aufforderte, die Berliner Mauer einzureißen.

Im Gegensatz zu vielen ihrer Mitbürger hat sich Angela Merkel nie ganz von Obamas Charisma einfangen lassen. "Die Bundeskanzlerin hat von Anfang an jeden Eindruck von 'Obamania' vermieden", so Amerika-Experte Johannes Thimm von der Stiftung Wissenschaft und Politik im Gespräch mit der DW. "Inzwischen hat sich zwischen Frau Merkel und Präsident Obama eine nüchterne, aber respektvolle Arbeitsbeziehung etabliert. Beide wissen, dass sie einander brauchen. Obama lässt sich in den Beziehungen zu anderen Regierungschefs weniger von persönlicher Sympathie leiten als sein Vorgänger George W. Bush. Dass er die Bundeskanzlerin für eine wichtige Verbündete hält, hat er gezeigt, als er ihr 2011 die Freiheitsmedaille verlieh."

Barack Obama und Angela Merkel

Dicke Freunde sind sie nicht, gehen aber respektvoll miteinander um

Worüber die beiden Staatsoberhäupter im Detail sprechen werden, sei noch nicht bekannt, sagte Thimm. "Die Affäre um die Datenüberwachung der National Security Agency (NSA) wird sicherlich thematisiert, denn Frau Merkel befindet sich im Wahlkampf und kann die Empörung in der deutschen Öffentlichkeit über die Enthüllungen nicht ignorieren. Der Fokus liegt vermutlich jedoch eher auf Themen wie der Wirtschaftskrise in Europa, dem geplanten transatlantischen Freihandelsabkommen (TTIP) oder dem Syrien-Konflikt."

Obama wird sich bei seiner Rede vor dem Brandenburger Tor mit breiteren, weniger spezifischen Themen befassen - was die Vergleiche mit JFK und Reagan beflügeln könnte. Es ist nicht auszuschließen, dass dem begnadeten Redner ein Ich-bin-ein-Berliner-Gänsehaut-Moment gelingt. Die Euphorie um Obamas Aufstieg zum mächtigsten Mann der Welt mag vorbei sein, ohne dass er sie völlig ausnutzen konnte. Aber je länger Obamas zweite Amtszeit dauert, desto mehr wird der Fokus auf sein politisches Erbe und nicht auf sein politisches Potenzial gerichtet werden.

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