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Politik

Berlins kürzeste Sommerparty

Es sollte ein gemütlicher Abend werden im schönen Garten von Schloss Bellevue. Doch es wurde eine Party der vertriebenen Gäste.

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Wie jedes Jahr hatte der Bundespräsident ein paar Dutzend Journalisten eingeladen, um in kleiner Runde bei einem Glas Wein zu plauschen. Doch vom ersten Moment an hatten die leicht nervösen Kollegen nur ein Thema: Wird er es sagen oder nicht? Wird Johannes Rau der Öffentlichkeit endlich mitteilen, ob er für eine zweite Amtszeit kandidiert?

"Nein, doch nicht in einem solchen Rahmen, bei einem Sommerfest", meinten die einen und wetteten dagegen. "Aber da stehen doch so verdächtig viele Übertragungswagen des Fernsehens vor dem Schloss", zweifelten die anderen und zeigten auf den Sprecher des Bundespräsidenten, der unablässig sein Handy am Ohr hatte.

Erleichtert und gelöst

Natürlich waren die vielen Übertragungswagen nicht umsonst angerückt: In einer Voraufzeichnung des ARD-Fernsehens hatte Rau bereits preisgegeben, was er seinen Gästen im Garten von Bellevue dann noch einmal erklärte: Er habe genug von seinem schönen Amt, sei zu alt für weitere fünf Jahre und wolle sich künftig seinen Interessen widmen. Ende der Durchsage, Ende des Rätselratens.

Raus Rede an einem kleinen Pult vor einem kleinen Publikum war bestens vorbereitet. Schloss Bellevue im Rücken, im Blickkontakt mit seiner Frau Christina, wirkte der 72jährige geradezu gelöst und erleichtert, als er die Zitate des Tages bei der Hauptstadtpresse ablieferte. Und "sozialdemokratisch" war es auch noch - keine Zeitung, kein Sender konnte sich beschweren, zu kurz gekommen zu sein.

Zurückgelassene Steaks

Nur die Party war schlagartig zu Ende, sie hatte bloß eine Stunde gedauert. Die Journalisten rannten in alle Richtungen davon, schnell zurück in die Redaktionen, den Aufmacher für den nächsten Tag schreiben. Auf dem Grill im Garten von Schloss Bellevue brutzelten zahllose Steaks einsam vor sich hin, das Personal sammelte die halbvollen Gläser ein.

Dazwischen, nur noch von seiner Frau und seinen engsten Mitarbeitern umgeben, der Bundespräsident. Der Gastgeber des Abends hatte die Geladenen mit seiner Ankündigung vertrieben und blieb allein zurück. Es war die kürzeste Sommerparty, die Berliner Journalisten je gefeiert haben.