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Kultur

Berlins Erzbischof Woelki macht Karriere

Der Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki ist eine der wichtigen Stimmen der katholischen Kirche in Deutschland. Papst Benedikt XVI. macht ihn jetzt zum jüngsten Kardinal.

Dr. Rainer Maria Woelki, Erzbischof des Bistums Berlin/Brandenburg, aufgenommen am 09.01.2012 während der Aufzeichnung der RBB-Talksendung Thadeusz in Berlin. Die Sendung wird am 17.01.2012 ausgestrahlt. Foto: Karlheinz Schindler

Dr. Rainer Maria Woelki, Erzbischof des Bistums Berlin Brandenburg

Nicht nur für katholische Verhältnisse ist das eine Blitzkarriere. Ende August 2011 stieg Rainer Maria Woelki vom Kölner Weihbischof zum Erzbischof von Berlin auf. Wochen später begrüßte er als Gastgeber Papst Benedikt XVI. bei dessen Deutschlandbesuch an der Spree. An diesem Samstag überreicht das Kirchenoberhaupt dem 55-Jährigen im Vatikan die Kardinals-Insignien.

Woelki selbst gibt sich alle Mühe, den Lorbeer des Aufstiegs weiterzureichen. Er sehe die Kardinalserhebung nicht nur als persönliche Ehrung. Sie sei Zeichen der Wertschätzung Benedikts für die Bundeshauptstadt, die Katholiken in Berlin und Ostdeutschland, gerade für jene, die in der religionsfeindlichen DDR ihren christlichen Glauben bekannt hätten.

Dabei war es für viele Kenner eine Überraschung, als der Papst Woelki im vorigen Sommer zum Erzbischof von Berlin ernannte. Nach dem Ausscheiden des schwer erkrankten und inzwischen verstorbenen Kardinals Georg Sterzinsky waren viele Namen genannt worden. Woelki zählte nicht dazu.

Keine Schublade passt so richtig

Joachim Kardinal Meisner predigt am Freitag (08.06.2007) im Dom in Köln während eines ökumenischen Gottesdienstes mit katholischen, evangelischen und orthodoxen Christen. Der 31. Evangelische Kirchentag findet bis zum 10. Juni 2007 in Köln statt. Foto: Federico Gambarini dpa/lnw +++(c) dpa - Report+++

Joachim Kardinal Meisner bei einer Predigt im Kölner Dom

So überraschend die Personalie schien, so schwierig scheinen die Versuche, Woelki kirchenpolitisch einzuordnen. Die gängigen Schubladen scheinen nicht recht zu passen. Gut zwei Jahrzehnte war Woelki in unterschiedlichen Funktionen enger Mitarbeiter des konservativen Kölner Kardinals Joachim Meisner. Dabei strahlt er wenig von dessen Entschiedenheit, ja Härte aus. Seine Doktorarbeit schrieb Woelki an der römischen Universität des Opus Dei. Doch eine überzogene Nähe zu der in Deutschland höchst umstrittenen Organisation unterstellt ihm nach seinen ersten Monaten in Berlin kaum noch jemand.

Die Wurzeln der Familie Woelkis reichen nach Ostpreußen. Aufgewachsen ist er in Köln, was sich nicht nur am Dialekt zeigt. Von seiner Familie kann der 55-Jährige mit sprichwörtlich rheinischem Frohsinn innig und humorvoll erzählen, auch sein Engagement in der Pfarrjugend klingt bei mancher Schilderung an. Bereits damals begegnete er im Vatikan einem deutschen Kardinal: Joseph Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation. Bevor Woelki nach dem Abitur das Theologiestudium begann, absolvierte er seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr - was in der damaligen Bundesrepublik für einen Studierenden der katholischen Theologie nicht notwendig gewesen wäre.

Ein Rheinländer in Berlin

In der Hauptstadt ist der noch neue Berliner Erzbischof ein Zugereister. Berlin, sagt Woelki, sei "das einzige deutsche Bistum, das an Katholikenzahl wächst". In der Tat erfährt die Hauptstadt einen Zustrom katholischer Christen - zumeist aus dem nahen Polen.

In der Hauptstadt hat Woelki nicht etwa Quartier genommen in einer repräsentativen Residenz, solche Domizile bietet das relativ arme, erst 1930 entstandene Hauptstadtbistum nicht. Stattdessen wohnt Woelki in einer Etagenwohnung im wenig begehrten Wedding, einem tradionellen Arbeiterviertel, das zum sozialen Brennpunkt geworden ist. Gleich in der Nähe betreiben Franziskanerbrüder eine gut florierende Suppenküche. Armut ist in dieser Gegend alltäglich. "Im Haus wohnen sehr viele Migranten", sagt Woelki. "Meine Brötchen, oder wie man in Berlin sagt, Schrippen, hole ich beim türkischen Bäcker." Zur Bescheidenheit Woelkis passt, dass er je nach Witterung mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs ist. Im Winter fährt er nicht selten S- oder U-Bahn. Seinen Aufstieg zum Kardinal feiert Woelki übrigens in Berlin mit einem Mittagessen für bedürftige Menschen.

Ein Mann, der zuhört

Woelki hat seit seinem Amtsbeginn vieles richtig gemacht.  Er setzte Akzente mit sozialen Themen, forderte einen menschlichen Umgang mit Asylbewerbern, prangerte Kinderarmut an. Er hörte viel zu, sorgte für einen entkrampften Umgang mit der politischen Spitze der Stadt, auch mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, der in einer homosexuellen Partnerschaft lebt. Und selbst Katholik ist. Wowereit wird zur Feier des neuen Kardinals nach Rom reisen.

Für Aufruhr hatte im April 2011 ein Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel gesorgt, wonach Woelki angeblich geäußert habe, dass Homosexualität gegen die "Schöpfungsordnung" verstoße. Darauf trat der Berliner Erzbischof mit Vertretern von Schwulen- und Lesbenvertretern in den Dialog. Beide Seiten zogen im Anschluss eine positive Bilanz. Der Erzbischof sagte, dass weder die Kirche noch er persönlich Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminieren oder ausschließen wollten.

Politisches Christentum

Praeses Nikolaus Schneider, Weihbischof Rainer Woelki, Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee und der franzoesische Botschafter Bernard de Montferrand, von links, nehmen am Samstag, 13. Juni 2009 in der Johanneskirche in Duesseldorf an einer Feier teil. Dort fand ein oekumenischer Gottesdienst fuer die Opfer des Flugzeugabsturzes von Air France AF 447 und deren Angehoerige statt. (AP Photo/Hermann J. Knippertz) --- The priests Nikolaus Schneider, Rainer Woelkl, German Traffic Minister Wolfgang Tiefensee and French Ambassador Bernard de Montferrand, from left, takes part on a mass to remember the victims of the crashed airplane Air France AF 447, in the Johannes-Church in Duesseldorf, Germany, on Saturday, June 13, 2009. (AP Photo/Hermann J. Knippertz)

Rainer Maria Woelki, damals Weihbischof, bei einem Gedenkgottesdienst 2009

Der Erzbischof der in der traditionell protestantischen Hauptstadt verkörpert eine bislang wenig wahrgenommene Kirche. Wenn es nach Woelki geht, wird sich das ändern: "Das Christentum", sagt er, "ist ja nun mal politisch. Da kann man sich nicht heraushalten." Aber lieber spricht er von der "Begeisterungskraft" des christlichen Glaubens, von der Nachfolge Jesu. Er wolle zeigen, dass die christliche Botschaft "dem Wohl und Glück der Menschen dient". Das sei die wesentliche Frage der Gegenwart.

Priestermangel, verpflichtende Ehelosigkeit der Priester, der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen - von solchen kirchlichen Reformfragen, die viele Katholiken in Deutschland umtreiben, leitet er gerne über zur "Kernfrage" nach dem Sinn des Lebens. Gläubige und die Kirchenführung in Rom werden künftig genau darauf achten, was der Berliner Erzbischof als jüngster Kardinal der Weltkirche sagt und was nicht.

Autor: Christoph Strack
Redaktion: Birgit Görtz