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Musik

Berlins dollste Balkan-Diva

Miss Platnum war mal drall, derbe und durstig. Jetzt ist sie nüchtern, die Parodie hat sich abgeschliffen und ihr Sound ist erwachsen geworden.

CD Cover Miss Platnum: The sweetest hangover (Quelle: Sony BMG)

Die neue CD von Miss Platnum: The sweetest hangover

Die EU-Osterweiterung der Musiklandschaft schlägt große Wellen. Balkanbeats und Gypsy-Sounds bevölkern die Clubs seit Jahren. Jede Großstadt in Deutschland, die was auf sich hält, hat sie: eine Russendisko, ein Brass-Orchester oder eine Balkanparty. Aber nur wenige einheimische Künstler schaffen den Sprung in die CD-Regale oder in die Gehörgänge der Mehrheit der Bevölkerung. Miss Platnum hat es 2007 mit ihrem Album "Chefa" geschafft. Viel beachtet, bewies die Newcomerin, dass ihr Sound originell und

und humorvoll ist – und funktioniert. Jetzt legt sie mit „The sweetest hangover“ ihr zweites Album nach. Ihre Geschichte aber begann in den Karpaten.

Kind der Karpaten

(Quelle: picture alliance)

Miss Platnum: Berliner Sängerin rumänischer Abstammung

Aufgewachsen ist Ruth Maria Renner, wie die Balkanbraut mit bürgerlichem Namen heißt, als Tochter zweier Meteorologen auf einer abgelegenen Wetterstation in Rumänien. So idyllisch wie dort, ist es in der nächstgrößeren Stadt Timisoara, in die die Familie bald umzieht, nicht mehr. Das Regime von Ceausescu treibt die Renners 1989 ins raue Berlin, wo die strebsame Ruth zu den Außenseitern gehört. Sie will Sängerin werden – kein seltener Wunsch – aber Ruth Maria Renner hat Biss. Sie nimmt Gesangsunterricht, macht erste Gehversuche im Business, singt fürs Radio, im Background und für die Werbung. 2005 erscheint ihr erstes Album "Rock Me" – eine Allerwelts-R’n’B-Platte, die als eine von vielen untergeht. Was nun?

Laut, sentimental und derbe

Statt dem Alkohol zu verfallen, durchsucht Ruth Maria Renner die Kellerregale der rumänischen Musikgeschichte und die Plattenkoffer, der DJ’s, die schon seit einigen Jahren in Deutschland auf der Balkan-Welle surfen. Mit einem Stapel ausgewählter CDs schließt sie sich mit ihren Produzenten The Krauts ins Soundlabor ein. Die Kunstfigur Miss Platnum entsteht. R’n’B und HipHop schunkeln zu Brassbläsern. Ruth Maria Renner schlüpft in eine Balkan-Braut-Parodie und tobt sich im Kleiderschrank aus. Derbe, drall und durstig präsentiert sich Miss Platnum im Pelzmantel mit Schürze, Goldketten aus Plastik und viel zu viel bunter Schminke. Die Presse und das Publikum feiern diesen Partyknaller und Miss Platnum geht auf eine erfolgreiche Konzert-Tour u.a. als Support-Akt von Größen wie Peter Fox oder den Fantastischen Vier. Am Tag danach soll Miss Platnum dann bitte mit ihrem Image zwischen Ost-Integrations-Figur und Ich-Liebe-Meine-Pfunde-Vorbild durch die Talkshows tingeln. Aber hier ist die Party für Miss Platnum vorbei. Sie ist nüchtern geworden, hat einen Kater und möchte nicht quatschen, sondern Musik machen. Und das tut sie.

Der Morgen danach

Miss Platnum auf der Bühne (Quelle: picture alliance)

Miss Platnum liebt die Inszenierung

Nach dem Chefa-Album entwickeln sie mit ihrem Team den Miss-Platnum-Sound konsequent weiter. Das neue Album "The sweetest hangover" strotzt nicht mehr so vor Selbstironie und die Balkanparodie hat sich abgeschliffen. Aber das tut gut. Statt zusammen gefrickelten Beats und Bläsern, wurde das virtuoseste Balkan-Brass-Orchester engagiert, das sich auftreiben lässt: das Boban i Marko Markovic Orchestar. Aufgenommen natürlich live in Belgrad. So gut wie diese Bläser spielen, so gut wissen sie auch, dass sie nicht den Rest eines Arrangements platt machen müssen. Und Miss Platnum und The Krauts beweisen ein gutes Gehör: Fein arrangiert finden sich Motown-60ies-Soul neben einer Trauermarsch-Ballade oder einem Bollywood-Bhangra Musical. Aus der karnevalesken Balkanbraut ist eine elegante Diva geworden, die keinen teueren Schnick-Schnack braucht und gerade deswegen einen unverkennbaren Style hat. Ihr Motto: "Schmeißt die Gläser an die Wand! Das Leben ist ein Hund und wunderschön." Ihre Musik bietet dafür den optimalen Soundtrack.

Autorin: Emily Thomey

Redaktion: Matthias Klaus