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Kultur

Berlins Bühnennachwuchs mit "nettem" Protest

Wenn Schauspielschüler auf die Straße gehen, sehen die Proteste etwas anders aus als sonst. Berliner Studenten haben gezielt ihre Talente eingesetzt um dem Senat 33 Millionen Euro für einen Hochschulneubau zu entlocken.

Die Studierenden der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst in Berlin hatten an ihrem "Tag der offenen Tür" allen Grund zum Feiern - mit Grillgut und reichlich Bier - obwohl sie ihren Tag zum  "Tag der eingetretenen Tür“ umbenannt hatten.

Sanierung oder Neubau?

Die Tür, die da symbolisch eingetreten wurde, war 33 Millionen Euro teuer - das Geld sollte für eine Sanierung der asbestbelasteten bisherigen vier Standorte der Hochschule eingesetzt werden. Warum nicht gleich ein neuer, zentral gelegener Campus - darum ging es in der vorangegangenen Debatte. Das hätte nur zwei Millionen Euro mehr gekostet. Doch da blieb der Senat stur. Die Studenten haben daraufhin eine nie dagewesene Protestwelle losgetreten, die es bis ins Fernsehen schaffte: In einer bekannten Polit-Talkshow störte ein Schauspielstudent die Talkrunde mit lauten Zwischenrufen und wurde gleich von zwei Securitykräften unter lautstarkem Protest aus dem Studio gezerrt. Dieser Auftritt erregte bundesweites Aufsehen.

"Hacker des öffentlichen Bewusstseins"

Studierende der Hochschule Ernst Busch stehen vor dem Gebäude (Foto: DW/F.Taube)

"Tag der eingetretenen Tür" bei der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin

"Wir begreifen uns als Hacker des öffentlichen Bewusstseins - spielerische Hacker", sagt M., der Sprecher der Bewegung, der seinen Namen lieber nicht in der Presse lesen möchte. "Wir haben ja ein Talent. Als Schauspieler, Regisseure, Puppenspieler und Choreographen haben wir eine andere Form des Protests kultiviert. Wir haben die Stadt zur Bühne gemacht." Dass keiner der Protestierenden der Presse seinen vollen Namen mitteilt, ist dabei Teil des ungewöhnlichen Protest-Konzeptes - man will schon im Ansatz den Verdacht im Keim ersticken, dass die angehenden Schauspieler sich zu Selbstdarstellern aufschwingen könnten, dass Einzelne sich profilieren wollten.

Stattdessen besetzten die Hochschüler das Regieinstitut und schlugen ein Zeltlager in der Nähe des für einen möglichen Neubau vorgesehenen Bauplatzes in Berlin-Mitte auf. Mit Masken zogen sie durch die Stadt, machten Performances, karikierten die Berliner Politiker. Ihre Auftritte im Fernsehen taten ihr Übriges.

Schauspielen aus Protest

Wolfgang Engler, Rektor Hochschule Ernst Busch, Berlin (Foto: DW/F.Taube)

Wolfgang Engler, Rektor der Hochschule

Die Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch“ gilt als eine der besten Nachwuchsschmieden in Deutschland. Ihr Rektor, Wolfgang Engler, ist von der Art des Protests begeistert. "Das ist toll für eine Schule, die man 'die Schule der Stars' nennt, dass sie hier gerade keine Stars haben wollen", so der Professor, selbst Jahrgang 1952. "Das ist wie der Studenten-Protest von 1968 - nur etwas weniger verkrampft! Die Aktionen haben von Gedankenreichtum gezeugt, niemand ist einfach mit der geballten Faust durch die Stadt gezogen."

In über 300 teils nervenaufreibenden Sitzungen hat Engler in den vergangenen Jahren mit Vertretern der Stadt die Bedingungen für den Neubau ausgehandelt. Dass sich die Studierenden ebenfalls so für das Anliegen einsetzen, gefällt ihm da natürlich. 

Trotz des großen Erfolgs fehlen immer noch zwei Millionen Euro, um das Neubauprojekt zu verwirklichen. So werden die Studierenden auch weiter kämpfen: "Wir hoffen, dass sich die geäußerte Solidarität jetzt auch in Banknoten äußert", hofft M., der Sprecher der Protestgruppe.

Prominente Unterstützung

Jan Bosse, deutscher Theater Regisseur (Foto: DW/F.Taube)

Regisseur Jan Bosse

Solidarität kam vor allem aus der Welt des Theaters. Die Hochschule konnte sich auf viele, deutschlandweit bekannte Namen verlassen. So besuchten die prominenten Schauspieler Ulrich Matthes und Nina Hoss das Zeltlager und solidarisierten sich mit den Studenten im Kampf um die Hochschule.

Auch Theater-Regisseur Jan Bosse, bekannt geworden vor allem durch seine Inszenierungen am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und dem Maxim-Gorki-Theater Berlin, hat den "Tag der eingetreten Tür" besucht. Er selbst beendete 1997 hier an der Ernst Busch-Hochschule sein Regiestudium. "Wir aus der Theaterwelt müssen zeigen, dass die Schule nicht vom Theaterbetrieb abgekoppelt ist. Mir als Regisseur würde es unglaublich wehtun, wenn diese Schule wegfiele", so Bosse. Er weiß, dass die Studierenden auf die prominente Unterstützung angewiesen sind und hilft gern. "Die Studenten sind mit so einem Charme an die Sache rangegangen. Das war ein netter Protest: Es gab tausend kleine Aktionen, die einfach witzig waren", sagt Bosse.

Protestform mit Zukunft

Schild an Hochschule Ernst Busch, Berlin (Foto: DW/F.Taube)

Die Studierenden fordern einen neuen, zentralen Standort in Berlin.

Den Kultur-, aber auch den Politikbetrieb aufmischen wollen die Studierenden auch weiter. M. verbirgt nicht seinen Stolz auf das bereits Geleistete. "Viele Entscheidungen in der Politik finden im Hinterzimmer statt, hängen von persönlichen Machenschaften ab. Wenn es jetzt eine Gruppe schafft, sich ohne Gewalt  zur Wehr zu setzen, mit einer fröhlichen Form, die auch unterhält, dann wird das von vielen als Erlösung empfunden."

Protest als eine Form der Erlösung von politischen Missständen: In Zukunft soll diese Idee auch andere Gruppen und Anliegen beeinflussen. Viele der protestierenden Schauspielstudenten sind über das Thema des Hochschulneubaus hinaus politisiert worden und planen, sich anderen Protestaktionen anzuschließen. Um auch bei anderen Aktionen zu zeigen, dass Protest nicht nur laustark, sondern auch kreativ, positiv - einfach "nett" sein kann.