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Kultur

Berliner Philharmoniker gedenken Auschwitz

Die Berliner Philharmoniker waren während des NS-Regimes das "Reichsorchester". 70 Jahre später spielen sie ein Gedenkkonzert auf den Geigen von Holocaust-Opfern und Überlebenden.

Guy Braunstein ist dafür bekannt, dass er nie Lampenfieber hat. Der israelische Geiger ist – Verzeihung des Ausdrucks – das, was man wohl eine Rampensau nennt. Groß, kräftig und mit sportlichem Gang trägt er seine Geige – wenn er nicht gerade auf ihr spielt – so, dass sie auch ein Football sein könnte. Seit er sieben Jahre alt ist, spielt er sein Instrument, schon als Kind und Jugendlicher stand er auf großen Bühnen, machte Karriere als Solokünstler. Mit 21 Jahren spielte er das erste Mal ein Konzert mit den Berliner Philharmonikern. Braunstein war damals gerade in der israelischen Armee und trug beim Konzert zum Frack kurz geschorene Haare. Im Jahr 2000 kam er dann mit festem Engagement zu den Berliner Philharmonikern – und sie machten ihn prompt zum jüngsten Konzertmeister, den das Orchester je gehabt hatte. Dreizehn Jahre lang blieb Braunstein in Berlin, bis er doch wieder seine Solo-Karriere fortsetzen wollte.

Der israelische Geiger Guy Braunstein (Foto: picture alliance)

Der israelische Geiger Guy Braunstein

Jetzt ist er zurück – für das Gedenkkonzert der Berliner Philharmoniker zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz – und alles ist anders. Guy Braunstein, die erste Geige, ist aufgeregt.

Geigen der Hoffnung – aus Tel Aviv nach Berlin gebracht

Denn es ist ein besonderes Konzert, das diesem Abend stattfindet, schließlich geht es um das Gedenken an den Holocaust. In der ersten Reihe des Kammermusiksaals sitzen neben dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der zur Eröffnung eine bewegende Rede gehalten hat, auch Auschwitz-Überlebende wie Yehuda Bacon und der Geigenbauer Amnon Weinstein. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Instrumente aus der Zeit des Holocaust zu restaurieren – und sie und die Geschichte ihrer einstigen Besitzer damit vor dem Vergessen zu retten. Er ist gewissermaßen der Ehrengast dieses Abends.

Denn aus seiner Werkstatt in Tel Aviv stammen 16 der Instrumente - fast alles Geigen - auf denen das Orchester an diesem Abend das Gedenkkonzert "Violins of Hope" (zu Deutsch: "Geigen der Hoffnung") spielt, darunter die Geige von Guy Braunstein. Und es ist ihm anzumerken: Er spielt auf einem besonderen Instrument.

Guy Braunstein ist der einzige Geiger des Orchesters, der sich schon vorab sein Instrument aussuchen durfte – er war bei seiner Familie auf Besuch in Tel Aviv und nutzte die Gelegenheit, sich selbst in Weinsteins Werkstatt umzuschauen. "Ich nahm sie in die Hand und wusste: Das hier ist meine", erzählt er noch vor dem Konzert. "Der Klang beeindruckte mich. Da wusste ich noch gar nicht, dass sie im Orchester von Auschwitz gespielt worden war."#video#

Es ist eine tragische Geschichte, die diese Geige erzählt, aber es ist auch eine voller Hoffnung, denn der Mann, dem sie gehörte, überlebte. Er selbst konnte nicht mehr darauf spielen – zu schrecklich waren die Erinnerungen. Also verkaufte er sie 1946 an einen anderen Holocaust-Überlebenden. Dessen Söhne brachten sie in die Werkstatt von Amnon Weinstein. Jetzt wird sie endlich wieder gespielt – von Guy Braunstein.

Das Gedächtnis der Musikinstrumente

"Wenn ich auf der Geige spiele", sagt Braunstein, "ist es einfach überwältigend. Wir Künstler sind nicht gut darin, etwas in Worte zu fassen, wir sprechen mit unseren Instrumenten." Und die Geige spricht mit einem, wenn Guy Braunstein – begleitet von den Berliner Philharmonikern – auf ihr Johann Sebastian Bachs Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo spielt. Vielen in Publikum stehen die Tränen in den Augen.

Der israelische Geigenbauer Amnon Weinstein (Foto: picture alliance)

Geigenbauer Amnon Weinstein in seiner Werkstatt in Tel Aviv

"Ebenso wie wir Musiker fest daran glauben, dass Konzerthallen Musik in ihren Wänden tragen, so glaube ich auch daran, dass ein Instrument sich daran erinnert, was und unter welchen Umständen auf ihm gespielt wurde", sagt Sir Simon Rattle kurz bevor er an diesem Abend des Gedenkkonzerts den Auftakt – Mahlers Adagietto aus der Symphonie No. 5 – dirigiert. "Wenn man diese Instrumente spielen hört, dann spürt man, was sie erlebt haben."

Auch er, Rattle, habe einen ganz persönlichen Zugang zu diesem Gedenkkonzert. Schließlich sei sein Mentor Rudolf Schwarz - wie später Rattle lange Zeit Chefdirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra - ein Überlebender aus Auschwitz gewesen und derjenige, der ihn am meisten in seiner Karriere geprägt habe. Schwarz habe ihm auch von Auschwitz berichtet. Natürlich denke er beim Dirigieren von Mahler auch an Rudy, wie er ihn liebevoll nennt.

Vom "Reichsorchester" zum Orchester der Versöhnung

Für den Geigenbauer Weinstein und für Guy Braunstein ist das Konzert "ein Sieg über die Nazis", da sind sie sich einig. Braunstein fügt hinzu: "ein doppelter". Die Berliner Philharmoniker seien schließlich nicht irgendein Orchester.

Furtwängler dirigiert vor Hitler (Foto: picture alliance)

Furtwängler dirigiert vor der Führungsriege der Nationalsozialisten (um 1934)

Während des Nationalsozialismus waren die Berliner Philharmoniker "Reichsorchester" im Auftrag von Goebbels' Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Unter ihrem Leiter Wilhelm Furtwängler dient das Orchester bis Kriegsende der Repräsentation der Nazi-Regierung, sorgt für den musikalischen Rahmen der Reichsparteitage in Nürnberg und der Olympischen Spiele, spielt regelmäßig Konzerte für das Winterhilfswerk und die "Kraft-durch-Freude"-Bewegung. Die Orchestermitglieder werden einer "Arisierung" unterzogen, vier herausragende Musiker müssen bereits bis 1934 das Orchester verlassen und ins Exil gehen, darunter der Erste Konzertmeister Szymon Goldberg.

Das Gesicht Deutschlands

Musiker mit einem jüdischen Elternteil können – anders als in anderen Orchestern – hingegen bleiben. Es ist einer der Gründe weshalb die Rolle von Wilhelm Furtwangler bis heute umstritten ist. Unabhängig davon, dass er sich nach dem Krieg einem Entnazifizierungsverfahren stellen musste und als "Mitläufer" eingestuft wurde.

"Die Berliner Philharmoniker waren unter den Nazis das Gesicht Deutschlands und sie sind heute das Gesicht Deutschlands", weiß Guy Braunstein. "Aber heute ist es ein schönes Gesicht. Ich bin Jude, ich bin Israeli, aber ich habe 13 Jahre lang bei den Berliner Philharmonikern gespielt. Es könnte nicht symbolischer sein, als dass ich hier mit diesem Orchester auf diesen Geigen spiele."

Nach der Vorstellung applaudiert das Publikum minutenlang in Standing Ovations. Amnon Weinstein, dem Geigenbauer, fehlen die Worte. "Ich muss erst einmal durchatmen", stammelt er. "Es war so schön, wie sie gespielt haben, ich kann es nicht in Worte fassen." Sein Taschentuch, sagt er noch, habe er die ganze Zeit in der Hand gehalten, um sich die Tränen zwischendurch abzutupfen. Damit war er an diesem Abend nicht der Einzige.