Berliner Mauer: Ein ungewöhnliches Jubiläum | Deutschland | DW | 04.02.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Berliner Mauer: Ein ungewöhnliches Jubiläum

Vor exakt 28 Jahren, zwei Monaten und 27 Tagen fiel die Mauer - das ist genau der Zeitraum, den sie auch stand. Immer wieder wurde versucht, sie zu überwinden. Ein Fluchthelfer erinnert sich. Rachel Stewart aus Berlin.

Carl-Wolfgang Holzapfel begann im Alter von 17 Jahren gegen die Berliner Mauer zu protestieren (C.-W.Holzapfel)

Berlin, 1964: Der junge Carl-Wolfgang Holzapfel protestiert gegen die Mauer

Im August 1961 begannen die Arbeiten an der Berliner Mauer. Als sie bald darauf stand, mussten sich alle, die aus dem östlichen ins westliche Deutschland fliehen wollten, vor allem auf ihren Mut und Einfallsreichtum verlassen. Die Mauer mit ihrem Todesstreifen und zahlreichen Absperrungen im Vorfeld war nahezu unüberwindbar. Und nur mit ganz ausgefeilten Methoden gelang es, Technik und Wachmannschaften zu täuschen.

Einige Flüchtlinge griffen auf die Hilfe von Freunden oder professionellen Fluchthelfern im Westen zurück, um die Mauer zu überwinden. Manche versuchten, sie mit Fluggeräten zu überfliegen. Und wieder andere versuchten, unter ihr in den Westen zu gelangen. Man schätzt, dass insgesamt rund 75 Tunnel unter der Berliner Mauer gegraben wurden.

Carl-Wolfgang Holzapfel, der 1963 an der Errichtung des Tunnels mitgewirkt hat (DW)

Fluchthelfer aus Idealismus: Wolfgang Holzapfel

Erst vor kurzem fand ein Archäologe den Eingang zu einem solchen Tunnel in der Nähe des Mauerparks. Seine Entdeckung brachte die Geschichte eines Mannes ans Licht, dessen engagierter Widerstand gegen die Mauer mit dieser unterirdischen Passage nach Osten begann. 

"Man konnte nicht einfach so schaufeln, sondern musste mit einem Spaten diesen Lehmboden regelrecht abschaben", erinnert sich Carl-Wolfgang Holzapfel. "Das war anstrengend und auch das bisschen frustrierend, weil man oft das Gefühl hatte: du kommst überhaupt nicht vorwärts. "

Ein Tunnel für die Freiheit

Im Jahr 1963 begann der damals 19-jährige Westberliner mit einer Gruppe von Freunden unter einem stillgelegten Lagerhaus im Stadtteil Wedding sich in Richtung der Mauer zu graben. Ihr Ziel war ein 80 Meter weiter gelegener Keller an der Ostseite der Mauer. Über ihn wollte Holzapfels Freund Gerhard Weinstein seine Tochter in den Westen holen, die seit Mauerbau im Osten bei den Großeltern lebte.

Video ansehen 05:09

Gespräch mit Maueraktivist und Tunnelbauer Carl-Wolfgang Holzapfel

Nachdem die Gruppe den Tunnel vier Monate lang immer weiter ausgehoben hatte, wurden die Arbeiten von der Stasi entdeckt. Insgesamt wurden 21 Personen, die aus der DDR Richtung Westen fliehen wollten, festgenommen. Holzapfel hat nie wieder von ihnen gehört.

Eine bittere Enttäuschung. Doch für Holzapfel, inzwischen 73, war die Mühe nicht umsonst. "Weil es doch die Spur hinterlassen hat: es wird immer Menschen geben die sich gegen Unrecht auflehnen und die nach Wegen suchen, dieses Unrecht zu untergraben", erklärt er im Gespräch mit der DW.

Ein jahrzehntelanger Kampf

Und so wurde der Misserfolg für Holzapfel zum Beginn eines fast drei Jahrzehnte dauernden Kampfes. "Ich habe mit 17 Jahren meinen Kampf gegen die Mauer begonnen und damals einen Schwur abgelegt: Weil diese Mauer ein Unrecht ist, wirst du so lange gegen sie kämpfen, bis du ihren Wegfall erlebst - oder bis sie dich überlebt."

Video ansehen 02:54

Unterirdische Flucht in den Westen

1965 wurde Holzapfel bei einer friedlichen Demonstration am Berliner Grenzübergang Checkpoint Charlie verhaftet. Neun Monate verbrachte er in dem berüchtigten Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen. Schrecken konnte ihn das nicht: Nach seiner Freilassung protestierte er weiter, überzeugt, dass er das wiedervereinigte Deutschland irgendwann erleben würde.

Symbolischer Protest

Zum 28. Jahrestag des Mauerbaus entschloss sich Holzapfel zu einem symbolischen Protestakt. "Ich dachte mir: Jetzt machst du mal eine Aktion um diesen Irrsinn, diese Grenzziehung durch eine Stadt irgendwie deutlich zu machen."

Er wickelte sich in eine deutsche Fahne und band ein dickes weißes Band um die Hüfte. So legte er sich am Grenzübergang Checkpoint Charlie auf den Boden: den Kopf im Osten, die Füße im Westen. Das weiße Band stand für die Grenzlinie. "So wie ich sichtbar ein Körper bin, so ist Berlin ein ganzes, so ist Deutschland ein ganzes."

Berlin 1989 Protest Carl-Wolfgang Holzapfel (Burmeister/Archiv Carl-Wolfgang Holzapfel)

Ein Mensch, zwei Staaten: am 28. Jahrestag des Mauerbaus

Ein Teil der Geschichte

Weniger als drei Monate später, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. Am nächsten Tag stand Holzapfel am Potsdamer Platz, wo Ost und West zusammenlaufen. "Mir sind die Tränen heruntergelaufen. Es gibt nichts schöneres - und das kann auch keiner mehr toppen."

Der Fluchttunnel, den Holzapfel einst grub, soll nun erhalten und zu einem Teil der offiziellen Gedenkstätte der Berliner Mauer werden. Für ihn selbst war es eine bewegende Erfahrung, zum Eingang des Tunnels zurückzukehren. "Das betrifft nicht nur die eigene Geschichte", findet er heute. "Es ist ein Teil der gesamten Berliner Geschichte."

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema